Berlin 1989-2009
Eine Bilanz in 12 Gesprächen
ISBN 978-3-86855-010-8erschienen März 2009 Zum Buch...
Aus dem Gespräch mit dem aus Bonn zugezogenen Gastronom Friedel Drautzburg („Ständige Vertretung“)Wie haben Sie den Beschluss für Berlin aufgenommen? Wie es bei uns Rheinländern üblich ist: Drei Wochen wird getrauert, dann stellt man sich auf die neue Lage ein. Der Rheinländer betrachtet einen Tritt in den Hintern ja als Aufforderung, einen großen Satz nach vorne zu machen. Anfangs hofften wir noch, dass der Beschluss revidiert wird! Als man aber 1995 in Berlin mit dem Bauen begann, wussten wir, es wird ernst. Die Journalisten, viele davon waren persönliche Freunde, saßen damals in unserer Bonner Kneipe. Denen fiel die Trennung von ihrer Kölsch-Kultur auch schwer. Einer von ihnen sagte zu uns aus Spaß: „Kommt doch mit uns, macht eine Kneipe in Berlin auf!“ Haben sich die Bundespolitiker nach dem Umzug verändert? Wie lässt sich die neue Generation der Berliner Republik beschreiben, wie unterscheidet sich von der alten „Klasse“, die Sie in Bonn ausgiebig kennen gelernt hatten? Wenn ich zurückdenke: Bundespräsident Rau wurde in Berlin mit einem verschlossenen, in Plastik verpackten Blumenstrauß empfangen, ohne persönliche Zeremonie. Das war voll „daneben“. Mein Gefühl war damals: Die wissen es nicht besser! Rau war bekennender Bonn-Befürworter, das hat man ihn büßen lassen. So etwas gibt es heute natürlich nicht mehr. Die Unterschiede zwischen den Politiker-Generationen sind augenfällig. Das fängt bei Äußerlichkeiten an: Jüngere Politiker lassen sich gerne beim Outfit beraten. Welchen Anzug trägt man, wie trägt man ihn? Das war in Bonn, selbst bei ganz bekannten Politikern, undenkbar. Die Medien und dadurch die Kommunikation über und die Wahrnehmung von Politik haben sich grundlegend geändert. Es wird auf Äußerlichkeiten Wert gelegt, man will ganz nah am Zeitgeist sein. Wer das nicht befolgt, wie z.B. immer noch manche linken Abgeordneten, die noch „vor Godesberg“ zurück wollen, wird nicht beachtet oder muss so gut sein, dass er intellektuell alles übertrifft. Aber ein Klassiker wie Müntefering, dieses Urgestein, würde sich bis heute nicht von einem Berater einkleiden lassen. Sie sind bekennender Rheinländer. Gibt es etwas, das Sie bei einer Rückkehr in Ihre Heimat aus Berlin mitnehmen würden und gibt es etwas, das Sie liebend gerne hier zurückließen? Sie können eigentlich aus Berlin nicht gerade viel ins Rheinland mitnehmen. Unbestreitbar ist: Berlin ist eine fantastische Hauptstadt, die sich für mich vor allem durch ihr gigantisches Kulturangebot definiert und profiliert. Einige Mitstreiter von früher, die den Schwur abgelegt haben, niemals Berliner Boden zu betreten, wissen nicht, was ihnen hier entgeht. Ich habe allerdings große Probleme mit dem militanten Atheismus hier, den ich intellektuell überhaupt nicht nachvollziehen kann. Berlin ist neben Bremen das einzige Bundesland, in dem Religion kein ordentliches Lehrfach ist. Das ist bildungspolitisch ein Rückschritt und vor dem Hintergrund einer 2000jährigen kulturellen Tradition einfach borniert. Und: Ohne Religion und Vaterunser fehlt den Kindern ein Koordinatensystem. Der Kult der Jugendweihe war und ist die ostdeutsche Variante einer Ersatzreligion. |
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