VorwortKeine Atempause – Geschichte wird gemacht Keine Atempause – Geschichte wird gemacht. Zeit für Atempause haben wir kaum, hatten wir auch früher nicht. Und dass in Berlin Geschichte gemacht wird, steht außer Frage. Das zwanzigste Jahrhundert wurde mehr oder weniger hier gestaltet mit dem Ersten Weltkrieg, der Zeit des Nationalsozialismus, dem Zweiten Weltkrieg, dem Kalten Krieg, dem Bau und schließlich dem Fall der Mauer. Mit dem 9. November 1989 haben wir eben noch so die Kurve gekriegt. Jetzt fühlen wir uns wieder in den Reihen der zivilisierten Völker zurück. Keine Atempause – Geschichte wird gemacht, wie es in der Hymne der Hausbesetzer aus den achtziger Jahren heißt. Geschichte wird gemacht und gelegentlich zu schnell wieder weggepackt. Wie die Mauer. Jeder Tourist fragt nach ihr; man kann sich das Grauen der Mauer aber gar nicht mehr vorstellen, denn man kann fast nichts mehr davon finden. Mehr sehen kann man von der Kaiserzeit, von den großen Repräsentationsbauten – in den kommenden Jahren wird auch das Stadtschloss wiedererstehen. Der Fall der Mauer hat aber auch Auswirkungen auf unser Wissen über die ganz frühe Geschichte, die Gründungszeit Berlins. Denn heute können, weil so viel gebaut wird, die Wurzeln der Stadt ausgegraben werden. Erst gehen Archäologen ans Werk, anschließend dürfen die Bauherren anfangen. Manchmal kommt es zu Spannungen, weil die einen gründlich ausgraben, die anderen gern schnell bauen wollen. Aber im Laufe der Zeit entwickelt sich gegenseitiges Verständnis. Auf historischem Grund Zukunft zu gestalten ist eben etwas ganz anderes als am Rande der Stadt ein Autohaus oder einen Möbelmarkt hochzuziehen. Seit die Mauer fiel, wird in Mitte die Vergangenheit ausgegraben. Berlins Mitte hat sich seit 1989 intensiv umgestaltet. Der Bezirk lag im Osten Berlins, vom Westen aus betrachtet also hinter der Mauer, die West-Berlin umschloss. In Mitte befanden sich stets die staatlichen Repräsentationsbauten, die großen Museen, Bühnen und heute wieder die Regierung sowie im Reichstagsgebäude das Parlament. Und hier entstand Berlin. Die beiden Gründungsorte kann man immer noch lokalisieren. Das Nikolaiviertel war das ursprüngliche Berlin. Die heutige Fischerinsel war das alte Cölln, der andere Teil der Doppelstadt. Heute stehen hier Hochhäuser aus der DDR-Zeit. Den Norden der Insel zwischen den beiden Armen der Spree kennt man heute als Museumsinsel. Gemessen an anderen Metropolen ist Berlin eine recht junge Stadt. Die zurzeit wichtigsten Ausgrabungen finden im Herzen des historischen Cölln statt. Rund um die verschwundene Petrikirche erforschen Archäologen einen Friedhof; eigentlich sind es sogar mehrere Friedhöfe übereinander. Ausgrabungsleiterin Claudia Melisch legte auch Kirchenfundamente und eine Lateinschule frei. Berlinerinnen und Berliner strömten zu den Ausgrabungen, um einen Blick in die Frühzeit der Stadt zu werfen. Besucher aus Athen, Rom, Istanbul oder Köln finden, dass Berlin eigentlich nicht alt sei. Tatsächlich ist die Stadt ein Nachzügler, ein Spätentwickler. Als andere Orte bereits ausgeklügelte Abwassersysteme, demokratische Verfassungen, Amphitheater und elegante Badehäuser hatten, war an Berlin noch gar nicht zu denken. Hier gab es nur Sümpfe und Wölfe, Füchse, Bären und Wildschweine sowie eine Furt über die Spree. Dieser unwirtliche Ort abseits allen Weltgeschehens zog niemanden an. Womit auch? Hier war nichts los. Dass heute Festivals, Partys und Messen, große Ausstellungen stattfinden, dass Kultur und Berlin untrennbar scheinen, war der Stadt nicht in die Wiege gelegt. Die amerikanischste aller europäischen Städte Nicht die Glücklichen und Erfolgreichen kamen nach Berlin, nicht die Erstgeborernen, denn die blieben lieber zu Hause auf dem eigenen Hof, im eigenen Betrieb. Nach Berlin kamen jene, für die es zu Hause nichts zu erben gab, keinen Hof, keinen Handwerksbetrieb, keinen Besitz. Das hat Berlin gemein mit Amerika und Australien. Wem es zu Hause zu eng wurde, wer Hunger hatte, politisch, gesellschaftlich oder religiös gegängelt wurde, verließ die Heimat. Unter anderem deshalb ist es naheliegend, Berlin als die amerikanischste aller europäischen Städte zu bezeichnen. Die Ärmel hochkrämpeln, etwas schaffen, etwas aufbauen. Freiheitsliebe – Tatkraft und Leidenschaft – Hier bekommt jeder seine Chance. |
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