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Denkmäler der Liebe

Zeugnisse des Totenkronenbrauchs in der Mark Brandenburg

ISBN 978-3-929829-63-1
erschienen Juli 2007

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Als ich vor einigen Jahren auf dem Dachboden der Dorfkirche in Berlin-Kaulsdorf vier barocke Holztafeln mit Aufschriften und Konsolen entdeckte, ahnte ich nicht, dass ich auf Zeugnisse eines in der Region Berlin-Brandenburg längst vergessenen Brauchs gestoßen war. In der Gemeinde wusste nur ein Kirchenmitarbeiter von der Existenz der Stücke. Er hatte sie im Rahmen einer Entrümplungsaktion im letzten Moment wieder vom Sperrmüllcontainer gezogen und sichergestellt. Über die Bestimmung der Fundobjekte war nichts bekannt.

Die eher unscheinbaren Tafeln von einfacher Machart (S. 24) übten eine merkwürdige Faszination auf mich aus. Es stellte sich heraus, dass ihre Aufschriften Namen und Lebensdaten von weiblichen und männlichen Jugendlichen enthielten, die im 18. Jahrhundert im Alter zwischen 13 und 27 Jahren verstorben sind. Die Recherchen ergaben, dass diese ausschließliche Widmung an Jugendliche nicht dem zufälligen Erhalt geschuldet war: Es handelte sich nämlich um Totenkronenbretter. Ihre Konsolen dienten der Präsentation von Totenkronen, die man den unvermählt Verstorbenen beiderlei Geschlechts als Ersatz für die zu Lebzeiten entbehrte Brautkrone und als Lohn für ihre Jungfräulichkeit im Rahmen eines als Hochzeit verstandenen und vermutlich auch gestalteten Begräbnisses verehrt hatte.

„Ich muß doch sterben und bin so jung.“ – Die Anfänge des Brauchs. Totenkronen als Grabbeigaben
Greifbar wird der Totenkronenbrauch in unserer Region in der zweiten Hälfte des 16. und in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts in bildlichen Darstellungen von verstorbenen Kindern, die Kränze oder Kronen auf dem Haupt oder am Arm tragen. Es handelt sich dabei vor allem um Kindergrabsteine (S. 18/19). Das älteste bekannte Beispiel befindet sich in der Stadtpfarrkirche St. Trinitatis in Finsterwalde (Lkr. Elbe-Elster): Der Stein ist einem adligen Mädchen gewidmet, das 1555 verstarb. Die meisten der Grabsteine sind Säuglingen und kleinen Kindern von Adligen zugeeignet, in zwei Fällen den Töchtern eines Pfarrers und eines Schulrektors. Grabsteine für Mädchen sind häufiger als für Knaben. Vereinzelt sind Haarkränze auch auf Gemälden nachweisbar, wie auf dem Sargporträt des 1603 mit neun Jahren verstorbenen Caspar von Uchtenhagen in Bad Freienwalde (Lkr. Märkisch-Oderland, S. 16/17).

Die Kronen wurden wohl meist von den Jungfrauen des Ortes in gemeinsamer Trauerarbeit hergestellt. Ihr Aussehen erinnert an mecklenburgische Brautkronen. Zum Schutz der Kronen fertigte man auch verglaste Gehäuse an. Eine ein zigartige Sammlung von zehn Kronenkästen mit insgesamt elf Kronen ist in der Stadtpfarrkirche St. Marien in Bernau (Lkr. Barnim) erhalten (S. 42-45). Sie datieren zwischen 1796 und 1851. An den Kronen lässt sich eine Entwicklung ablesen von kegelförmigen, vorwiegend mitWachspapierquasten besteckten, maximal 35 cm hohen, recht robusten Stücken hin zu empfindlichen, reich mit textilen Blüten, geprägten Papierblättern und bortenbesetzten Seidenbändern dekorierten, korbartigen Gebilden von teils eindrucksvoller Pracht und Größe.

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde im Norden wie im Süden die Totenkrone vielerorts zum Kranz aus künstlichen Myrten oder Blumen reduziert. Für seine Aufbewahrung fertigte man vereinzelt verglaste Kästen, meist jedoch vertiefte Holzrahmen mit Verglasung an. Der älteste und schönste dieser Kranzrahmen wurde in der Dorfkirche Bechlin (Lkr. Ostprignitz-Ruppin) aufgefunden (S. 50/51). Er ist der Tochter eines Rittergutsbesitzers gewidmet, die 1845 an einer Lungenentzündung verstarb. Daneben gab es auch freihängende Kränze, von denen sich aber kaum welche erhalten haben.
Neben den Kränzen blieben weiterhin Kronen auf Konsolbrettern und in Kästen in Gebrauch. Genannt sei hier die beeindruckende Sammlung in der Dorfkirche Herzberg (Lkr. Oder-Spree, S. 56/57). Die reizenden Kronenkästen kombinieren das mit der Inschrift versehene Brett mit einem verglasten Gehäuse, in dem je eine Myrtenkrone ausgestellt ist.

Mit dem Verschwinden der Totenkronen aus den Kirchen ging auch das Wissen um den Brauch und seine Zeugnisse weitgehend verloren. Die wenigen, oft in einem gefährdeten Zustand überkommenen Stücke sind daher vielfach in ihrem Erhalt bedroht. Ich denke aber, dass sie es wert sind, als unersetzliche Denkmäler der volkstümlichen Sepulkralkultur geschätzt, bewahrt und darüber hinaus möglichst auch erforscht zu werden. Angelaufene Konservierungsprojekte machen deutlich, dass die Rückführung der noch auf manchem Kirchboden verstaubenden und verfallenden Kronen und Gestelle einen Gewinn an „Poesie und Leben“ für die Kirchenräume bringen würde. Erzählen uns doch diese „Denkmäler der Liebe“ von dem Schmerz, den man auch früher – trotz der hohen Kindersterblichkeit – beim Tod von Kindern und Jugendlichen empfunden hat. In ihrer liebevollen und tröstenden Art stimmen sie jedoch auch versöhnlich mit dem Unabänderlichen. Sie künden von der Bewältigung des Unfassbaren im Rahmen einer von der Gemeinschaft getragenen Trauer- und Erinnerungskultur. Noch heute vermögen sie unsere Herzen aufzuschließen und so einem wachsenden Bedürfnis nach einem menschlicheren, kulturvolleren Umgang mit dem Thema Tod und Trauer in unserer Gesellschaft entgegenzukommen.

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