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Berlin 1989-2009

Eine Bilanz in 12 Gesprächen

ISBN 978-3-86855-010-8
erschienen März 2009

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Aus dem Gespräch mit dem Vorsitzenden der Türkischen Gemeinde in Deutschland Kenan Kolat

Wie nahmen Ihre Landsleute in Berlin den Mauerfall auf?

Sie meinen die Türken? Nur nebenbei: Ich bin – auch – deutscher Staatsbürger. Aber zu Ihrer Frage: Mit großer Freude, meine Schwiegermutter hat sogar geweint. Mit der Zeit setzte sich aber ein anderer Eindruck durch. Es schien, als sei die Mauer auf die Türken gefallen. Ostdeutsche Jugendliche und Erwachsene wurden bei den Ausbildungs- und Arbeitsplätzen gegenüber den Türken bevorzugt. Es kam zu einer strukturellen Diskriminierung.

Hat sich also das Verhältnis zwischen Türken und Deutschen verschlechtert?

Nein, aber Türken haben damals viel von ihrem erreichten Status an die Ostdeutschen verloren. In West-Deutschland und auch in West-Berlin gab es ja vorher den Vorwurf, die Türken nehmen den Deutschen die Arbeit weg. Denken Sie an die Situation in Berlin nach 1989: Die Berlin-Zulage für die Arbeitnehmer wurde schnell abgeschafft. Industrieunternehmen, denen man die steuerlichen Vergünstigungen gestrichen hatte, gingen weg von Berlin. Damit verschwanden vor allem die einfachen Arbeiten, die bisher von gering qualifizierten Türken ausgeführt wurden. Von 1989 bis 2004 fielen insgesamt 350 000 Arbeitsplätze weg. Heute haben wir in Berlin bei den Türken immer noch eine immens hohe Arbeitslosigkeit, fast jeder zweite ist ohne Arbeit.

Was gefällt ihnen besonders an und in Berlin, was gefällt Ihnen hier überhaupt nicht?

Ich bin ein optimistischer Mensch. Berlin hat sich sehr positiv entwickelt in den letzten 20 Jahren. Es ist eine weltoffene Metropole geworden, mit einer Infrastruktur, einem kulturellen Angebot und einer Vielfalt, die die Stadt lebenswert für Menschen aus der ganzen Welt macht. Ich persönlich schwanke immer zwischen Istanbul und Berlin. Bin ich in der einen Großstadt, wünsche ich mir, in der anderen zu sein. Aber in Berlin habe ich viele Freunde und soziale Kontakte.

Was mir nicht gefällt, ist die sture Orientierung an Regeln und Vorschriften. Ich werde oft nach dem Unterschied zwischen Türken und Deutschen gefragt. Nehmen wir ein Beispiel: Man konfrontiert beide mit einem Problem und will von ihnen wissen, ob sie es lösen können. Der Deutsche sieht sich erstmal die bestehenden Verwaltungsvorschriften an, prüft die Gesetzeslage von allen Seiten und setzt schließlich eine Kommission ein. Der Türke sagt nur „Ja“ und macht sich an die Lösung. Dass beide dann ihr Ziel oft nicht erreichen, ist eine andere Geschichte (lacht).

Vielleicht kann man es so ausdrücken: Wir alle sollten daran arbeiten, an dem dritten Weg zwischen Sturheit und Lockerheit. Wir sind dabei auf einem guten Weg. Berlin wird es schaffen.

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