Die Beine der Hohenzollern
Was Primaner des Joachimsthalschen Gymnasiums über die Berliner Siegesallee schrieben und was Wilhelm II. von den Aufsätzen hielt
ISBN 978-3-929829-58-7erschienen Februar 2007 Zum Buch...
VorwortWIEDERENTDECKUNG UMSTRITTENER KUNST Ein Blick vom Königsplatz in die Siegesallee auf einer Postkarte aus dem Jahr 1902. Im Vordergrund die Denkmalgruppe mit Albrecht dem Bären. Die wechselvolle Geschichte der Ende des Zweiten Weltkriegs bei den Kämpfen und Schießereien im Berliner Tiergarten beschädigten und danach abgetragenen Siegesallee wurde 1998 von Uta Lehnert in dem Buch »Der Kaiser und die Siegesallee – Réclame Royale« ausführlich gewürdigt. Die Schüleraufsätze werden im Zusammenhang mit der Wirkungsgeschichte der Ruhmesstraße nur am Rande erwähnt. Auch Jan von Flockens Buch »Die Siegesallee – Auf den Spuren Brandenburgisch-Preußischer Geschichte« (2000) schenkte den Aufsätzen nur ein paar Zeilen und zeigte am Schicksal der Siegesallee nach 1945, dass sich unterschiedliche Parteien im Verdikt über die Ruhmesstraße einig waren: »Kommunisten interpretierten die Siegesallee als Werk talentloser Klassenfeinde – Modernisten im Westen diffamierten sie als Auswuchs reaktionärer Epigonen. Beide Seiten behaupten unisono, hier handle es sich nicht um Kunst.« In dieser zum 400. Geburtstag des Joachimsthalschen Gymnasiums vorgelegten Edition der Schüleraufsätze über die Beine der Hohenzollern sind neue Überlegungen und Erkenntnisse eingeflossen. Nach Veröffentlichungen von 1990 und 2001 erscheint eine abermalige Ausgabe sinnvoll, da hier auch der Versuch unternommen wird, dem Urheber jenes ungewöhnlichen Aufsatzthemas, Otto Schroeder, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Dieser war zu seiner Zeit als Altphilologe eine Koryphäe und genoss bei den Schülern große Verehrung. Wie ein Blick auf seine Lebensgeschichte zeigt, kann er keineswegs mit einem Professor Unrat in Heinrich Manns »Blauem Engel« und ähnlichen Figuren verglichen werden. Der erste Teil dieser Edition versucht außerdem, den Lesern eine Vorstellung davon zu geben, wie es vor hundert Jahren in Berlin aussah, wo die Licht- und Schattenseiten der aufstrebenden Metropole waren. Beim Lesen der Schüleraufsätze sollte gegenwärtig sein, dass 1901 kein beliebiges Jahr war. Zumindest in Preußen, dem größten und mächtigsten Bundesstaat des deutschen Kaiserreichs, gedachte man der »Erhebung« des Kurfürsten von Brandenburg, Friedrich III., zum König »in« Preußen. Die Krönung fand am 18. Januar 1701 in Königsberg statt – 160 Jahre später setzte sich am gleichen Ort König Wilhelm I., ab 1871 Kaiser Wilhelm I., die Krone auf. Beide Ereignisse waren Anlass für zahlreiche Festlichkeiten, in deren Mittelpunkt Wilhelm II. stand. Der Königskrönung von 1701 wurden opulente Bildbände, ja selbst Gedenkmünzen und Medaillen gewidmet, über deren Gestaltung der Kaiser höchstpersönlich entschied. Berliner Gedenkmünzen zu zwei und fünf Mark feierten 1901 den ersten preußischen König Friedrich I., der sich 1701 in Königsberg die Krone aufgesetzt hatte, und seinen mit dem Gardehelm geschmückten Nachfahren Kaiser Wilhelm II. Ende 1901 wurde die Siegesallee vollendet und mit einer spektakulären Rede des Kaisers in den Rang von Kunstwerken gehoben, die angeblich den Vergleich mit Meisterwerken der Renaissance nicht zu scheuen brauchen. Mag sein, dass sich Otto Schroeder von der Euphorie inspirieren ließ, die die Siegesallee bei einem Teil der Deutschen und der Berliner auslöste, als er seine Primaner mit dem, wie eine Zeitung später schrieb, »burlesken« (etwa: possenhaften) Thema vor eine schwer zu bewältigende Aufgabe stellte. Das Thema »Berlin und seine Denkmäler« ist faszinierend und noch lange nicht erforscht. 2003 erschien mein Buch »Marmor, Stein und Bronze – Berliner Denkmalgeschichten «, in dem auch die Siegesallee und ihre Reste eine Rolle spielen und die Schüleraufsätze erwähnt werden. Diesem mit vielen Bildern ausgestatteten Band folgte 2004 ein ähnlich gestaltetes Buch mit dem Titel »Fürsten, Helden, große Geister – Denkmalgeschichten aus der Mark Brandenburg «. Es macht unter anderem auf Nachbildungen einzelner Standbilder von der Siegesallee aufmerksam, die Wilhelm II. außerhalb Berlins zum Ruhme seines Hauses und seiner eigenen Person aufstellen ließ. So kommt es vor, dass beschädigte Originale aus Marmor im Berliner Lapidarium am Halleschen Ufer im Bezirk Kreuzberg stehen, während in der Mark Brandenburg und anderen Landesteilen intakte Bronzeabgüsse neugierige Blicke auf sich ziehen. Diese Edition soll einen weiteren Beitrag zur Geschichte der Berliner Denkmäler leisten. Ein herzlicher Dank gilt einem besonders engagierten »Joachimsthaler«, dem leider schon 2002 verstorbenen langjährigen Vorstandsmitglied der Vereinigung Alter Joachimsthaler e. V., Dr. Justus Fürstenau, der mir interessantes, zum Teil unveröffentlichtes Material über das wechselvolle Schicksal seiner Schule sowie über Otto Schroeder zur Verfügung stellte. Das von Friedrich Drake geschaffene Denkmal des Architekten Karl Friedrich Schinkel auf dem Schinkelplatz nicht weit von der Schlossbrücke entfernt bildet mit den Monumenten für Thaer und Beuth ein Ensemble und wirbt für den Wiederaufbau der Schinkelschen Bauakademie. |
|
|
Programm
