Der Wedding
Auf dem Weg von Rot nach Bunt
ISBN 978-3-929829-38-9erschienen Oktober 2006 Zum Buch...
Unter den Nationalsozialisten. Die NSDAP erobert den Wedding.Am 11. Februar 1927 traten die Nationalsozialisten zu ihrer ersten öffentlichen Veranstaltung im Wedding zusammen: Ausgerechnet in der KPD-Hochburg in den Pharus-Sälen, Müllerstraße 142. Joseph Goebbels sollte über das Thema: »Der Zusammenbruch des bürgerlichen Klassenstaates« referieren. Der Ort war bewußt gewählt, die Versammlung eine Provokation. Mit ihr begann eine Reihe brutaler Saalschlachten, die sich vor allem KPD und NSDAP in den folgenden Jahren im Wedding lieferten. Andere Austragungsorte waren der »Glaskasten« in der Prinzenallee, die »Brunnensäle« am S-Bahnhof Gesundbrunnen, das »Gesellschaftshaus« in der Swinemünder Straße, die »Germania-Pracht-Säle« in der Chausseestraße 87.
Demonstrative Aufmärsche durch den Roten Wedding, vor allem durch die Kösliner Straße, Soldiner Straße und Buttmannstraße, die fest in den Händen der KPD waren, gehörten zum Programm der SA. Bewaffnete Überfälle auf offener Straße, die nicht selten in Straßenkämpfen endeten, kosteten in mehreren Fällen Anhängern von KPD, SPD und NSDAP das Leben. Die NSDAP nannte diese Ereignisse »einen Zweifrontenkrieg gegen bürgerlichen Unverstand und marxistischen Terror«. Sie gewann ihn nach sechs Jahren mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 und der darauf folgenden gewaltsamen Beseitigung ihrer Gegner.
Anfang 1930 gab es im Wedding lediglich den SA-Sturm 17 (Stettiner Bahnhof), der für den gesamten Bezirk zuständig war. Im Sommer 1932 konnte die Ortsgruppe Zeppelin der NSDAP ihre Geschäftsstelle in den Pharus-Sälen beziehen. Im Herbst desselben Jahres richtete die NSDAP erstmals eine Bezirksgeschäftsstelle im Wedding ein, im Stollwerkhaus in der Chausseestraße. Von hier aus wurden die weiteren Unterorganisationen aufgezogen, darunter die »Nationalsozialistischen Betriebsorganisationen« (NSBO) bei der AEG, der BVG, bei Sanitas und Wittler und anderen Großbetrieben. Die Lage der Standorte zeigt, daß man sich nur zögernd in den Bezirk hineinwagte, ihn vom Rande her sondierte. Dennoch wurde der Bezirk schon in diesen Jahren durchstrukturiert und in die Sektionen Humboldt, Gesundbrunnen, Schillerpark und Wedding eingeteilt. 1932 entstand die Sektion Zeppelin, die vom Schillerpark abgetrennt wurde und die Gegend um den Zeppelinplatz mit der Ingenieurschule abdeckte. Hier fand die NSDAP reichlich Anhänger. Die SA verteilte ihre »Sturmlokale« in die Usedomer Straße 9, Tegeler Straße 38, Schönwalder Straße 10 und in die Buttmannstraße 2. Die SA besetzte Lokale, die als KPD- und SPD-Versammlungsorte bekannt waren. Die NSDAP war nicht auf Koexistenz, sondern auf »Machtübernahme« und völlige Verdrängung aus. Unabhängig von den »Sturmlokalen« bestanden seit 1930 nationalsozialistische Treffpunkte in einem Lokal in der Kunkelstraße 5 und in der Konditorei Bischoff, Chausseestraße 56. Frau Bischoff übernahm 1931 die Leitung der NS-Frauenschaft des gesamten »Bezirks Norden«, nachdem sie sich zuvor als Leiterin der Frauenschaft Wedding bewährt hatte. Die NSDAP konnte im Wedding bis 1933 nur etwa ein Viertel der Bevölkerung für sich einnehmen, weil sie keine Arbeiterpolitik in ihrem Parteiprogramm vorsah. Ihre Wähler rekrutierten sich zu großen Teilen aus dem Mittelstand und der bäuerlichen Bevölkerung, die im Wedding weniger vertreten waren. Die NSDAP wartete mit einer Arbeitsideologie auf, in deren Mittelpunkt das Arbeitsethos stand, das die Arbeit an sich glorifizierte, die Arbeiter selbst aber wenig konkret bedachte. Mit der Parole »Arbeiter der Faust und der Stirn« versuchte die Partei, die bestehenden Klassenunterschiede zu verwischen. Arbeit als patriotischer Beitrag zum Aufbau des NS-Staates sollte jedem Mann, der zu bester Leistung und völliger Unterordnung bereit war, einen höheren Lebensstandard und gesellschaftlichen Aufstieg ermöglichen. Wie die Arbeiterschaft im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie in den Staat einzubinden und zu organisieren sei, wußte die NSDAP auch noch nicht, als sie nach der Regierungsübernahme die alten Gewerkschaftsverbände auflöste. Bei der Reichstagswahl am 31. Juli 1932 erhielt die NSDAP in Berlin-Brandenburg 28,7 Prozent der Wählerstimmen und verdoppelte damit fast ihren Anteil. Im Wedding wählten 41 960 Stimmberechtigte die NSDAP. Das entsprach einem Anteil von 19,3 Prozent. Ganz vorn lag die KPD mit 91 851 Stimmen (= 42,6 Prozent). Ihr folgten die SPD mit 59 995 (= 27,8 Prozent), das Zentrum mit 7 320, die Deutsche Staatspartei (vormals DDP) mit 1 939 und die DVP mit 508 Stimmen. 1932 erreichte die Weltwirtschaftskrise, die im Oktober 1929 eingesetzt hatte, ihren Höhepunkt. Anfang 1933 bezogen im Wedding 64 000 Menschen Arbeitslosenunterstützung und 40 000 Wohlfahrtsunterstützung – Jugendliche, Frauen und Dauerarbeitslose nicht eingerechnet. Doch sah die Mehrheit der Frauen und Männer im Wedding darin keinen Grund, der NSDAP nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler ihre Stimmen zu geben. Eine Mehrheit gab es, solange Wahlen möglich waren, nur für die KPD. Sie vereinte, obwohl sie seit dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 verboten war, bei der Reichstagswahl am 5. März 1933 39,2 Prozent der Stimmen auf sich, bei der Bezirkswahl am 12. März desselben Jahres 32,6 Prozent und erreichte auch damit noch vor allen anderen Parteien den höchsten Stimmenanteil. Die SPD bekam 22,8 und 24 Prozent. Allerdings stieg der Anteil der NSDAP auch im Wedding nicht unbeträchtlich: von 25,9 Prozent am 5. März auf 30 Prozent am 12. März 1933. Den höchsten Stimmenanteil konnte die NSDAP innerhalb der Kapernaum-Gemeinde an der Seestraße erringen. |
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