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Ortstermin Mitte – Auf Spurensuche in Berlins Innenstadt
ISBN 978-3-86368-012-1
erschienen Dezember 2011

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1319-1989: Berliner Mauern

Die Vorläufer des »antifaschistischen Schutzwalls«

Wo stand die Mauer?« Von Touristen, die durch Mitte irren, hören Berliner wahrscheinlich keine Frage häufiger als diese. Und weil die Einheimischen nicht unbedingt für ihre Freundlichkeit bekannt sind oder weil sie es schlicht selbst nicht mehr wissen, dürfte nur eine Minderheit der angesprochenen Hauptstädter den auswärtigen Gästen eine korrekte Antwort geben. So gut wie nie allerdings dürfte ein Berliner eine Gegenfrage stellen: »Welche Mauer meinen Sie denn?« Dabei wäre das die einzig richtige Reaktion. Denn insgesamt vier Maueranlagen gab es zwischen dem 13. und dem 20. Jahrhundert um die heutige Innenstadt; zu sehen sind noch Reste von dreien, das vierte Befestigungswerk hat dagegen Spuren nur in Form von Straßennamen hinterlassen.

Die bekannteste (und hoffentlich letzte) Berliner Mauer, die zu bauen Walter Ulbricht zufolge »niemand die Absicht« hatte, ist an zwei Stellen in Mitte noch zu sehen. Genauer: das »vordere Sperrelement« dieser gestaffelten Grenzanlage, also jener Teil, den man von West-Berlin aus direkt sehen konnte und der gemeint ist, wenn von »der Mauer« die Rede ist: Ein rund 200 Meter langes Stück verläuft entlang der Niederkirchnerstraße hin zum Bezirk Kreuzberg; »Mauerspechte« haben den Betonfertigteilen im Überschwang der Wendezeit so sehr zugesetzt, dass die eigentliche Sperranlage heute durch einen Metallzaun geschützt werden muss. Außerdem wurden mehrere Überreste der innerstädtischen Grenze von insgesamt etwa 210 Metern Länge entlang der Bernauer Straße in Wedding unter Denkmalschutz gestellt; sie sind allerdings durch das völlig missglückte offizielle Mahnmal der Stuttgarter Architekten Kohlhoff & Kohlhoff in ihrer Wirkung massiv beeinträchtigt. Immerhin: Jeden Tag besichtigen tausende Touristen die beiden Reste dieser ab 1961 errichteten und 1990 abgerissenen Mauer.

Nur wenige Dutzend Besucher täglich verirren sich an die Reste der ersten Berliner Mauer. Dass sie in der Waisenstraße hinter der Parochialkirche überhaupt noch etwas sehen können, verdankt sich einer in Berlin heute allen Beteuerungen zum Trotz eher seltenen Tugend: der Sparsamkeit. Vor rund 350 Jahren nämlich waren einige Berliner Bürger ganz besonders auf ihr Geld bedacht: Sie wollten an der Südostecke der noch bescheidenen Residenzstadt im brandenburgisch-märkischen Sand neue Häuser bauen – und sparten sich das Fundament. Stand doch am Rande ihrer Grundstücke die 1319 erstmals erwähnte Stadtmauer aus dem 13. und 14. Jahrhundert, immerhin gut einen Meter stark und bis zu vier Meter hoch. Also lehnten die knauserigen Bauherren ihre neuen Heime einfach an den starken Wall aus groben Feldsteinen und Backsteinen. So konnte sie (fast) nichts mehr erschüttern.

Als die Zeitläufte längst sämtliche Spuren der mittelalterlichen Stadtgrenze hatten verschwinden lassen, wurde dieser Rest wiederentdeckt: 1948 räumte man die im Luftkrieg schwer getroffenen Häuser an der Waisenstraße weitgehend ab. Zum Vorschein kamen dabei die Reste der ersten Stadtmauer. Immerhin knapp 120 Meter davon sind heute genau zwischen der Waisen- und der Littenstraße (bis 1951 Neue Friedrichstraße) zu sehen. Insgesamt war dieser Mauerring um die damaligen Zwillingsstädte Berlin und Cölln im Hochmittelalter rund zweieinhalb Kilometer lang – zum Vergleich: Köln am Rhein schützte sich zur gleichen Zeit mit einem dreimal so langen Befestigungswerk.

Die erste Berliner Mauer
Aus dem 14. Jahrhundert stammt dieses Stück der ersten Berliner Mauer. Es überstand die bewegten Zeiten eingebaut in barocke Bürgerhäuser an der Waisenstraße am Ostrand Berlins.

Obwohl schon bald nach dem Krieg entdeckt und unter Denkmalschutz gestellt, sicherte die DDR diesen Rest erst 1962/63, als auch die traditionsreichste Gaststätte »Zur letzten Instanz« abgetragen und in veränderter Form wiederaufgebaut wurde. Aufwendig restauriert wurde dieses Stück der mittelalterlichen Mauer sogar erst 1983/84, also in jener Phase, in der die DDR ihre vermeintlichen Wurzeln in der fernen deutschen Vergangenheit herausstellte – und zufällig im selben Zeitraum, in dem die SED weit größere Summen in die Modernisierung der anderen, seinerzeit tödlich gefährlichen Berliner Mauer steckte.Fast keine Aufmerksamkeit findet der Rest der dritten Berliner Mauer in der Hannoverschen Straße. Kaum je trifft man hier einen interessierten Besucher; auch die BVG-Busfahrer, die genau vor dem unübersehbaren Ziegelmauerstück eine Betriebshaltestelle für ihre Pausen haben, wissen nichts mit dem Bauwerk anzufangen. Es ist in den neunziger Jahren in einen nichtssagenden Neubau integriert worden; zwei moderne Stahl-Glas-Türen gewähren heute den Bewohnern Durchlass. Doch selbst manche Mieter des Hauses können sich die ungewöhnliche fensterlose Gestaltung des Erdgeschosses ihres Hauses nicht erklären.

Gewöhnlich baut man Stadtmauern, um unerwünschte Fremde auszusperren. Berlin ist jedoch in dieser Hinsicht etwas Besonderes, denn gleich zweimal errichteten die Mächtigen Mauern um die preußisch-deutsche Hauptstadt, um ihre eigenen Leute einzusperren. Den »antifaschistischen Schutzwall« kennt jeder, aber wer kann schon noch etwas mit dem Begriff »Akzisemauer« anfangen? Friedrich Wilhelm I. ließ sie 1734 bis 1737 um seine Residenzstadt ziehen, und in ihrer letzten Ausbaustufe war die aus Stein und Ziegeln erbaute Sperre mit 4,20 Meter sogar 60 Zentimeter höher als das monströse Bauwerk der SED.

Die Akzisemauer war ursprünglich, der Name sagt es, eine Zollmauer. Um den Warenverkehr nach Berlin zu kontrollieren, zog der preußische Monarch nach dem Abbruch der gerade erst 70 Jahre alten barocken Festungsanlage erneut einen Mauerring um die Stadt. 14, später 18 Tore durchbrachen diese Sperranlage; dort wurde kontrolliert und kassiert. Mindestens so wichtig wie die Einnahmen war dem Soldatenkönig aber, mit der Mauer potentielle Deserteure abzuschrecken. In Preußens Armee zu dienen war unter Friedrich Wilhelm I. kein Vergnügen, obwohl er nie einen (größeren) Krieg führte. Also ließ er mit der Akzisemauer eine zwar nicht unüberwindliche, aber von der Flucht abschreckende Barriere errichten – statt eines Betonrohrs wie bei Honeckers Mauer erschwerten bei der königlich-preußischen Befestigung nach innen überrragende Ziegel das Überklettern. Anfangs bestanden Teile der 14,5 Kilometer langen Sperranlage aus Palisaden, vor allem im Norden; unter Friedrich Wilhelm II. wurden diese Stücke durch eine solide Steinmauer ersetzt. Weitere Änderungen und Erweiterungen führten 1835 zum Neubau des erhaltenen Mauerstücks am heutigen Robert-Koch-Platz, der damals mit dem Neuen Tor hin zur kurz zuvor erschlossen Friedrich-Wilhelm-Stadt mit der Luisenstraße geöffnet wurde. Fast alle Berliner Adressen, die ein »Tor« im Namen führen, beziehen sich auf die ehemaligen Durchlässe in der Akzisemauer – darunter auch das weltweit bekannte Brandenburger Tor, das einzige erhaltene Berliner Stadttor.

Minimale Reste der Akzisemauer sind übrigens noch in der Stresemannstraße zu sehen; dort überdauerte unter dem Mittelstreifen der Stresemannstraße ihr Fundament, auf das 1987/88 für umgerechnet 200 000 Euro eine zwölf Meter kurze Kopie der einstigen Zollmauer gesetzt wurde – gegen den Protest einiger West-Berliner Politiker, denen das zu teuer war und die zudem – nicht ganz zu Unrecht – meinten, dass Berlin eigentlich schon eine Mauer zuviel habe. Der Fall der SED-Grenze ein Jahr später ließ diese Auseinandersetzung dem Vergessen anheim fallen. Immerhin kann man den Verlauf der Akzisemauer über mehrere hundert Meter in der Friedensstraße in Friedrichshain verfolgen: Die Friedhofsmauer der Begräbnisplätze von St. Petri- und Georgen-Paro-chialgemeinde folgt exakt der preußischen Sperrmauer an dieser Stelle.

Nur mit viel Phantasie kann man dagegen heute noch den Verlauf der vierten Mauer, einer barocken Festungsanlage, nachvollziehen, obwohl sie gemessen am Verhältnis zwischen geschützter Fläche und Ausmaß der Befestigung die mächtigste aller vier Berliner Mauern war: Die im Durchschnitt etwa 80 Meter breite, vier Kilometer lange Staffel von zwei Wällen, einem bis zu 30 Meter breiten, tiefen Wassergraben und insgesamt 13 Bastionen schützte nicht einmal hundert Hektar Stadtgebiet. In der Innenstadt geben nur noch wenige Straßennamen Hinweise auf diese Befestigung: das Palais am Festungsgraben zwischen Zeughaus und Humboldt-Universität etwa, die Ober- und die Niederwallstraße. Außerdem verdanken einige Plätze ihre Form den einstigen Bastionen, etwa der Köllnische Park und der Hausvogteiplatz. Und dennoch sind viele zehntausend Berliner jeden Tag auf dem Verlauf der barocken Festungsanlage unterwegs: Wer vom S-Bahnhof Jannowitzbrücke auf dem Stadtbahnviadukt zum Hackeschen Markt fährt, bewegt sich genau auf dem im späten 19. Jahrhundert zugeschütteten früheren Festungsgraben. Die enorm teuren Schanzarbeiten, für die zeitweise bis zu 4000 Männer eingesetzt waren (bei insgesamt nur etwa 20 000 Einwohnern), wurden schon nach gut 50 Jahren wieder abgetragen: Ab 1734 behinderte die Festungsanlage die Ausdehnung der preußischen Residenz nach Westen so sehr, dass die Bastionen innerhalb weniger Monate abgetragen wurden – allerdings im Wortsinne oberflächlich: Als um 1900 unter dem Hausvogteiplatz ein U-Bahnhof angelegt werden sollte, musste zuerst das massive Fundament der ehemaligen Jägerbastion abgebrochen werden.In den vier Berliner Mauern zeigt sich also, wenn auch stark gerafft, die gesamte regionale Geschichte der vergangenen 750 Jahre. Es ist die Geschichte eines bescheidenden Anfangs und eines späten, aber dafür kometenhaften Aufstiegs zur interessantesten Stadt Europas. Die Verwüstungen des Zweiten Weltkrieges, der schließlich an seinen Ausgangspunkt zurückkehrte, und die folgende Teilung Berlins, Deutschlands, Europas und der Welt förderten die Reste der vergessenen Mauerringe zu Tage. Doch statt daraus zu lernen, konnte die vierte Berliner Mauer dem Senat vor gut anderthalb Jahrzehnten gar nicht schnell genug abgerissen werden. Und so werden wohl auch in den künftigen Jahren und Jahrzehnten unzählige Touristen fragen, wo »die Mauer« stand.

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