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Die Beine der Hohenzollern

Was Primaner des Joachimsthalschen Gymnasiums über die Berliner Siegesallee schrieben und was Wilhelm II. von den Aufsätzen hielt

ISBN 978-3-929829-58-7
erschienen Februar 2007

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Legenden um Otto den Faulen

Bei aller Mühe, aus der Beinstellung auf Charakter und historische Leistung eines Herrschers zu schließen, war es erholsam, auf eine Figur zu treffen, der man auch mal kritische bis humorvolle Betrachtungen widmen konnte. Ein solcher Monarch war König Friedrich Wilhelm II., der Neffe und Nachfolger Friedrichs des Großen. War dieser ein Musensohn und Bauherr, vor allem aber ein großer Feldherr, so kannte man den »dicken Wilhelm«, wie die Berliner ihn nannten, eigentlich nur als großen Frauenheld, Lebemann und Vater mehrerer illegitimer Kinder. Außerdem hatte er sich mit seinen Verbündeten in den Kriegen gegen die französischen Revolutionsheere nicht gerade durch Erfolg ausgezeichnet. Ein solcher Herrscher konnte nur mit schlaffen Knien dargestellt werden, träge, antriebslos, aufgeblasen, abgehoben.

Gelegentlich saßen die Schüler einem gelehrten Irrtum auf, etwa wenn sie bei dem von Albert Manthe in Marmor gemeißelten Kurfürsten Johann Cicero eine dozierende Pose bemerkten. Dabei ist der auf den berühmten römischen Redner gemünzte Beiname eine postume Erfindung. Sie bezieht sich auf die angebliche Fähigkeit des Kurfürsten, lange lateinische Reden halten zu können. Der ursprüngliche Beiname »Magnus« des durch seine bedeutende Körpergröße auffallenden Herrschers setzte sich nicht durch. Für »groß« gehalten zu werden, blieb späteren Monarchen wie dem Kurfürsten Friedrich Wilhelm und Friedrich II. vorbehalten. Doch diese Feinheiten waren den Schülern wohl nicht geläufig.

Wie Friedrich Wilhelm II., der als Begründer des Klassizismus in Preußen und Bauherr des Brandenburger Tors in Berlin in die Geschichte einging und seinem Reich das »Allgemeine Landrecht« brachte, so passte auch ein anderer Herrscher nicht richtig in die marmorne Heldensammlung – Markgraf Otto der Faule, ein Vertreter der vor den Hohenzollern auf dem brandenburgischen Thron sitzenden, ansonsten in Bayern regierenden Wittelsbacher. Auf den vom Bildhauer Adolph Brütt gestalteten brandenburgischen Markgrafen stürzten sich die Gymnasiasten mit besonderer Wonne. Mit ihm gab es nach all den gedanklichen Höhenflügen bei den »positiven« Potentaten sozusagen geistige Marscherleichterung.

Mit ihrem Interesse an der markgräflichen Legende waren die Joachimsthaler nicht allein, denn es ist überliefert, dass sich besonders viele Berliner Kinder und Schüler bei Führungen entlang der Siegesallee vor diesem in ziemlich lascher Haltung und mit herunterhängenden Augenlidern, kurzum mit blödem Gesicht dargestellten Fürsten versammelten und ihre Witze machten. Ein solcher Mensch war eigentlich unwürdig, brandenburgische Geschichte auf der Ruhmesstraße zu repräsentieren. Aber da der Kaiser bei seinen Vorgängern Vollständigkeit befohlen hatte, musste auch Otto VIII. dran glauben.

Die Gedankenspiele und Witze rund um diesen Markgrafen basieren auf dem ihm erst später angedichteten lateinischen Beinamen Otto ignavus, was so viel heißt wie Otto der Faule oder der Träge. Nach einer anderen Deutung aber soll dieser Landesherr, ein Schwiegersohn Kaiser Karls IV., eine Hautkrankheit gehabt haben, was ihm einen anderen Beinamen, nämlich »der Faulige oder der Finnige« verschaffte. Mag sein, dass dieser Otto aufgrund von menschlichen oder medizinischen Unzulänglichkeiten, aber auch aus wirtschaftlichen und politischen Gründen in seiner Handlungsfähigkeit beeinträchtigt war. Wie ein Blick in die Historie zeigt, war der Wittelsbacher keineswegs »faul« im herkömmlichen Sinne, etwa wie ein Schüler, der seine Hausaufgaben nicht erledigt. Vielmehr war er sogar ziemlich gewitzt, weil er sich aus Brandenburg zurückzog, als er sah, dass er gegen die Übermacht seines zur Herrschaft in der Mark drängenden Schwiegervaters Kaiser Karl IV. nichts ausrichten konnte. Sein volkstümlicher Beiname könnte auch damit zusammenhängen, dass er sich nach seiner mit einer hohen Abfindung von 500 000 Gulden verbundenen Abdankung ein bequemes, man könnte sagen faules Leben gönnte. Dieses währte allerdings nicht lange, denn Otto VIII. starb schon mit 30 Jahren. Sein Denkmal, das den ehrenrührigen Beinamen ausdrücklich erwähnt, stellt einen durch Nichtstun gealterten Mann in schlaffer Körperhaltung dar, und so lautete die Botschaft denn auch: seht, so werdet ihr sein, wenn ihr faul, träge und schlafend wertvolle Zeit vertut. (…)

Otto der Faule hat seinen Standplatz verlassen und ruht sich in der Siegesallee auf einer Bank aus. Nicht einmal seine schwere Rüstung hat er abgelegt. Karikatur von Friedrich Jüttner in den Lustigen Blättern« von 1899.

Adolph Brütt hatte eine recht undankbare Aufgabe übernommen, als er den Antihelden in Helm und Kettenhemd presste. Der Markgraf scheint im Stehen zu schlafen, kaum dass er die Augen aufbekommt. »Der linke Fuß ist lässig vorgestellt, das Knie schlaff gebeugt. Keine Muskel ist angespannt, kurz es ist das Bild der Trägheit und Schlaffheit. Auf diesen Beinen kann kein thatkräftiger Körper ruhen, sie sind nicht durch harte Arbeit gestählt worden; Bequemlichkeit und ausschweifendes Leben haben die Kraft der Glieder zerstört, die jetzt ein klägliches Bild eines Herrschers abgeben«, kommentierte der Schüler Heinrich Förster den nicht ins Bild eines energiegeladenen Landesfürsten passenden Ausdruck. (…)

Bei Otto dem Faulen bemerkte der Schüler Theodor Schamberg, auch wenn man seinen Namen am Sockel nicht läse, wüsste man, um wen es sich handelt. »Als ob er einen stundenlangen Marsch in glühender Hitze hinter sich hätte, steht er da mit schlappen Knieen, als ob er, wie der Volkswitz treffend sagt, ‹von seinem Sockel herunter steigen wollte, um sich auf die Bank zu legen›.« Dem Kaiser gefiel die Beobachtung, und so schrieb er unter die Arbeit, die vom Lehrer nur mit »genügend« bewertet wurde: »Großartige Kritik und treffend zugleich über das Thema! W.« Ob dem Schüler bei seiner Beschreibung eine Karikatur aus den »Lustigen Blättern« von 1899 bekannt war, auf der Otto der Faule mit voller Rüstung auf seiner Marmorbank schläft, ist nicht überliefert.

Beim Kurfürsten Joachim II. Hektor, dessen Beine durch Stahlschienen geschützt sind, beobachtet Theodor Schamberg, er suche sein Recht mit dem Schwert und finde Freude am ritterlichen Kampf. Albrecht der Bär, der in der Mark Brandenburg das Christentum einführte und in der Siegesallee das Kreuz in die Höhe hebt, stelle seinen Fuß triumphierend auf einen heidnischen Götzen. Damit wurde einmal mehr die Vorstellung bedient, slawisches Götterwesen sei heidnischer Kultus gewesen, der zum Segen für das Land erst durch das Christentum überwunden wurde.

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