Autorin: Johanna Ruf
ISBN: 978-3-95723-121-5
Umfang: 118 Seiten, 20,5 x 12,5cm, Broschur
Preis: 12.95 €

 

 

Johanna Ruf ist Zeugin des Untergangs. Sie ist die letzte, die ihr Schweigen nach Jahrzehnten bricht. Dies ist ihr Tagebuch von damals. Im Anhalter Bahnhof versorgt sie Flüchtlinge, im Lazarett der Reichskanzlei Soldaten, trifft die Goebbels-Kinder, hastet durchs Granatfeuer und wird bei der Roten Armee dienstverpflichtet.

 

 

 

 

 

 

 

 

Johanna Ruf, Vita

21. Februar 2017

Johanna Ruf kam Ende Oktober 2016 mit dem rbb zur Eröffnung der „Dokumentation Führerbunker“ in den Anhalter Bunker, heute Berlin Story Bunker. Sie ist eine der Wenigen, die den Bunker von früher kennt, die im Alter von 15 Jahren in Anhalter Bahnhof geholfen hat, Flüchtlinge zu betreuen und später im Lazarett am Führerbunker in der Neuen Reichskanzlei verletzte Soldaten versorgt hat. Das waren die Aufgaben im Bund Deutschen Mädchen.

Damals, am Mittwoch, dem 25. April 1945 ist soll sie zur Reichsjugenführung in der Kurfürstenstraße kommen: „Ein Wunder, dass wir alle heil durchgekommen sind. Kurz vor der RJF kamen wieder Tiefflieger und rechts und links waren keine Häuser. Wir legten uns kurzentschlossen auf die Erde, die Schüsse fielen ziemlich in der Nähe, ich hätte viel darum gegeben, einen Stahlhelm zu haben, wie alle anderen.“ Einen Tag später: „Wir bekommen vom Gau Flugblätter geschickt, die wir unter die Bevölkerung verteilen sollen: Die Armee Wenk soll den Ring, den die Russen um Berlin gelegt haben, von außen aufrollen.“ Und am Freitag, dem 27. April 1945: „Der Artillerie-Beschuss liegt jetzt direkt zwischen dem Anhalter Bahnhof und dem Potsdamer Platz, und ausgerechnet das ist unser Weg. Wir liegen mehr auf der Straße, als wir laufen, aber irgendwie kommen doch alle heil durch … Gegen zehn Uhr kommt von irgendwoher die Meldung, dass die ersten russischen Panzer am Anhalter Bahnhof sind. Und wir sitzen ein paar Meter weiter mit der SS zusammen. Die Fahrräder müssen wir schweren Herzens zurücklassen, dann gehen wir durch einen Notausgang nach oben. Draußen sieht es furchtbar aus: der Bahnhof brennt, die Ari schießt wieder stärker, Tiefflieger kommen ohne Unterbrechung.“ Hitlers Arzt, Prof. Werner Haase, erzählt im Lazarett, dass der Führer geheiratet habe. Von den Männern, die Adolf Hitler und Eva Braun mit Benzin überschütteten, hört sie davon. Und am Dienstag, dem 1. Mai 1945 sollen sie zu ihm: „Heute Nacht gab es eine große Aufregung: Wir sollten zum Führer. Aber eh wir noch richtig wach waren, war das Ganze schon wieder abgeblasen und wir schliefen weiter. Nun ist es aber wohl doch ernst geworden, denn Irmgard erklärt kategorisch: „Entweder in weißen Blusen oder überhaupt nicht.“ Da hat sie schließlich Recht. Unsere Blusen sind ziemlich schmutzig, so können wir unmöglich gehen.“

Beim ersten Besuch in ihrer schönen Wohnung drückte mir Johanna Ruf dieses Manuskript in die Hand, ihr Tagebuch. Sie hat damals auf Zetteln Stichworte aufgeschrieben. Die konnte sie gut bei sich behalten. Kurz nach dem Krieg schrieb sie alles auf und später mit der Schreibmaschine ab. Dabei haben sich Kleinigkeiten geändert. Die Namen gibt es alle, aber sie sind im Manuskript nicht vollständig. Spricht man heute mit Johanna Ruf (87), hat sie alle Namen im Kopf. Es war nach dem Zweiten Weltkrieg nicht angebracht, schriftlich festzuhalten, wer beim Bund Deutscher Mädchen oder in der Hitlerjugend welche Position eingenommen hatte.

Später fielen ihr beim Abschreiben auch noch Situationen ein, deren Bedeutung sich im Nachhinein erschloss. Das Tagebuch ist aber im Kern so erhalten, dass man spürt, wie es die Sicht der Dinge aus der Perspektive eines 15 Jahre alten Mädchens darstellt, das sich durch die apokalyptischen Tage in Berlin kämpfen muss.

Johanna Ruf kannte den Anhalter Bahnhof schon lange. Ihr Vater arbeitete dort. Aber nicht das imposante Bahnhofsgebäude aus dem Jahr 1880, damals der größte Bahnhof des Kontinents, war für sie von Bedeutung, sondern die weit verzweigten Gleise hinten, wo die Waggons sauber gemacht wurden. Das war die Aufgabe ihres Vaters Emil. Die deutsche Familie des Vaters war zur Zeit von Königen Luise nach Russland gekommen. Seine Vorfahren hätten im Ersten Weltkrieg gegen die Deutschen kämpfen müssen, schossen immer daneben und wurden dann gegen die Türkei eingesetzt. Johannas Mutter legte ihrem Mann Emil immer wieder nahe, lesen und schreiben zu lernen. „Es muss auch einfach Arbeiter geben. Sonst läuft gar nichts.“ Arbeiterstolz. Immerhin: Es gab Freifahrkarten und Johanna durfte allein zu Verwandten in die Nähe von Hannover reisen. Bei den Bauern dort gab es richtig zu Essen. Das war 1937, 1938. Damals sagten ihre Eltern „Jetzt geht es uns besser als vor der Hitler-Zeit.“ Beinahe hätten sie bald darauf auch ein kleines Arbeiterhaus bauen können. An jedem Wochenende ging es zu dem Grundstück. Dann war dort eines Tages nur noch ein Bombentrichter.

Ihre Eltern, so empfand es Johanna, standen nicht hinter ihr. Sie brachte gute Zensuren. “Ein blindes Huhn findet auch mal ein Korn.“ – „Wo hast Du denn abgeschrieben? Das stammt doch nicht von Dir!“Sie wird in allen Fächern die Beste in der Klasse. „In der Volksschule kann jeder Idiot Klassenbester werden.“

Im Alter von fünf Jahren, noch nicht ganz sechs, wird sie in der Volksschule am Markusplatz in Berlin eingeschult, im Alter von 13 Jahren hat sie die acht Schuljahre hinter sich gebracht. Der Direktor Franz Hübner ging nicht in die Partei, wurde degradiert, kam vom Gymnasium zu Mädchenvolksschule. „Unser Glück. Das war damals die Wiege meiner Schreiberei. Damals fing auch meine Schönschrift an. Ihm zuliebe habe ich mir eine eigene, wunderbare Schrift angeeignet. Der ehrgeizige Direktor hat uns vielmehr beigebracht als sonst in der Volksschule üblich.“

„Was willst Du jetzt arbeiten? Da kannst uns ja nicht länger auf der Tasche hängen!“, so der Vater. Diesmal setzte sich die Mutter durch und Johanna durfte auf die Frauenfachschule.“ Zum Pflichtjahr kam sie zu Verwandten in den Warthegau. Jeden Tag eine Stunde zu einem Bauern hin, weil das Kind angeblich nur Milch von einer bestimmten Kuh vertrug, und eine Stunde zurück – durchs Moor.

Aufgewachsen ist Johanna in der einer feuchten Kellerwohnung eines herrschaftlichen Hauses im Villenviertel Hünefeldstraße, in der Villa Hünefeld. Ihre Eltern hatten die Hauswartstelle. Der Vater kümmerte sich um die Koksheizung, die Mutter um die Wäsche, die Kinder putzen die Treppen und freundeten sich mit den Dienstmädchen an. Deren Verwandte in Hirschberg besuchte Johannas zweieinhalb Jahre ältere Schwester mehrmals.

Baronin Hünefeld hatte eine Schwester, gegen die selbst die Kinder beim Spielen oft gewannen, weil geistig sie nicht so richtig fit war. Aber sie hatte ein Radio. Dort konnte man Kinderfunk hören. Während die Baronin sich mit der Hausdame nach München absetzten konnte, kam deren Schwester am 1. März 1943 ins KZ Sachsenhausen. Ins Haus zog dann der SS-Obergruppenführer Weinrich, der ständig besoffen war. Vater Emil kümmerte sich weiter um die Heizung.

Am 1. März 1943 wurden sie auch ausgebomt – die ersten in der Schule in Lankwitz. Das Haus brannte ab, Johanna stand davor und zitierte die „Feuersbrunst“ aus Schillers Glocke. Ihre Sorge war, ob die Zigarrenkiste mit den gesammelten Granatsplittern noch da war. Die Granatsplitter wurden in der Schule getauscht.

Im Januar 1945 hörte die Schule auf und der gesamte Bann 200 war für den Anhalter Bahnhof eingeteilt. BDM-Leiterin Regine kam jeden Tag mehrmals nach ihren Mädchen sehen. Sie hätte sich absetzen können zu Verwandten in die Schweiz, wollte aber die jungen Mädchen nicht allein lassen „Sie hat sich rührend um uns gekümmert.“ Und für Selbstbewusstsein der Mädchen gesorgt.

Johanna Ruf arbeitete im Kinderhort und begann 1948 eine Ausbildung zur Krankenschwester im Josephs. Der eigene Herr sein. Lieber als bei den Eltern wohnen. Die hat sie gelegentlich besucht, bis der Vater ihr vorhält „Wenn man kommt, bringt man Blumen oder Konfekt mit.“ Das war’s dann mit Besuchen. Selbst wenn Johanna gewollt hätte, woher das Geld dafür nehmen bei 10 Mark Ausbildungsbeihilfe im Monat? Ihr Examen legte sie 1950 ab und arbeitete bis 1988 in verschiedenen Krankenhäusern, lange im Wenkebach in Tempelhof.

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