Vorwort
Nach Sternen jagen…« möchten Künstler wie Künstlerinnen – und wie in vielen Bereichen des Lebens, mußten es die männlichen Künstler hinnehmen, daß nach und nach eben auch Frauen in diesen Sphären nach jagen wollten.
Über lange Jahrhunderte wird nur ganz vereinzelt von erfolgreichen Künstlerinnen berichtet. Erst im Verlauf des 18. Jahrhunderts gelang es einigen Frauen als selbständige Künstlerinnen in einem größeren Rahmen wahrgenommen zu werden – und sich in einem von Männern beherrschten Kunstbetrieb zu behaupten: Die Malerinnen Anna Dorothea Therbusch oder Angelika Kaufmann seien hier stellvertretend genannt, ebenso Anna Louise Karsch – die Karschin -, die als erste Schriftstellerin Deutschlands gilt, die von dem Erlös ihrer Werke zu leben vermochte.
Das 19. Jahrhundert brachte dann im Zuge emanzipatorischer Entwicklungen eine Vielzahl von künstlerisch tätigen Frauen hervor, die allerdings noch oft im Schatten ihrer männlichen Zeitgenossen standen. Vor allem für Frauen aus bürgerlichen Kreisen und dem niederen Adel stellte eine künstlerische Betätigung – oftmals waren die Damen Schriftstellerinnen – den dringend erforderlichen Broterwerb dar.
Eugenie Marlitt, Louise von François oder Hedwig Dohm seien hier genannt, aber auch Bettine von Arnim oder Fanny Lehwald. Im Bereich der bildenden Kunst oder der Musik war es für Frauen noch schwieriger, sich neben den Männern zu behaupten. Für Damen der oberen Gesellschaft – bürgerliche wie adelige – gehörte es zwar zum festgelegten Repertoire, musizieren oder malen zu können, aber daraus einen Beruf zu entwickeln, von dem sie leben konnten, vermochten nur wenige Frauen, zumal oftmals die wirtschaftliche Notwendigkeit fehlte.
Viel üblicher war es, eine der zahlreichen Malschulen zu besuchen, um sich von bekannten oder auch unbekannten Malern zu durchaus talentierten Dilettantinnen heranbilden zu lassen. Erst um 1900 ist hier eine Veränderung festzustellen. Zunehmend beanspruchten auch Künstlerinnen gleichberechtigt neben ihren männlichen Kollegen, die sich selbst oftmals damit nur schwerlich abfinden konnten, aufzutreten und mehr zu sein als Epigoninnen eines berühmten Meisters.
Die an Dynamik gewinnende emanzipatorische Bewegung in Europa sowie die zeitgenössischen Kunstströmungen boten modernen weiblichen Künstlerpersönlichkeiten Raum – zum Worpsweder Künstlerkreis gehörte seit 1897 Paula Becker, die dann 1901 ihren Malerkollegen Otto Modersohn heiratete.
Die expressionistische Künstlergruppe Der blaue Reiter zählte mit Gabriele Münter und Marianne von Werefkin zwei bedeutende Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts zu ihren Mitgliedern.
Das nach dem deutsch-französischen Krieg und dem dann folgenden wirtschaftlichen Aufschwung wohlhabend und zahlreich gewordene Bürgertum bot daneben als Auftraggeber vielen Malern und auch Malerinnen breite Entfaltungsmöglichkeiten. Doch auch weibliche Angehörige des Hochadels wollten zunehmend mehr sein als nur Dilettantinnen, für die künstlerisches Schaffen lediglich eine von verschiedenen Freizeitbeschäftigungen war.
In Regensburg richtete sich Fürstin Margarethe von Thurn und Taxis ein Atelier im Residenzschloß ein und betätigte sich höchst erfolgreich als Malerin und Bildhauerin, wovon bis heute ihre Werke zeugen. In Dresden fand Prinzessin Mathilde von Sachsen als Malerin teils großformatiger Ölbilder die Beachtung ihrer Zeitgenossen, wie uns der Schriftsteller Ludwig Renn alais Ludwig Vieth von Golßenau überliefert.
Auch im Bereich der Dichtung und Schriftstellerei betätigten sich nun vermehrt Damen der obersten Gesellschaftskreise durchaus erfolgreich: Die Königin Elisabeth von Rumänien wurde ab etwa 1870 unter dem Pseudonym Carmen Sylva eine wahre Vielschreiberin, deren Werke aller Gattungen zu ihren Lebzeiten höchste Auflagenzahlen erreichen.
Kaiserin Elisabeth von Österreich schrieb Gedichte im Stil Heinrich Heines, die freilich erst lange nach ihrem Tod veröffentlicht werden sollten, Fürstin Mechthilde Lichnowsky, die Frau des deutschen Botschafters am britischen Hof, verfaßte Kunstmärchen, Kronprinzessin Louise von Sachsen dichtete ebenso wie Herzogin Wera von Württemberg. 1910 erschienen posthum die sehr beachtlichen Gedichte der Prinzessin Mathilde von Sachsen-Coburg-Gotha, einer Tochter des letzten bayerischen Königs, die weit über den meisten literarischen Erzeugnissen ihrer Standesgenossinnen stehen.
Prinzessin Feodora zu Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg wollte als Künstlerin nicht beachtet werden, bloß weil sie die Schwester der deutschen Kaiserin Auguste Victoria war, sondern weil sie hoffte etwas künstlerisch Beachtenswertes zu schaffen – als Malerin wie als Schriftstellerin. Ihrem frühen Tod mit knapp 36 Jahren ist es geschuldet, daß ihr literarisches Oevre schmal blieb; eine Entwicklung deutete sich an, doch es blieb insgesamt bei selbstbewußten Anfängen, die allerdings sehr beachtlich sind und von Talent, erzählerischem Können und lyrischem Einfühlungsvermögen zeugen.
Sie fand ihren eigenen Ausdruck – in den beiden Romanen wie in den Gedichten, dennoch entstanden ihre Werke nicht im luftleeren Raum. Interessiert an den künstlerischen Strömungen ihrer Zeit, suchte sie Kontakt zu zeitgenössischen Malern und Schriftstellern und fand in den Worpsweder Künstlern eine Gemeinschaft, die sie anregte und von der sie lernen wollte, sicherlich auch deshalb, weil sie in deren Lebensführung das schwärmerisch verehrte Ideal des wahren Künstlerlebens verwirklicht sah: Kunst und Leben bilden eine untrennbare Einheit.
Freundschaften zu den Worpswedern Heinrich Vogler und Fritz Mackensen entstanden und begleiteten sie bis zu ihrem Tod 1910. Fast einhundert Jahre nach dem Tod der Prinzessin scheint es nun an der Zeit, die Person und ihre Werke wiederzuentdecken. Eine Reise mit erstaunlichen Entdeckungen erwartet den interessierten Leser: gefühlvolle Naturgedichte, genau beobachtete, liebevolle Beschreibungen des Lebens der ländlichen Bevölkerung Norddeutschlands sowie Schlesiens unmittelbar vor den großen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts, Landschaftsbeschreibungen von großer, lyrischer Einprägsamkeit – und ein Künstlerleben, das nach Sternen jagte und erlosch, bevor es noch so recht begonnen hatte.
Berlin, im Herbst 2007 Thomas Weiberg |