Die Joachimsthaler Schulgeschichte. Die Brandenburgische Entstehungsgeschichte in Joachimsthal
Die im 14. Jahrundert von den Künstlern, Schriftstellern und Wissenschaftlern Italiens ausgehende, von seinem politisch und wirtschaftlich entwickelten Stadtbürgertum, den herrschenden Adelsgeschlechtern und von den gebildeten Päpsten geförderte, kulturelle Strömung und wissenschaftliche Bewegung des Humanismus und der Renaissance beeinflusste zunehmend auch das Geistes- und Kulturleben in Deutschland. Sie führte unter anderem im Kürfürstentum Brandenburg bereits 1506 zur kurfürstlichen Gründung der Universität Frankfurt an der Oder – Viadrina –.
Das Bildungsziel der Humanisten, das Gelehrte wie Erasmus von Rotterdam, Philipp Melanchthon und Johannes Reuchlin, gebildete Adlige wie der Reichsritter Ulrich von Hutten als Absolvent der Viadrina1 und städtische Patrizier wie der Ratsherr Willibald Pirkheimer in Nürnberg anstrebten, war die Heranbildung und die freie Entfaltung der »autonomen« Persönlichkeit als Individualität im Sinne der idealisierten klassischen Antike2. Ihm diente als Bildungsmittel vor allem die philologisch-kritische Auseinandersetzung, Interpretation und Pflege überkommener Originaltexte antiker Autoren.
Dieser hoffnungsvolle Beginn im Bildungswesen der deutschen Klöster, Städte und Universitäten wurde jedoch durch den zunächst innerkirchlichen, dann zunehmend reichs- und landesherrlich ausgetragenen Konflikt zwischen den Parteien der Reformation und der Gegenreformation empfindlich gestört. Die Folgen dieses alle europäischen Länder im 16. Jahrhundert erfassenden Kirchenkampfes waren der Verfall des regionalen Hochschul- und des klösterlichen Schullebens, den die wenigen noch existierenden, städtischen Knabenschulen nicht mildern konnten.
Um diesem um sich greifenden Übelstand abzuhelfen und um sich von dem Bildungsmonopol der immer noch katholisch geprägten Klosterschulen unabhängig zu machen, gründeten die protestantischen Landesfürsten, allen voran der Herzog und Kurfürst Moritz von Sachsen auf Anregung des Humanisten und Theologen Johannes Rivius und mit den Finanzmitteln säkularisierter Kirchengüter bei Naumburg »Schulpforta«, in Meißen »St. Afra« und in Grimma »St. Augustin« als eigene Landes- oder Fürstenschulen.
Diesem Beispiel folgten recht bald die brandenburgischen Kurfürsten. Bereits 1601 erörterten der Kurfürst Joachim Friedrich gemeinsam mit dem Generalsuperintendenten der Mark, Dr. Christoph Pelargus, Professor der Theologie an der Universität Frankfurt/Oder, und seinen beiden Berliner Hofpredigern Johannes Flack und Simon Gedicke den Gründungsplan einer eigenen Fürstenschule. Als Schulsitz wählten sie das in der Nähe des kurfürstlichen Jagdschlosses Grimnitz am Grimnitz-See gelegene, am 1.Januar 1604 gegründete Landstädtchen Joachimsthal. Mit dieser Ortswahl sollten die zukünftigen Schüler, »dem leichtfertigen Leben der großen Städte« entrückt, sich »ungestört und sicher vor schädigender Verführung … ausschließlich der Arbeit und den Studien widmen« können3. Reich ausgestattet mit den »Mitteln aus kurfürstlichen Domänen und säkularisierten Kirchengütern«4, wurde das »Joachimsthalsche Gymnasium« als Fürstenschule am 23. und 24. August 1607 feierlich in »Gegenwart des Kurfürsten, seines Enkels Georg Wilhelm, vieler Grafen, Barone, Gelehrten« des Lehrerkollegiums und der ersten, ausgewählten Schüler eingeweiht. (...) |