U-Boote im Grunewald?
Die Geschichte des Berliner Teufelsberges beginnt im flachen Grunewald ohne jegliche Erhebung weit und breit. Am 27. November 1937 legt nämlich Adolf Hitler dort, zwischen Heerstraße und Teufelssee, den Grundstein für ein Gebäude, das die nächsten tausend Jahre stehen soll: Die »Wehrtechnische Fakultät« der Technischen Hochschule Berlin. Der Festakt ist gleichzeitig der praktische Beginn der Umbauarbeiten für seine größenwahnsinnig geplante, neue Reichshauptstadt.
Am 8. Juni 1942 kommt dem »Führer« die Idee, sie einmal »Germania« nennen zu wollen, bereits drei Monate früher faselte er von einer »Welthauptstadt«. Sie sollte das alte Berlin im märkischen Sand ablösen und das neue Symbol des »Tausendjährigen Reiches« der Nazis werden.
Bis dahin waren alle Planungen des Nazi-Chefarchitekten Albert Speer (1905-1981) weitestgehend geheim, denn allein für die geplante »Ost-West-Achse« von Wustermark über die Heerstraße ins Berliner Zentrum mussten neben zahlreichen öffentlichen Gebäuden rund 50 000 Wohnungen verschwinden. Viele der davon etwa 150 000 direkt betroffenen Menschen waren Juden, deren Zwangsumsiedlung in der physischen Vernichtung endete.
Mit der neuen »Hochschulstadt« in der Nähe des Olympiastadions sollte auch ein Ausgleich für diese Flächen entstehen. Dass sich also südlich der Heerstraße etwas tat, war der Berliner Bevölkerung nicht verborgen geblieben. Die Gerüchte blühten. Die skurrilste Vermutung: Dort würde man ein riesiges unterirdisches Becken für den Test von U-Booten bauen! So ganz falsch lag das Volk damit gar nicht, denn es ging um Rüstung und die damit verbundene Forschung. Und um Prestige. Davon ist im »Berliner Tageblatt« vom 28. November 1937 zu lesen, das Hitlers Rede bei der Grundsteinlegung veröffentlicht: »Es ist mein unabänderlicher Wille und Entschluss, Berlin nunmehr mit jenen Straßen, Bauten und öffentlichen Plätzen zu versehen, die es für alle Zeiten als geeignet und würdig erscheinen lassen, die Hauptstadt des Deutschen Reiches zu sein.« Dann wird der Diktator konkret: »Zu dieser heiligen Überzeugung lege ich nun diesen Grundstein zur Wehrtechnischen Fakultät der Technischen Hochschule in Berlin als dem ersten Bauwerk, das im Vollzug dieser Pläne entsteht. Es soll ein Denkmal werden der deutschen Kultur, des deutschen Wissens und der deutschen Kraft.«
Geplant war, der bereits 1933 gegründeten »Wehrtechnischen Fakultät« der Technischen Hochschule eine neue Heimstatt zu geben. Sie trat die Nachfolge er nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg 1918 geschlossenen »Militärtechnischen Akademie« an und trug zunächst den harmlos klingenden Namen »Fakultät für Technologie«. Dennoch blieb die Aufgabenstellung dieser Hochschule nicht verborgen, denn bereits im Wintersemester 1933/34 wies sie die »Wehrwissenschaften« als zentralen Punkt ihres Lehrprogramms aus.
Getreu ihrem ideologischen Anliegen sahen die Nazis in der vermeintlich akademischen »wehrwissenschaftlichen« Ausbildung ihres militärischen Nachwuchses die Krönung der nationalsozialistischen Erziehung, die aus ihrer Sicht nur im Fronteinsatz enden konnte.
Dementsprechend spiegeln die unter der Federführung des Architekten und Referenten in der Bauabteilung des Reichsfinanzministeriums, Hans Malwitz (1891-1987), erfolgten Planungen der Gebäude für die Technische Hochschule und die »Wehrtechnische Fakultät« nicht nur das Credo Speer’scher Monumentalbauten wider, sondern dokumentieren gleichzeitig die Wagenburgmentalität der heranzuzüchtenden Nazi-Elite.
Der von Gebäuden wie von einer unüberwindlichen Mauer eingerahmte Komplex lässt nicht die geringste Ahnung eines freien, vielleicht gar demokratischen Studierens aufkommen. Exakt ausgerichtete, kasernenartige Gebäude im Innenhof – insgesamt acht – werden von einem festungsartigen, quadratischen Kopfbau mit vier Ecktürmen auf der einen Seite und einem torartigen Gebäude auf der anderen Seite dominiert. Allein für die Umsetzung planten die Nazis die Summe von 80 Millionen Reichsmark ein. Dabei war die »Wehrtechnische Fakultät« nur ein Teil der geplanten Hochschulstadt, deren Zentrum östlich der Fakultät, Richtung Heerstraße vorgesehen war.
Dort sollte dann unter anderem ein gigantisches Auditorium Maximum entstehen, das in seiner Ausstrahlung an das Athener Parthenon aus der griechischen Antike erinnerte. Hier würde auch eine neue Universitätsklinik ihre Heimstatt finden, die die altehrwürdige Charité in der Innenstadt ersetzen sollte, weil dort der Platz für die Monumentalbauten als Insignien des »Tausendjährigen Reiches« gebraucht wurde.
Nach der Grundsteinlegung wurden die Bauarbeiten forciert und so entstand relativ schnell der Rohbau des Kopfgebäudes mit seinen vier Ecktürmen. Gleichzeitig verstärkten die Nazis jedoch ihre Kriegsvorbereitungen. Obwohl der Ausbau Berlins zur »Welthauptstadt Germania« Hitlers Lieblingsprojekt blieb, wurden Arbeitskräfte und Materialien knapp. Im Februar 1940 verfügte Reichsmarschall Hermann Göring die Einstellung sämtlicher »kriegsunwichtiger« Bauten. Am 8. April 1940 beging der designierte »Fakultätsführer« der »Wehrwissenschaftlichen Fakultät«, General der Artillerie Karl Becker (geb. 1879), Selbstmord. Er war seit dem 1. März 1938 Chef des Heereswaffenamtes und wurde nun für Engpässe bei der Bereitstellung von Munition verantwortlich gemacht. Das Nazi-Regime ehrte ihn am 12. April 1940 mit einem Staatsbegräbnis auf dem Platz vor der Technischen Hochschule, dennoch hatte mit ihm nun auch die »Wehrwissenschaftliche Fakultät« ihren »Bauherrn « verloren.
So blieben die Gebäude im Rohbau und erwarteten ihre Fertigstellung nach dem »Endsieg«. Das protzig angekündigte »Denkmal deutscher Kraft« erlebte keine einzige Lehrveranstaltung. Rudolf Mühlbecher, der in jenen Jahren ein paar Monate Fronturlaub hatte, um an der Technischen Universität zu studieren, erinnert sich daran, wie der Truppe immer wieder die künftigen Segnungen der neuen Fakultät in Aussicht gestellt wurden. Die Realität sah vorerst anders aus: Tagsüber Vorlesungen in beengten Räumen, nachts Bunkerwache und Aufräumarbeiten nach den zahlreichen Bombenangriffen auf Berlin.
Als alliierte Bomber bereits weite Teile der Stadt zur Baubrache gemacht haben, träumt Hitler noch immer von seiner »Welthauptstadt« mit den monumentalen Bauten. Daran, dass er sie möglichst schnell vorzeigen wollte, erinnert sich sein einstiger Rüstungsminister Albert Speer am 22. Juni 1950 im Kriegsverbrechergefängnis Berlin-Spandau. Er schreibt in sein Tagebuch:
»In diesen Wochen des Jahres 1950 sollte auch der erste Bauabschnitt der neuen Welthauptstadt ›Germania‹ fertig gestellt sein. Als ich 1939 Hitler diesen Termin zusagte, schwärmte er von einer großen Weltausstellung, die 1950 in den noch leeren Bauten veranstaltet werden sollte.« Nun war es anders gekommen. In den ersten Jahren nach dem Krieg hatten zahlreiche Ablageplätze für Trümmerschutt in der Stadt ihre Kapazitätsgrenze erreicht. Der kaum zerstörte Rohbau der »Wehrtechnischen Fakultät« würde ein stabiles Fundament für die Aufschüttung eines Berges abgeben – so wie der gesprengte Bunker im Volkspark Friedrichshain für den 78 Meter hohen »Mont Klamott«.
So fasste der Senat im typischen Amtsdeutsch den Beschluss, einen »zentralen Restschuttablagerplatz« im Grunewald zu errichten. Das war die Geburtsstunde des Teufelsbergs, der seinen Namen vom nahegelegenen Teufelssee erhielt. |