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Die Beine der Hohenzollern

Was Primaner des Joachimsthalschen Gymnasiums über die Berliner Siegesallee schrieben und was Wilhelm II. von den Aufsätzen hielt

ISBN 978-3-929829-58-7
erschienen Februar 2007

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Det bin ick - mit Knollenneese!

Die Siegesallee betrieb auch mit ganz unbedeutenden Landesherren fürstliche Propaganda. Mit dem noch unmündigen Markgrafen Heinrich das Kind, der von August Kraus in lässiger Haltung gestaltet wurde, starben 1320 die Askanier aus.

Gab es bei der Auswahl der auf der Siegesallee darzustellenden Fürsten keinen Spielraum, weil der Kaiser auf Vollständigkeit bestand, so erlaubte sich die Denkmalskommission einige Freiheiten bei der Bestimmung jener Personen, deren Büsten beiderseits der Herrscher aufgestellt werden sollten. Reinhold Koser und seine Historikerkollegen lasen Urkunden und Chroniken und schlugen Besetzungsvarianten vor, die vom Kaiser approbiert werden mussten. Die Bildhauer hatten bei der Darstellung der gekrönten und ungekrönten Helden erhebliche Probleme, vor allem wenn es sich um Gestalten des Mittelalters handelte, von denen keine Personenbeschreibungen oder Bilder existierten. Man nutzte daher unter anderem volkstümliche Beinamen früherer Herrscher wie Heinrich das Kind, Otto der Faule, Otto mit dem Pfeil, Joachim I. Nestor oder Joachim II. Hektor und begab sich damit auf unsicheres Terrain. Denn solche Bezeichnungen sagen im Allgemeinen wenig über die historische Bedeutung und schon gar nichts über das Aussehen einer bestimmten Person aus. In ihrer Not haben die Künstler und ihre wissenschaftlichen Berater den brandenburgischen Legendenschatz befragt, und auch der war alles andere als zuverlässig.

Mittelalterliche Siegel und Münzen sagen nichts darüber aus, wie ein Herrscher ausgesehen hat. Dieses Siegel soll den so genanten falschen Waldemar darstellen, um den es Mitte des 13. Jahrhunderts in der Mark Brandenburg viel Aufregung gab.

Herrschte bei der Darstellung der mittelalterlichen Fürsten und Assistenzfiguren ziemliche Willkür, so konnte man sich bei Personen aus der Neuzeit wenigstens auf Gemälde, Stiche, Münzen und Medaillen oder auch Skulpturen stützen, obwohl auch diese oft geschönt waren. Weniger kompliziert gestalteten sich Kostümstudien und die Inspektion von Schmuck und Ordenssternen, Rüstungen und Schwertern, Hüten und Helmen. Ihre präzise Nachbildung war dem detailverliebten Kaiser wichtig, weshalb er auch mit eigenen Entwürfen nachhalf. Die Konzentration auf authentische Kostüme und Frisuren verhalf den Figuren zu einer gewissen Glaubwürdigkeit, kaschierte aber, dass man beim Wichtigsten, der Physiognomie und Körpersprache, hatte passen müssen. Drastisch hat der Schöpfer der Denkmalsanlage für Albrecht den Bären, Walter Schott, sein Dilemma beschrieben, aus dem Nichts etwas zaubern zu müssen: »Da von Otto von Bamberg sowohl wie von Wiger von Brandenburg [den beiden Begleitfiguren, H. C.] gar nichts, von Albrecht dem Bären nur ein Siegel existierte, das ebenso gut ein Pfund Wurst wie ein Gesicht darstellen konnte, so habe ich bei Albrecht dem Bären ein ganz klein bißchen in den Spiegel geguckt und meinen Kopf verwandt. Von Wiger von Brandenburg hatte ich mir die Vorstellung gemacht, dass es ein ganz magerer, halbverhungerter Priester gewesen sein musste, da ja schon der Name so trocken und hart klingt und es in der Mark Brandenburg auch nicht so viel zu essen gegeben hat. Da der Name Otto von Bamberg schon so behäbig und rund klingt, er auch im Erzbistum Bamberg eine gute Futterkrippe gehabt, habe ich mir von diesem die Vorstellung gebildet, dass er sehr behäbig und rund ausgesehen haben müsse.«

Er habe per Annonce nach einem Modell gesucht, berichtete Schott weiter, und als er eines Tages nach einem Spazier- gang nach Hause kam, sei er überrascht gewesen, dreißig bis vierzig teilweise mit Zylindern bedeckte Menschen vor seiner Ateliertür warten zu sehen, »so dass es aussah, als kämen die Leute zu meinem Begräbnis.« »Als ich ‹im Bild› war, suchte ich mir zwei passende Gestalten aus, für den Bamberger einen dicken Kölner Küfer, der seine Tage in Berlin beschließen wollte, und für den Brandenburger Bischof einen märkischen Fischer, einen reizenden alten Mann.« Wenn er die beiden Büsten ansehe, so glaube er sagen zu können, dass es ihm gelungen sei, »zwei glaubwürdige Gestalten geschaffen zu haben«. Laut Schott soll sich der Kaiser über die Episode amüsiert haben.

Auch bei anderen Denkmälern wussten sich die Bildhauer zu helfen. Mangels historischer Bildvorlagen und glaubwürdiger Beschreibungen in den Urkunden und Chroniken suchten sie sich Modelle im Familien- und Bekanntenkreis, ließen die Phantasie spielen und erlaubten sich bisweilen Späße wie den bei der Darstellung des märkischen Ritters Wedigo von Plotho, genannt »der Bauernschlächter«. Seine Büste flankiert das Denkmal von Markgraf Heinrich das Kind, für den der Bildhauer August Kraus den jungen französischen Cellisten Baselaire Modell stehen ließ.

Für Ritter Wedigo nahm sich Kraus den Zeichner des Berliner Proletariats, Heinrich Zille, zum Vorbild, natürlich ohne Brille und Zigarrenstummel. Kraus konnte sich den Scherz erlauben, weil der aus einem Eisenhelm herausschauende Künstler zum Zeitpunkt der Fertigung des Denkmals (1897 bis 1900) noch relativ unbekannt war. Als später überaus populärer Vertreter der vom Kaiser verdammten sozialkritischen »Gossenkunst « wäre ein solchermaßen verulkter »Bauernschlächter« für die Siegesallee bestimmt nicht zugelassen worden. Von Zille ist folgender Ausspruch in berlinischer Mundart über seine Rolle als Denkmalmodell überliefert: »Und denn holte der [Kraus, H. C.] einen alten Helm, stülpte mir den Pott über’n Kopp. ’nen Bart trug ich ja ooch, und ick musste Modell stehen. Nu steh ick in Stein jehaun uff de Siejesallee. Det bin ick – mit Knollenneese!« Als nach dem Zweiten Weltkrieg diskutiert wurde, was aus den beschädigten Ruhmesstraßenfiguren werden sollte, spielte der Umstand eine Rolle, dass Kraus ein besonders originelles Zilleporträt geschaffen hatte, weshalb die Büste von der beabsichtigten Vernichtung ausgenommen wurde.

Mangels authentischer Vorlagen sahen sich die Bildhauer im Freundeskreis nach markanten Gesichtern für ihre Figuren um. Heinrich Zille stand seinem Freund August Kraus für die Büste des Ritters Wedigo Modell.

Auch für andere Standbilder und Büsten haben sich pfiffige Bildhauer markante Köpfe ausgesucht. So soll der hagere Althistoriker Theodor Mommsen für den Geistlichen und Historiographen Heinrich von Antwerpen neben dem Denkmal von Markgraf Otto II. Pate gestanden haben, und beim langbärtigen Fürsten Pribislav-Heinrich, der zu Füßen des Markgrafen Otto I. aufgestellt wurde, glaubte die zeitgenössische Presse eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Hofmaler Anton von Werner zu erkennen. Wend von Ileburg, seines Zeichens Landeshauptmann unter Kurfürst Friedrich I. von Hohenzollern, trägt die Gesichtszüge des Grafen beziehungsweise Fürsten Philipp zu Eulenburg, eines engen Vertrauten Wilhelms II. Auch bei anderen Figuren lassen sich ähnliche Verbindungen zu lebenden Personen finden.

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