Vorwort
Am 4. Oktober 2004 kamen wir vor dem Haus Strelitzer Straße 55 in Berlin-Mitte mit einer Gruppe von etwa 25 Personen zusammen, u.a. dem Bezirksbürgermeister J. Zeller, dem früheren Leiter der Stasi-Unterlagen-Behörde, J. Gauck sowie Frau M. Nooke (Dokumentationszentrum Berliner Mauer) und Frau H. Ewald (Gedenktafelkommission), um eine Gedenktafel für den DDR-Unteroffizier, Egon Schultz, zu enthüllen. Vor genau 40 Jahren war er im Hof dieses Hauses, wo ein Einstieg zu einem Tunnel war, in einem Schusswechsel zwischen Fluchthelfern, die zur Gruppe um Wolfgang Fuchs gehörten, und Grenzsoldaten tragisch ums Leben gekommen. Kurz zuvor war den letzten von 57 Flüchtlingen durch diesen Tunnel die Flucht in die Freiheit gelungen.
Trotz Errichtung der Mauer 1961 versuchten weiterhin verzweifelte Bürger der DDR ihrem Staat den Rücken zu kehren. Dazu nutzten viele die abenteuerlichsten Wege, um von „Berlin-„Hauptstadt der DDR“ nach Berlin (West) zu gelangen. Menschen in Ost und West leisteten Hilfe bei diesen lebensgefährlichen „Republikfluchten“, die an der 156 Kilometer langen Mauer um West-Berlin von DDR-Volkspolizei, Staatssicherheit, Grenztruppen und freiwilligen „Helfern der Grenztruppen“ mit allen Mitteln, gegebenenfalls auch mit der Schusswaffe, verhindert werden sollten.
Angeregt durch Freunde und historisch Interessierte entschlossen sich die Autoren, ehemalige Fluchthelfer um den Jenenser Wolfgang Fuchs (*1939 - †2002), ihr eigenes Erleben bei den Fluchthilfeaktivitäten auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges aufzuschreiben. Dafür haben wir andere Fluchthelfer, Flüchtlinge, Politiker, Wissenschaftler und Journalisten als Zeitzeugen befragt, Akten eingesehen sowie vorhandene Fotos und persönliche Aufzeichnungen zusammengetragen.
Viele Fluchthelfer und Flüchtlinge haben sich jahrelang nicht äußern wollen. Sie hatten bis zur Wiedervereinigung 1990 „ihre Geschichten“ mit Namen, Zeitpunkten und Geschehensabläufen weitgehend für sich behalten – war man doch über all die Jahre eher verschwiegen mit diesem Teil seiner Vergangenheit umgegangen, um nicht sich selbst oder andere zu gefährden.
Die Fluchthelfer um Wolfgang Fuchs zeichneten sich durch eine hohe Homogenität uneigennütziger Haltungen aus. Dies zu betonen erscheint notwendig, weil Fluchthilfe mit fortschreitender Zeit auch in Kommerzialisierung, teilweise in kriminelle Handlungen abglitt. Die Gruppe, untereinander lose, auch freundschaftlich verbunden, war keine Organisation. Sie bestand im Laufe der Jahre aus unterschiedlichen Helfern - überwiegend West-Berliner Studenten und geflüchtete DDR-Bürger, die Familienangehörigen, Freunden oder politisch Gleichgesinnten die Flucht ermöglichen wollten. Gemeinsam war ihnen die Überzeugung, dass die Errichtung der Mauer quer durch Berlin gröbstes Unrecht darstellte und man dagegen einen persönlichen Beitrag leisten sollte und wollte.
Die Darstellung behandelt die Jahre 1961 bis 1965 – den Zeitraum eigenen Erlebens der Autoren.
Unserer Arbeit, die keine wissenschaftliche Betrachtung darstellen soll, liegen sorgfältige Recherchen auch in den MfS-Akten zu Grunde. Wichtige Informationen aus Unterlagen wurden stets mit Quellenangaben zitiert, um sie nachvollziehbar zu machen. Unsere Darstellungen sind an vielen Stellen aus Gründen der Authentizität durchaus subjektiv, sie geben bewusst die Sprache und oftmals leidenschaftlichen Empfindungen junger Leute nach dem Bau der Mauer wider. Sie versuchen auch die damalige Stimmung zu skizzieren, die maßgeblich von Politikern, Künstlern und Journalisten mit geprägt wurde. Sie rufen Ansichten, Wahrnehmungen und Einschätzungen in Erinnerung, wie sie zu den Zeiten einer erbitterten Auseinandersetzung an der Nahtstelle zweier Systeme vorgeherrscht haben – im Schatten der Berliner Mauer.
Erfurt, im Januar 2011 Berlin, im Januar 2011 Klaus-M. v. Keussler Peter Schulenburg |