Stadien, Silberpfeile und Weltrekorde.
Neben Leichtathletik und Boxen sind sicherlich Fußball und Autorennen in Berlin die beliebtesten Sportarten. Der Fußball hat es anfangs nicht leicht gehabt, sich durchzusetzen. Angefeindet von deutsch-nationalen Turnern und – weil aus England importiert – als »undeutsch« geltend, ist diesem Sport in Deutschland erst Ende der 1920er der Durchbruch gelungen. 1937 genießt er schon große gesellschaftliche Akzeptanz; im Alltagsleben, in der Presse sowie im Rundfunk findet die Popularität von Fußballvereinen und -spielern deutlichen Niederschlag. Gegen den Willen zahlreicher Sportlehrer, die ihn als zu unklassisch und proletarisch und damit als »Schulfeind« bezeichnen, wird der Fußball nun sogar an Schulen eingeführt.
Anders als die Fußballorganisationen der Arbeiterbewegung und die konfessionellen Vereine hat der Deutsche Fußballbund (DFB), der um 1930 schon rund eine Million aktive Mitglieder zählte, unmittelbar nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten dem »Führer« Treue und Gefolgschaft geschworen. 1933 hat sich der deutschnational geprägte DFB unter der Präsidentschaft von Felix Linnemann sogar freiwillig aufgelöst und in den Reichsbund für Leibesübungen der NSDAP eingegliedert. 1937 ist er als »Fachamt Fußball« nur noch eine Unterabteilung des »Reichsbundes«. Um sich das Potential des Arbeitersports zunutze zu machen, greifen die Nationalsozialisten allerdings nicht nur zu repressiven Mitteln, sondern versuchen auch, Spitzenfußballer aus der Arbeitersportbewegung zu umwerben. Ein Beispiel ist die Vereinnahmung des traditionellen Arbeitervereins Schalke 04, dessen Vorherrschaft in der deutschen Fußballwelt von den Nationalsozialisten stark instrumentalisiert wird. Am 20. Juni 1937 werden die »Königsblauen« aus Gelsenkirchen nach einem 2:0 im Berliner Olympiastadion gegen den FC Nürnberg dritten Mal seit 1933 Deutscher Meister. Hertha BSC, deutscher Meister 1930 und 1931, hat sich unter der Präsidentschaft von Hans Pfeiffer dem Nationalsozialismus gebeugt. Große Erfolge bleiben für Hertha im Jahre 1937 allerdings aus.
Das enttäuschend frühe Ausscheiden der deutschen Nationalelf bei den Olympischen Spielen im August 1936 hat nichts daran geändert: Berlin schwärmt für Fußball – das bestätigt allein die Vielzahl an Stadien, in der die Spiele der Berliner Regionalliga sowie auch Länderspiele ausgetragen werden: Neben dem neuen Olympiastadion gibt es das »Deutsche Stadion« im Grunewald (ehemals »Kaiser-Wilhelm-Stadion«), das Poststadion im Tiergarten und das Volksparkstadion in Mariendorf, um nur die größten Wettkampfstätten der Hauptstadt zu nennen. »An der Plumpe«, am Gesundbrunnen in Wedding, ist die Heimspielstätte von Hertha BSC. 1937 fasst die Arena, in der auch Gruppenspiele des olympischen Fußballturniers ausgetragen wurden, über 35 000 Zuschauer (darunter etwa 2700 Sitzplätze).
Stark geschwächt durch die Politik der Nationalsozialisten ist auch der Verein Tennis Borussia Berlin, eine der führenden Fußballmannschaften im Berlin der 1920er Jahre. Um einem Zwangsaustritt zuvorzukommen, haben alle jüdischen Mitglieder den Verein verlassen. Die Gegenspieler von Hertha und TB Berlin in der Berliner Pokalmeisterschaft und in der neuen Gauliga heißen SC Wacker 04 Tegel, BFC Alemannia 90, BSV 92, Berliner FC Kickers Schöneberg, SV Blau-Weiß 90 Mariendorf, Weißensee FC, VfB Pankow, Spandauer SV, FC Hertha 03 Zehlendorf, FC Lichterfelde 12, SC Wedding, FC Viktoria 89 Berlin-Tempelhof und Sportclub Charlottenburg. Aus Berlin stammt auch der älteste Fußballverein Deutschlands: der Tempelhofer BFC Germania 1888.
Ebenso verrückt wie nach Fußball sind die Berliner nach Autorennen. Zwei Helden der Rennbahn, Bernd Rosemeyer und Rudolf Caracciola, ringen um die Gunst vor allem der Berliner Jugend. 1937 ist Rosemeyer mit seinem 16-Zylinder-Mittelmotorwagen der Auto-Union der stärkste Konkurrent von »Karratsch«, der für Mercedes-Benz fährt. Im Jahr zuvor wurde Rosemeyer mit einer langen Liste von Erfolgen Europameister. Im Wettbewerb mit Caracciola stellt er mehrere Geschwindigkeitsrekorde auf – den berühmtesten am 26. Oktober 1937, als er das erste Mal 404,6 km/h über fünf Kilometer bei fliegendem Start erzielt und so den absoluten Automobilweltrekord aufstellt. Sein tragisches Ende jedoch steht unmittelbar bevor: Bei dem Versuch, Caracciola zu überbieten, der auf der Autobahn Frankfurt-Heidelberg die Rekordmarke von 432,692 km/h erreicht, verunglückt Rosemeyer am 28. Januar 1938 bei einer Geschwindigkeit von 440 km/h auf derselben Strecke. »Nach seinem Todessturz steht Bernd Rosemeyer eine Zeitlang fast gleichwertig wie Horst Wessel vor den Augen der Volksphantasie«, schrieb der deutsch-jüdische Schriftsteller Victor Klemperer im Jahre 1946. (...) |