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Hof und Gesellschaft in Berlin 1884

Das Skandalbuch von Graf Paul Vassili

ISBN 978-3-929829-53-2
erschienen November 2006

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Gräfin Schleinitz und der Wagnerkultus

Fünfzehnter Brief

Die Gräfin Schleinitz ist die gebildeteste und klügste Frau in Berlin. Ihr Geist ist sehr bemerkenswerth unter allen Gesichtspunkten. Sie interessirt sich für Alles, was die Wissenschaften und Künste betrifft; sie ist ungewöhnlich musikalisch, versteht sich auf Malerei, ist eine grosse Literaturfreundin, beschäftigt sich mit Politik, interessirt sich für soziale Probleme. Sie ist frei von Vorurtheilen und Voreingenommenheiten; dabei eine vollkommene Dame von Welt, durchaus kein Blaustrumpf, weiss ihre Kenntnisse zu verheimlichen, einen diskreten Schleier über ihre Vorzüge zu werfen, ist sehr wohlwollender Natur und viel zu sehr beschäftigt, um sich mit Médisancen abzugeben.

Sie geht wenig in Gesellschaft und beschränkt sich darauf, einige Bekannte und Freunde zu empfangen, zumeist Künstler und Literaten, welchen sie allein in Berlin ihre Salons öffnet, indem der Rest der Gesellschaft im Allgemeinen es verschmäht »diese Leute« zu empfangen.

Ehemals hatte Frau v. Schleinitz jeden Abend Empfang; allein, der Kanzler, der sich in Alles einmengt, selbst in die unbedeutendsten Dinge, war verdrossen über die sogenannte Opposition der Gräfin. Er liess ihr zu verstehen geben, dass es für sie besser sei, ihre Empfänge einzustellen. In Folge dieses merkwürdigen Einschreitens wurde der einzige intelligente Zirkel von Berlin unterdrückt.

Gegenwärtig sind die Empfänge bei Frau v. Schleinitz viel seltener und intimer; sie hat die Heftigkeit ihres Charakters gemässigt, die sie dazu verleitet hatte, dem Erstbesten Vertrauen zu schenken. Sie empfängt zwar noch immer Politiker, aber hauptsächlich Künstler und Schriftsteller, was man ihr in der Gesellschaft wie ein Verbrechen vorwirft. Glücklicherweise ist die Gräfin zu hochsinnig, um sich darum zu kümmern, was die Leute dazu sagen werden. Sie sucht das Vergnügen dort wo sie es zu finden glaubt; ihr Geist findet in dem Treiben, in dem Geschwätz der müssigen Welt keine Befriedigung. Sie fühlt das dringende Bedürfniss, unter solchen Leuten zu leben, welche fähig sind sie zu begreifen und deren Intelligenz an die ihrige hinanreicht. Ihr Haus ist eine wahre Republik: man begegnet daselbst Malern, Musikern, Schauspielern, Journalisten, Politikern, grossen Herren und Damen von Welt. Man stösst da auf keine Kleingeisterei; man geniesst volle Freiheit der Diskussion und wird stets ermuthigt durch das graziöse Lächeln und den exquisiten Takt der Herrin des Hauses.

Ihr Gemahl erscheint selten bei diesen Empfängen und lässt der Gräfin volle Freiheit. Graf Schleinitz, ehemals Minister des Äussern, gegenwärtig Minister des kaiserlichen Hauses, ist ein Mann, dessen geistige Fähigkeiten durch das Alter und durch Krankheiten gelitten haben. Man kann von ihm sagen, dass er niemals in banaler Weise schweigt oder spricht. An ihm ist Alles Gold. Was den Grafen und die Gräfin besonders auszeichnet, das ist ihre Güte und Herzlichkeit zu allen Jenen, mit welchen sie in Beziehungen stehen. Beide sind Menschen, die »ein Herz haben«; dies erklärt vielleicht, weshalb sie so viele Feinde haben.

Indess, wie es hienieden nichts Vollkommenes gibt, hat auch die Gräfin eine Schwäche, einen Fehler oder vielmehr einen Misston in der Harmonie ihrer Person. Dieser Fehler besteht in einer Leidenschaft, " was sage ich? " in einem Fanatismus für Wagner und seine Musik. Sie ist es, die den Kompositeur in Berlin in die Mode gebracht hat; sie spricht von ihm mit einer religiösen Verehrung und wenn er zu seinen Lebzeiten bei ihr war, blickte sie zu ihm mit einer Extase empor gleich derjenigen, welche Maria von Bethanien zu den Füssen Jesu erfüllte.

Um die Wahrheit zu sagen, stellt die Gräfin Schleinitz Richard Wagner fast dem Erlöser gleich. Er ist für sie ein Gott und ihr Enthusiasmus für ihn ist ein derart übertriebener, dass er lächerlich wäre, wenn man sich nicht sagen würde, dass man doch in irgend einem Punkte seinem Vaterlande angehören müsse. Wenn man weder im Herzen, noch im Geiste, noch in seinen Neigungen deutsch ist, so muss man doch irgend einen Berührungspunkt mit seinem Vaterlande haben und wäre es auch nur die Leidenschaft für das Geräuschvolle.

In Wagners Musik ist der deutsche Charakter verkörpert. So wie Herr v. Bismarck die praktische Seite, repräsentirt Herr Wagner die künstlerische Seite desselben. Die Musik eines Landes hat sich stets durch die Geistesrichtung der Bevölkerung dieses Landes beeinflussen lassen. Die italienischen Arien sind zumeist heiter, die slavischen Weisen melancholisch, die orientalischen Gesänge klagend.

Die deutsche Musik ist kräftig, sonor, disharmonisch, energisch, gebieterisch, fast barbarisch, so wie die Nation; sie will die Anderen vernichten, sich Allen aufbürden und " was ein charakteristisches Symptom ist" sie hat sich erst in dem Augenblicke entwickelt, ihre Individualität an den Tag gelegt, als die Nation selbst ihre Umwandlung vollzog. Wagner ist der Bismarck der Musik, sein Werk wird ebenso lange dauern wie das des Kanzlers; der Eine wie der Andere entspricht den Bedürfnissen, den Aspirationen seiner Zeit, seines Landes; der Eine wie der Andere ist der Mann des Augenblicks, der Mann wie ein positives Volk ihn brauchte, das nur von Eroberungen träumt, das alles Sanfte und Liebevolle missachtet, für welches die Macht und das Getümmel die einzigen Gottheiten sind.

Und doch ist der Erfolg, der Einfluss der Wagnerianer zum Theil der Mode zuzuschreiben, diesem obersten Richter, der selbst in Deutschland seine Macht Jedermann fühlen lässt. Es gab eine Zeit, wo diese Mode in Voreingenommenheit ausartete. Man ging zu »Tannhäuser«, zu den »Nibelungen« blos weil hochgestellte Persönlichkeiten das Beispiel dazu gaben. Man applaudirte aus dem nämlichen Grunde, ohne genau zu wissen, ob es der Mühe werth sei und man trug verehrungsvolle Mienen zur Schau, ganz wie die wahren Getreuen, nur um in ihren Augen nicht als Ketzer zu erscheinen, gleichwie man das Zeichen des Kreuzes macht, wenn man Einem in einer Kirche das Weihwasser reicht. Der momentane Triumph Wagners war zum grossen Theile dem Spektakel seiner Bewunderer zuzuschreiben.

Man darf getrost voraussagen, dass der Wagner-Fanatismus sich im Auslande nicht verbreiten werde und dass er schliesslich im Vaterlande Wagners selbst das Erbtheil einer sehr kleinen Anzahl von Sektirern bleiben werde. Seit dem Tode des Kompositeurs hat die Bewunderung für ihn schon bedeutend abgenommen und die Zahl der Bayreuth-Pilger war im verflossenen Som mer schon viel kleiner als im vorhergehenden Jahr. Bald wird das Sankturium verödet sein, oder nur aus Neugirde besucht werden, wie eine chinesische Pagode oder ein indischer Tempel. Geschah es nicht aus Neugierde, dass sich so viele Leute den »Parsifal« anhörten? Nur Wenige haben diese Reise aus Verehrung für das Werk des Komponisten unternommen. Zu diesen Letzteren gehört auch die Gräfin Schleinitz, die es mit ihrer blinden Bewunderung ehrlich meint.

Glauben Sie ja nicht, dass in Deutschland alle Wagnerianer so exaltirt sind wie die Gräfin. Man findet Wagnerianer von jeder Couleur, selbst gemässigte. Nichtsdestoweniger empfehle ich Ihnen, Ihr Urtheil über Wagner-Musik mit grosser Reserve auszudrücken; denn einem Fremden gegenüber wird sie jeder Deutsche energisch vertheidigen wie eine Sache, die ihm angehört, die ihre Quelle in seinem nationalen Charakter selbst hat. Der Deutsche liebt Wagner und vertheidigt ihn gegen jede Kritik. Er glaubt in ihm sein deutsches Vaterland zu lieben und zu vertheidigen und entwickelt dabei einen Eifer, der jenem gleich kommt, mit welchem er an den Eroberungen und der Suprematie festhält, die er durch Herrn v. Bismarck, den Wagner der Politik erworben.

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