Vorwort
Was für ein Jahrzehnt. Am Anfang waren die achtziger Jahre noch geprägt von Unruhen zum Nachrüstungsbeschluss der NATO. Dann erodierte das Sowjetimperium. Die Mauer wurde geöffnet, die DDR brach zusammen. Berlin wurde wieder vereint. Ein neues gemeinsames Deutschland entstand.
Ich war dabei. Mit Richard v. Weizsäckers Mannschaft kam ich 1981 nach Berlin. Als jüngster Staatssekretär für Wirtschaft in Deutschland durfte ich in der Stadt Fuß fassen. Schon einige Jahre später konnte ich als Chef der Senatskanzlei in der Berlin- und Deutschlandpolitik mitwirken. Dies war eng verknüpft mit dem gerade in Berlin so stark spürbaren Ost/West-Konflikt. Manches was ich dabei erlebte, wirkt aus heutiger Sicht künstlich, fast unwirklich. Es ist heute nur schwer nachzuvollziehen, wie sich frei gewählte Politiker in dem Korsett alliierten Rechts verhalten mussten. Die Alliierten waren rechtlich die oberste Macht in Berlin, nicht die Berliner Parlamentarier und der Senat. Noch fantastischer mag es sich lesen, wie wir als legitimierte Demokraten mit den Mächtigen der »anderen Seite« umgehen mussten. Die von mir im Folgenden geschilderten Verhandlungen zur 750-Jahr-Feier zeigen, welch krumme Wege zuweilen in diesem schwierigen politischen Terrain gegangen werden mussten. Sie zeigen aber auch, was damals trotz der absurden Teilung einer Stadt in zwei Machtblöcke mitten in Deutschland zwischen Vertretern »unterschiedlicher Gesellschaftsordnungen« an Verständigung möglich war und was nicht. Für mich gehört es noch heute zu den bewegendsten Momenten meines Lebens, dass ich die Maueröffnung hautnah miterleben konnte. Das Gefühl, oben auf der Mauer stehen zu können, auf diesem Schandmal, das wir sonst nur aus gebührender Entfernung hatten anstarren können, ist noch ganz lebendig in mir. Was hat sich seitdem alles verändert. Ich will diese Zeit mit der Schilderung persönlicher Erlebnisse wiedererstehen lassen, von einer Schlüsselbegegnung zur deutschen Vereinigung mit dem amerikanischen Senator Shultz bis zu Erlebnissen mit meinen Kindern, die das «Wahnsinnige«, das »Unglaubliche« dieser Zeit belegen.
Einer der besten Kenner Deutschlands und Europas der achtziger Jahre ist John Kornblum. Er war Mitte der Achtziger amerikanischer Gesandter und damit stellvertretender Stadtkommandant in Berlin, ein enger Gesprächspartner der Berliner Politik und auch von mir in meiner Position als Chef der Senatskanzlei. Später wurde er amerikanischer Botschafter in Deutschland. Kornblum bezeichnet die achtziger Jahre als »furchtsames Jahrzehnt« (WELT-ONLINE vom 9. Juni 2007). Er bezieht sich darauf, wie sich die Deutschen und viele andere Europäer nach dem Doppelbeschluss der NATO im Dezember 1979 zum Osten verhalten hätten. Er schreibt: »Die Westeuropäer verloren in den achtziger Jahren nicht deshalb die Nerven, weil sie den Kommunismus liebten, sondern weil sie Angst hatten, dass die aggressive Sprache auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs den Frieden der Ära nach 1945 zerstören würde. Selbst nach dem Zusammenbruch des Kommunismus, in meiner Zeit als stellvertretender Leiter der Verhandlungen von Dayton und später als Botschafter in Deutschland, begegnete ich noch derselben Zerbrechlichkeit. Für die Psychologie vieler Europäer in Ost und West bleibt sie zentral. Dass amerikanische Unterstützung die Europäer so weit gebracht hat, wie sie gekommen sind, ist eine der stolzesten Errungenschaften der Geschichte. Die Europäer haben nicht von Natur aus einen schwachen Willen. Doch das Trauma eines Jahrhunderts der Kriege sitzt so tief, dass der Kontinent noch immer damit beschäftigt ist, sein Selbstvertrauen zurückzuerlangen. Und die Ängste, die die achtziger Jahre zu einem furchtsamen Jahrzehnt machten, bestehen nach wie vor ...«
Ich teile diese Einordnung Kornblums der Achtziger nicht. Ich habe diese Zeit in Berlin ganz anders erlebt. Berlin war auch in diesen Jahren wie unter einem Brennglas und stand pars pro toto für globalere Entwicklungen. Die achtziger Jahre in Berlin sind für mich »Jahre des Aufbruchs«, mit dem Mauerfall am Ende sogar ein »Jahrzehnt des Durchbruchs.«
Richard v. Weizsäcker hatte als Kandidat für das Amt des Regierenden Bürgermeisters in Berlin 1981 eine Mannschaft aus vorwiegend westdeutschen Politikern zusammengestellt, die nach Weizsäckers knappem Wahlsieg in Berlin mit Herz und Realismus an die Arbeit gingen und – so hoffe ich zu zeigen – dabei Erfolg hatten. Eberhard Diepgen als sein späterer Nachfolger (und Klaus Landowsky – als Diepgens engster Wegbegleiter in diesen Jahren) knüpften als Berliner Größen nahtlos hieran an. Diese Mannschaft war, wie dieses Buch zeigen soll, alles andere als furchtsam. Diese achtziger Jahre an der Nahtstelle zwischen Ost und West waren spannend, die Politik mehr Lust als Last. Das zeigt die Fülle an Ereignissen und Erlebnissen, die ich hier erzählen werde. Ich möchte es nicht beim Schildern dieser Ereignisse und Erlebnisse belassen, sondern auch die Hintergründe und Mechanismen des damit verbundenen politischen Spiels aufzeigen. Als ein Zeitzeuge, der nah dran war und manchmal auch mittendrin.
John Kornblum als wichtigster Vertreter der Alliierten in dieser Zeit war nicht nur, wie ich später genauer wiedergeben werde, einer der Inspiratoren der großen Rede des amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Er war auch als amerikanischer Gesandter und damit oberster alliierter Politiker in Berlin ein stiller Widerpart Diepgens bei dessen Kurs gegenüber der DDR-Führung zur 750-Jahr-Feier im Jahre 1987. Vielleicht hatte er schon da innerlich analysiert, wir von der West-Berliner Seite seien bei den Verhandlungen zu »nachgiebig«, ja zu »furchtsam« gegenüber der anderen Seite gewesen? Wenn man das später beschriebene Kapitel zu Stolpes »Warnsignal an Diepgen« liest, könnte man dies als Ausgangspunkt einer solchen Bewertung nehmen. Aber auch hier hoffe ich zu zeigen, dass die West-Berliner Verhandlungslinie weder nachgiebig noch furchtsam war. Diepgens Kurs war sicherlich idealistisch inspiriert; zugleich aber politisch knochentrocken ausgeführt und an den eigenen Interessen orientiert. Kein politisches Terrain für den Westteil der Stadt sollte verloren gehen – und es ging keines verloren.
Ein Kernstück dieses Buches handelt von diesen Verhandlungen zur 750-Jahr-Feier. Es veröffentlicht erstmals eine Fülle bisher unbekannter Fakten, die das Geschehen ganz anders erhellen als bisherige Publikationen. Vor allem kann ich erstmals aufzeigen, welche Bedeutung die Mauerfrage in diesen Verhandlungen spielte und wie sich die Position meines »Gegenübers« zur Mauer, diesem »Schandmal«, im Laufe dieser Gespräche immer weiter wandelte. Einzigartig an diesem Buch ist, dass hier nicht nur die Sicht eines maßgeblich Verantwortlichen der West-Berliner Seite geschildert wird. Durch einen fast unglaublichen Zufall ist es gelungen, die Innenansicht Kurt Löfflers, dieses »Gegenübers«, des Haupt-Verantwortlichen der DDR-Seite, zu erfahren und wiederzugeben. Gespiegelt werden damit die Sichtweisen der beiden Verhandlungsführer aus West und Ost, damals »Klassengegner«, heute freundschaftlich verbunden. So kann ich eine deutsch-deutsche Geschichte besonderer Art erzählen, eine mit dem Blick von beiden Seiten. Es ist der Blick zweier Zeitzeugen, die nah dran waren an den Mächtigen dieser Zeit.
Detlef Stronk Berlin, 6. August 2009 |