Die Beine der Hohenzollern
Was Primaner des Joachimsthalschen Gymnasiums über die Berliner Siegesallee schrieben und was Wilhelm II. von den Aufsätzen hielt
ISBN 978-3-929829-58-7erschienen Februar 2007 Zum Buch...
Licht und Schatten einer MetropoleKaiser Wilhelm II. war ein Monarch, wie er im Buche steht – prachtliebend und prestigesüchtig. In Berlin verfolgte er ehrgeizige Pläne: Er wollte aus der Metropole, die 1871 Hauptstadt des unter preußischer Führung vereinten Deutschen Reiches wurde, die schönste Stadt der Welt machen. Berlin nahm um 1900 eine Fläche von rund 63 Quadratkilometern ein und hatte 1,9 Millionen Einwohner. Am 1. Oktober 1920, zwei Jahre nach dem Ende der Monarchie, entstand durch zahlreiche Eingemeindungen Groß-Berlin mit 3,8 Millionen Einwohnern. Indem die bisherigen Städte Charlottenburg, Köpenick, Neukölln, Schöneberg, Spandau und Wilmersdorf sowie verschiedene Landgemeinden und Gutsbezirke aufgenommen wurden, erreichte die Hauptstadt der jungen Weimarer Republik eine Fläche von 878 Quadratkilometern. Sie war nun nach der Einwohnerzahl die drittgrößte und nach der Fläche sogar die größte Stadt der Welt. (…) Aus zeitgenössischen Schilderungen kennen wir die schreienden Gegensätze in der Reichshauptstadt. Hier das Stadtschloss und die anderen Repräsentationsgebäude, die Kirchen und die von den Hohenzollern und einer reichen Oberschicht geförderten Museen, die Bankenpaläste und großartigen Flaniermeilen, die mit Denkmälern aller Art geschmückten Plätze und Brücken. Nicht zu vergessen die mondänen Kaufhäuser, die als prächtig gestaltete Tempel des Konsums Kunden anlockten. (…) Der Gendarmenmarkt war und ist einer der schönsten Plätze Berlins. Vor Karl Friedrich Schinkels Schauspielhaus, dem heutigen Konzerthaus, erhebt sich das von Reinhold Begas geschaffene Schillerdenkmal, seitwärts steht der Deutsche Dom. In seinem Erinnerungsbuch »Die Welt von gestern« notierte der Wiener Schriftsteller Stefan Zweig, das Berlin von 1905 gleiche nicht mehr jenem von 1901, das er gekannt habe. Aus der Residenzstadt sei eine Weltstadt geworden. »Breiter, prunkvoller wurden die Straßen, machtvoller die öffentlichen Bauten, luxuriöser und geschmackvoller die Geschäfte. Man spürte es an allen Dingen, wie der Reichtum wuchs und wie er sich verbreitete; selbst wir Schriftsteller merkten es an Auflagen, die sich in einer Spanne von zehn Jahren verdreifachten, verfünffachten, verzehnfachten. Überall entstanden neue Theater, Bibliotheken, Museen; Bequemlichkeiten, die wie Badezimmer und Telefon vordem das Privileg enger Kreise gewesen, drangen ein in kleinbürgerliche Kreise.« Doch Berlin, die großartige Metropole von Kunst, Kultur und Wissenschaft, hatte auch ein anderes Gesicht. Pracht und Protz der Kaiserstadt standen schreiendem Elend entgegen. Auch dafür gibt es eindrucksvolle Statistiken, Schilderungen und Bilder. Sie berichten von Enge und Dunkelheit, von Geschrei und widerwärtigen Gerüchen, von Prostitution und Verbrechen, von Hoffnungslosigkeit und Ausgrenzung. Der Schriftsteller Hans Fallada beobachtete im Scheunenviertel jenseits der Museumsinsel, dass sich hier das ganze Leben der Bewohner auf der Straße abzuspielen schien. (…) Um in diese gefährlichen Gegenden zu gehen, bedurfte es schon einigen Mutes. (…) »Sie können freilich zu fünft in einem Zimmer unterkommen. Wir können uns diese Einschränkung nicht leisten«, titelte Karl Arnold seine sarkastische Karikatur zum Thema Wohnungsnot. Wie das Berliner Proletariat und die vielen Ausgegrenzten lebten, war bei den Stadtvätern und in der Politik durchaus bekannt. Fast eine Million Menschen hausten zu fünf oder mehr Personen in einem Zimmer; die Toiletten befanden sich oft auf dem Hof. Die berüchtigten Mietskasernen hatten mehrere lichtlose Hinterhöfe und erstreckten sich manchmal über hundert Meter von einer zur anderen Straße. Doch solange eine Feuerspritze in einem dieser Höfe noch wenden konnte, war für die Politiker und Stadtplaner alles in Ordnung. Kein Wunder, dass in diesen Elendsvierteln Krankheiten grassierten, das Verbrechen blühte und sich viele Menschen dem Alkohol hingaben. »Familie in der Kneipe«, heißt ein Bild, das Heinrich Zille, der Zeichner des Berliner »Milljöhs«, geschaffen hat. Ein Mädchen und zwei Männer dösen an einem Tisch vor sich hin, lassen sich von einem schreienden Kind, das eine Frau auf den Tisch gestellt hat, nicht stören. »Glücklich ist, wer verfrisst, was nicht zu versaufen ist«, heißt es auf einem Pappschild an der Wand. Mit solchen traurig-schönen Zeichnungen machte Zille, von dem noch im Zusammenhang mit der Siegesallee die Rede sein wird, in der Kaiserzeit Furore, weshalb ihn etablierte Kollegen einen Gossenkünstler nannten. In ungewohnter Deutlichkeit, aber auch mit Sympathie sprach der Zeichner und, was nicht so bekannt ist, Fotograf mit seinen Bildern ein nicht nur in Berlin weit verbreitetes Problem an – das des Alkoholismus. Angesichts beengter und bedrückender Wohnverhältnisse und der großen Obdachlosigkeit blieb damals einem Großteil der Gestrandeten, der Arbeiterschaft und der kleinen Angestellten offenbar nichts anderes übrig, als ihre Freizeit vor allem in Etablissements wie den von Zille gezeichneten zu verbringen und dort einen Teil ihres nicht sehr üppigen Lohns für Bier und Schnaps auszugeben. An jeder Ecke konnte man billigen Fusel trinken, die Reichshauptstadt war weit und breit die Stadt mit den meisten Kneipen. (…) Arme Leute zogen mit ihren Habseligkeiten von einer noch nicht ausgetrockneten Neubauwohnung in die andere. Hier konnte man eine Weile für wenig Miete bleiben, und wenn die Behausung nicht mehr feucht war, ging es weiter. Zeichnung von Heinrich Zille. Sich diese Verhältnisse in Erinnerung zu bringen scheint ein Jahrhundert später nötig. Das kaiserzeitliche Berlin bestand eben nicht nur aus einer immer wiederkehrenden Folge von Festen, Paraden und Staatsbesuchen, von Grundsteinlegungen und Denkmalweihen. In der Kunstszene tobte ein heftiger Kampf zwischen konservativen Kräften, angeführt vom Kaiser, und jenen der Moderne. An der Berliner Universität und der Preußischen Akademie der Wissenschaften wurden bahnbrechende Entdeckungen gemacht, die schon sehr früh mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurden. Aber nicht vergessen werden sollte, dass es da auch noch das andere Berlin gegeben hat, das des Elends und der Hoffnungslosigkeit. |
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