VorwortRuhe vor dem Sturm
Danach wurde alles schlechter – so ist das Jahr der großen Inszenierungen, die Zeitspanne zwischen den Olympischen Spielen im August 1936 und dem »Anschluss Österreichs« im März 1938 den Berlinern in Erinnerung geblieben. Als Zeit der »Ruhe vor dem Sturm« bezeichnete Hitlers Dolmetscher, der Charlottenburger Paul Schmidt, das Jahr 1937 in seinen unmittelbar nach dem Krieg geschriebenen Erinnerungen: »Wie Hitler in seiner Rede vom Januar 1937 angekündigt hatte, gab es – zumindest in diesem Jahre – keine Überraschungen mehr. Wenn man es heute betrachtet, könnte man es fast das Jahr der Ruhe vor dem Sturm nennen, obgleich es in anderer Hinsicht durchaus nicht so ruhig verlief.« Tatsächlich blieben den Deutschen und der Welt Überraschungen wie die Wiedereinführung der Wehrpflicht (März 1935) und die Besetzung des entmilitarisierten Rheinlands (Mai 1936) in diesem Jahr erspart. Und doch ahnte man in der Reichshauptstadt, dass viel größere und folgenschwerere Überraschungen unmittelbar bevorstanden. Der offene Widerspruch zwischen den Friedensbeteuerungen des »Führers« und den massiven Rüstungsbestrebungen war im »Friedensjahr« 1937 nicht mehr zu übersehen. Doch scheint dies die meisten Berliner zwei Jahre vor Beginn des Zweiten Weltkriegs noch nicht allzu sehr belastet zu haben. Immerhin hatte das selbstbewusste Auftreten der Nationalsozialisten die Stellung Deutschlands wieder aufgewertet und die Schwäche der Versailler-Mächte bloßgelegt. Internationale Spannungen waren an der Tagesordnung: Ein großer Teil der Bevölkerung hielt sie für den Preis, den das Reich zahlen musste, um den Deutschen wieder »Mut, Ehre und Sicherheit« zu geben. Was für viele mehr zählte, war die »Beseitigung der Arbeitslosigkeit«, mit der die Nationalsozialisten auch einen großen Teil der früher »roten« Arbeiterschaft für sich gewinnen konnten. Dass die Verbesserung des Lebensstandards in Deutschland eine Folge der Wiederbelebung der Weltwirtschaftskonjunktur sowie einer hemmungslosen Staatsverschuldung war, wurde verschwiegen. 1937 war, wie zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen gezeigt haben, das Jahr der höchsten Identifikation zwischen Bevölkerung und Regime. Und es war auch und vor allem das »Rechenschaftsjahr«, in dem die Nationalsozialisten ihre Erfolgsbilanz vorwiesen, und dies insbesondere mit Großinszenierungen: den Propagandaausstellungen von 1937 in der »Berliner Messestadt« am Funkturm und der 700-Jahr-Festwoche. Berlin, das Machtzentrum des »Dritten Reichs«, wurde damit im Jahr seines 700. Geburtstags zur größten Bühne der Nationalsozialisten nach dem Reichsparteitagsgelände bei Nürnberg. Färbte sich das ehemals rote Berlin allmählich braun? Die Stimmung war, wenn »nicht überschwänglich«, so doch »erst recht nicht regimefeindlich«, musste der junge Exilant Willy Brandt, der sich unmittelbar vor der Jahreswende 1936/37 inkognito in der Reichshauptstadt aufhielt, niedergeschlagen erkennen. Die Nationalsozialisten befanden sich deutlich auf Erfolgskurs. Und gerade in Berlin, wo die nationalsozialistische Bewegung es sehr schwer gehabt hatte, sich zu etablieren und durchzusetzen, hatte die enthusiastische Anteilnahme der Massen vor allem bei öffentlichen Veranstaltungen für Hitler und seine Gefolgsleute eine besondere Bedeutung. Berlin hatte bis zur Machtergreifung als aufgeklärte, zügellose Metropole gegolten, die für Weltbürgerlichkeit und avantgardistisches Denken stand. Es war gerade das Emanzipatorische, der Widerspruchsgeist, was die Nationalsozialisten an Berlin am meisten störte. Zudem verkörperte die Industriemetropole, durchdrungen von Arbeiterkultur, die verhasste »Novemberrepublik«, die »Systemzeit der roten Bonzen« und die Dekadenz des modernen Stadtlebens. Diesen »üblen Beigeschmack«, so Joseph Goebbels anlässlich der 700-Jahr-Feier, »den man sonst im Lande empfand, wenn von Berlin ... die Rede war«, beseitigt zu haben, zählten die neuen Machthaber zu ihren besonderen »Verdiensten«. Vertrauen, nationaler Zusammenhalt, technischer Fortschritt und überwältigender Enthusiasmus prägten allerdings das Jahr 1937 für viele Berliner. Doch alles fußte auf einer großen Täuschung. Das Jahr 1937 stand in erster Linie im Zeichen des neuen, zweiten Vierjahresplans, der das Deutsche Reich »kriegsfähig« machen sollte. Nichts von dem, was Millionen Deutsche in Jubel versetzte – weder der Glaube, Würde und Freiheit wiedergewonnen zu haben, noch das Bild einer nach vorn blickenden Welthauptstadt – war von Dauer. »Das Deutsche Reich«, schrieb Sebastian Haffner 1981 in seinen Anmerkungen zu Hitler, »war ihm [Hitler] ja nie etwas, das er zu festigen und zu bewahren hatte, sondern immer nur Sprungbrett, zu einem ganz anderen, viel größeren Reich, [...] dem er in Gedanken nicht einmal geographische Grenzen setzte. [...] Wenn aber jeder Schritt nur Vorbereitung zum immer wieder nächsten sein sollte, gab es keine Veranlassung, irgendwo haltzumachen und Erreichtes – oder gar nur Vorgefundenes – dauerhaft als Staat zu befestigen. [...] Das Deutsche Reich musste aufhören, Staat zu sein, um ganz Eroberungsinstrument werden zu können.« Dieses Buches will den Erkenntnissen der Historiker keine neuen Forschungsergebnisse hinzuzufügen. Es will vielmehr, wie in einem Jahrbuch, die entscheidendsten Ereignisse des Jahres 1937 in der Stadt Revue passieren lassen und so ein Porträt Berlins in einem wesentlichen Augenblick seiner Geschichte zeichnen. Grundlage dieser Arbeit sind die Berichte zeitgenössischer Publikationen und der Presse, in erster Linie der Berliner/norddeutschen Ausgabe des Völkischen Beobachters, sowie die Lektüre neuerer Untersuchungen. Gespräche mit Zeitzeugen dienten als Quelle wichtigen Hintergrundwissens. Allen, die mich bei diesem Projekt unterstützt haben, möchte ich hier meinen herzlichsten Dank aussprechen. Berlin, Mai 2007 Gianluca Falanga |
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