Berlin in den achtziger Jahren
Im Brennpunkt der deutsch-deutschen Geschichte
ISBN 978-3-86855-024-5erschienen Oktober 2009 Zum Buch...
Der EinladungspokerDer Einladungspoker Ende 1986. Die Verhandlungen zur 750-Jahr-Feier kamen in die heiße Phase. Egon Krenz hört mit Im Zuge der Gespräche mit Löffler bekamen wir den Eindruck, dass die andere Seite etwas Besonderes plante. Am 26. September 1986 wurde klar, was es war. Auf der zweiten Sitzung des Komitees zum 750-jährigen Bestehen Berlins kündigte Honecker weltweite Einladungen zu den Festveranstaltungen an. Von der »Gastfreundschaft« schlösse man »selbstverständlich die ständigen Einwohner von Berlin (West) nicht aus.« Es sei eine »Selbstverständlichkeit«, dass zum Staatsakt am 23. Oktober 1987 als Ehrengäste auch der Regierende Bürgermeister und der Oppositionsführer eingeladen würden. Ursprünglich hatten Löffler und ich vereinbart, dass jede mögliche Aktion vorher mit dem anderen abgestimmt würde. Nunmehr aber kam es anders. Mein Mitarbeiter Herr Zschernack hatte aufgrund seiner Quellen herausgefunden, dass etwas Unvorbereitetes geschehen würde. Ungewöhnlich war schon der Treffpunkt, das Gebäude des Kulturministeriums gegenüber dem Nikolaiviertel. Um es statusrechtlich unbedenklich erscheinen zu lassen, hatte Löffler alle Hinweise auf das DDR–Ministerium entfernen lassen und wies sein Büro als das des »stellvertretenden Vorsitzenden des Komitees« aus. In diesem Büro übergab mir Löffler am 8. Oktober 1986 zwei Urkunden. Zum einen die Einladung des Staatsratsvorsitzenden Honecker an den Regierenden Bürgermeister Diepgen zur Teilnahme am »Staatsakt der Deutschen Demokratischen Republik aus Anlass des 750-jährigen Bestehens von Berlin« am 23. Oktober 1987 und zum anderen eine Einladung von Oberbürgermeister Krack an Diepgen zum »Treffen von Bürgermeistern aus aller Welt« vom 1. bis 5. Juni 1987, nach »Berlin, Hauptstadt der DDR.« Diese Formulierung »Berlin Hauptstadt der DDR« war natürlich die statusrechtliche Fußangel. Ost-Berlin nahm zwar faktisch die Hauptstadtfunktion für die DDR wahr, ständig reichten sich dort internationale Staatsgäste die Türklinke und die Regierungsinstitutionen der DDR agierten dort. Aber Ost-Berlin war nach unserem Verständnis des alliierten Rechts unverändert Teil einer gemeinsamen Stadt Berlin mit alliiertem Status. Durfte ich ein solches offizielles Dokument mit der Formulierung »Berlin, Hauptstadt der DDR« überhaupt annehmen? Ich zögerte, wollte die Sache erst abstimmen. Ich sagte Löffler, dass ich zuerst mit Diepgen sprechen wolle. Da passierte es. Das Telefon klingelte. Löffler sprang auf, ging eilig zum etwa sechs Meter entfernten Apparat und hob den Hörer ab. Er lauschte, einige lange Sekunden. Dann antwortete er: »Jawohl, Genosse Krenz. Jawohl, Genosse Krenz. Ich habe verstanden Genosse Krenz.« »Genosse Krenz« – drei Mal laut und deutlich »Genosse Krenz.« Warum rief Egon Krenz, Mitglied des Politbüros, der zweite Mann der DDR, mitten in dieser höchst vertraulichen Verhandlung an? Ehe ich weiter darüber nachdenken konnte, sagte Löffler: »Sie müssen die Einladungen annehmen. Die Pressemeldung ist bereits abgegeben. Die Nachrichtenagenturen melden schon, dass die DDR den Regierenden Bürgermeister zum Staatsakt und zum Oberbürgermeister-Treffen eingeladen hat.« Ich überlegte. Die Sache war brisant. Der Anruf von Krenz zeigte, dass die DDR-Führung auf eine Weigerung einer Entgegennahme vermutlich sehr unangenehm reagieren würde. Es war nicht abzusehen, welche Verwicklungen daraus für Diepgen als Regierendem Bürgermeister, für den Berliner Senat, die Berliner Politik insgesamt, die Berliner Bevölkerung und für die gesamte Deutschlandpolitik entstehen könnten. Eine Ablehnung könnte gefährliche Folgen nach sich ziehen. Und welches Risiko bestand bei einer Annahme? Natürlich war die Formulierung »Hauptstadt der DDR« problematisch. Aber wenn ich mir den gesamten Text der Einladungen vor Augen führte, dann waren sie doch so abgefasst, dass mit einer Annahme keine offiziellen Anerkennung der Dreistaaten-Theorie verbunden war. Hier ging es um keine diplomatischen Beziehungen. Sondern es ging erkennbar um die Teilnahme eines Repräsentanten in Berlin an einem Stadtjubiläum Berlins. Und mit der Umbenennung seines Büros hatte Löffler mir einen versteckten Hinweis gegeben, dass auch sie die Statusfrage nicht hochspielen wollten. Ich entschied, die Einladungen entgegenzunehmen. Allerdings ließ ich mir die Dokumente nicht in dem umfirmierten Gebäude des DDR-Kulturministeriums, sondern offiziell auf der Straße vor dem Gebäude überreichen. Ich wollte der anderen Seite zeigen, dass ich ihr Spiel sehr wohl durchschaut hatte. Dann fuhr ich zurück in die Senatskanzlei und informierte den Regierenden Bürgermeister. Diepgen war sofort mit meinem Verhalten einverstanden. Auch in der Presse und von den Alliierten gab es später keine Kritik daran. Niemand hatte erfahren, dass Egon Krenz mitgehört hatte. |
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