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Ortstermin Mitte – Auf Spurensuche in Berlins Innenstadt
ISBN 978-3-86368-012-1
erschienen Dezember 2011

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1867-2006: Haus der vielen Freuden

Der Admiralspalast am Rande des Rotlichtmilieus

61 Jahre hat es gedauert. So lange brauchte Berlin, um endlich seine letzte »Führerloge« loszuwerden: Erst bei der Renovierung vor der Wiedereröffnung des Admiralspalasts im Spätsommer 2006 wurde der eigens für Hitler eingebaute Sonderplatz im ersten Rang des Theatersaals entfernt – mehr als 60 Jahre nach dem Selbstmord des Diktators. Und nicht einmal der Berliner Denkmalschutz hatte dagegen Einwände.

Der Architekt Paul Baumgarten hatte 1939 auf Anweisung von Joseph Goebbels den Saal im berühmten Vergnügungstempel an der Friedrichstraße neu gestaltet – angelehnt an den protzigen Neoklassizismus, der den Nazi-Größen so gefiel. Und natürlich plante Baumgarten auch eine eigene Loge für den »Führer« ein. Allerdings ließ er sie nicht einbauen; warum, ist unbekannt. Zwei Jahre später, 1941, wurde dann doch noch ein abgeteilter Bereich für den Diktator ergänzt, auf Druck des Propagandaministeriums und offiziell als »Hoheitszeichen«. Goebbels war ohnehin wütend auf Baumgarten, der zeitgleich den angeblich »verluderten« Umbau seiner Dienstvilla in den Ministergärten leitete. Da dürfte die »vergessene« Hitler-Loge ins Bild gepasst haben, das sich der NS-Propagandist von dem Architekten machte.

Doch obwohl die Geschichte der Loge nie ganz vergessen war, blieb sie bis ins 21. Jahrhundert unangetastet. Die SED störte sich nicht an ihr, obwohl die (Zwangs-)Vereinigung von SPD und KPD im Admiralspalast stattgefunden hatte – zu Füßen von »Führers Loge«. Den Besuchern der Deutschen Staatsoper, die im einzigen intakten großen Saal der Innenstadt bis 1955 ihren festen Sitz hatte, fiel der Einbau nicht weiter auf. Ebenso wenig störte sich das Publikum der eher leichteren Muse daran, die hier mit dem Einzug des Metropol-Theaters 1955 den Stab übernahm und erst 1997 bei der Schließung des inzwischen völlig maroden Hauses entschlummerte. Erst bei der Grundsanierung durch den neuen Eigentümer Falk Walter ist die in jeder Hinsicht unpassende Ergänzung entfernt worden – immerhin wurde so lediglich die von Baumgarten 1939 vollendete Fassung wiederhergestellt.

Die Geschichte der »Führerloge« ist nur eine von unzähligen Anekdoten, die sich mit dem Komplex zwischen Friedrich- und Planckstraße verbindet. Denn der Bau hat eine wahrhaft bewegte Geschichte. Ursprünglich lagen hier seit 1860 ein Kaffeehaus und ein Biergarten, ausnahmsweise innerhalb der damaligen Stadtgrenzen. 1867 wurde bei Fundamentarbeiten für die Neubebauung der Grundstücke südlich der Spree eine Solequelle angebohrt. Während des Wirtschaftsbooms der Gründerjahre, als in der neuen Reichshauptstadt Berlin alles möglich schien, entschieden sich die damaligen Eigentümer, aus der Entdeckung ein Geschäft zu machen, und richteten auf dem Grundstück nördlich des geplanten Stadtbahnviadukts eine Badeanstalt ein, die den Namen Admirals-Gartenbad erhielt. Trotz der ökonomisch mageren Jahre, die dem Platzen der Spekulationsblase im Eröffnungsjahr 1873 folgten, entwickelte sich das Bad prächtig: Nach 15 Jahren war das gesamte Areal dreistöckig mit allerlei Erweiterungen bebaut, und nach weiteren zwei Jahrzehnten so »abgeliebt« vom zahlreich strömenden Publikum, dass ein kompletter Neubau nötig wurde.

Admiralspalast
Direkt am S- und U-Bahnhof Friedrichstraße gelegen,
genoss der Admiralspalast im Berlin der Weimarer
Republik einen unvergleichlichen Standortvorteil.

Auf dem Höhepunkt des Wilhelminismus öffnete 1911 der heutige Admiralspalast seine Pforten. Er folgte einem völlig neuen Konzept, das erst Jahrzehnte später als »Urban Entertainment Center« einen Namen bekam: Unterhaltung, Wellness und Restaurants »unter einem Dach«. Der große Saal war anfangs eine Eisbahn, hoch darüber lag das nunmehr luxuriös ausgestattete Bad, wo das aufstrebende Bürgertum des kaiserlichen Berlins planschte, strikt getrennt nach Geschlechtern. Im Seitenflügel fanden verschiedene Bars ihren Platz, außerdem Betriebsräume, ins Vorderhaus lockten unter anderem ein Kinosaal, Kegelbahnen und Cafés. Mühelos konnte man einen ganzen Tag oder länger im Admiralspalast verbringen, ohne sich je zu langweilen. Sogar umweltbewusst dachten die Betreiber: Die Kältemaschinen, mit denen das Eis hergestellt wurde, heizten mit ihrer Abwärme die Becken in den Obergeschossen. 1921 verkündete eine Anzeige die wesentlichen Vorteile des Hauses: »Allabendlich große Ballettaufführungen auf dem Eis – ein ziges Etablissement dieser Art auf der ganzen Welt! Jeder Fremde besucht die eigenartigen Aufführungen! Prachtvoll ausgestattete Russisch-römische Bäder für Herren und Damen, Herrenabteilung Tag und Nacht geöffnet!« Wovon die Besucher der im Jugendstil geschmückten Bäder träumten, ist unbekannt.

Die Zwanziger Jahre wurden die ganz große Zeit des Komplexes. Die Eisbahn war 1922 zum Theatersaal umgebaut worden. In dem nun auf 1540 Plätze erweiterten Raum zeichneten Lichtbänder aus Hunderten einzelner Lampen expressive Formen an die Decke und die Ränge entlang – die Ausstattung des Admiralspalasts war ein besonders gutes Beispiel für die Art-deco-Theatergestaltung der Weimarer Republik. Hier feierte die erste farbige Band aus den USA ihre Deutschlandpremiere: Sam Wooding und sein New Yorker Jazzorchester wurden am 25. Mai 1925 frenetisch bejubelt. Die ihre Beine schwingenden »Tiller-Girls« begeisterten selbst das anspruchsvolle Publikum der »Goldenen Zwanziger«, die Revuen von Hermann Haller (und am Ende sein geschäftliches Scheitern) waren Stadtgespräch, auch weil sie viel nacktes Fleisch sehen ließen.

Über das Bad im vierten Geschoss kursierten jede Menge schlüpfrige Erzählungen. Fest steht, dass Männer hier ohne weiteres die ganze Nacht bleiben konnten; sicher ist auch, dass es eine Verbindung zwischen Herren- und Damenbad gab. Ein »skandalös-sinnliches Fluidum«, so meint der Dramaturg und Admiralspalast-Experte Jost Lehne, umgab daher den Bau – aber ob er tatsächlich ein Ort des (inoffiziellen und luxuriösen) Rotlichtmilieus war, muss offen bleiben. Denn die Betreiber gingen gegen entsprechende Gerüchte nur halbherzig vor, steigerten sie doch den Reiz ihres Hauses. Auf jeden Fall servierten die Revue-Mädchen nach der Show schon mal gut betuchten Gästen die Speisen leicht bekleidet im Separee.

Damenabteilung
Die Damenabteilung im Admiralsbad. In den zwanziger
Jahren sollen hier laut Gerüchten Orgien und andere
sexuelle Ausschweifungen stattgefunden haben.
Beweise gibt es dafür nicht.

Mit der Machtergreifung der Nazis endete dieses frivole Treiben. Der expressionistisch gestaltete Saal gefiel den neuen Machthabern nicht, und das Programm wurde von Revuen auf Operetten umgestellt. Johannes Heesters gab im umgebauten Admiralstheater 1941 den Danilo in der »Lustigen Witwe«, hier feierte 1942 Nico Dostals Operette »Manina« Premiere und ein Jahr später als letzte Uraufführung in der Hauptstadt des Dritten Reiches Theo Mackebens »Der goldene Käfig«. Am 1. September 1944 wurden alle Theater in Deutschland auf Anweisung von Goebbels geschlossen; aus dem großen Saal wurde ein Kino, in dem bis weit ins Frühjahr 1945 aller Realität des Krieges zum Trotz fröhliche Ufa-Filme gezeigt wurden. Anknüpfen an seine große Zeit in den Zwanzigern konnte der Admiralspalast allerdings nicht mehr.

Seltsamerweise überstand der Admiralspalast die schweren Bombenangriffe auf die Innenstadt im Februar und März sowie die Straßenkämpfe Ende April 1945 nahezu unbeschädigt, während die umliegenden Gebäude alle schwer getroffen wurden. Selbst der Badebetrieb lief bis kurz vor Kriegsende und kam bald nach der Kapitulation wieder in Gang. Die sowjetische Militärverwaltung erkannte die Gelegenheit und ließ den Saal bereits im Juni 1945 wieder als Bühne herrichten. Kurz darauf zog hier vorübergehend die Deutsche Staatsoper ein, deren Stammsitz Unter den Linden total zerstört war. Vielleicht ging es dem zuständigen Generalmajor Barninow auch eher darum, einen repräsentativen Saal für kommende politische Veranstaltungen bereitzustellen. Jedenfalls erlebte der Admiralspalast am 21. und 22. April 1946 das wichtigste Ereignis seiner Geschichte: »Im festlich geschmückten Raum der Deutschen Staatsoper in Berlin wurde am Ostersonntag um 10.45 Uhr der historische Vereinigungsparteitag der beiden Arbeiterparteien mit den Klängen von Beethovens Leonoren-Ouvertüre Nr. 3 feierlich eröffnet«, berichtete das »Zentralorgan« der neugegründeten Sozialistischen Einheitspartei »Neues Deutschland« in seiner ersten Ausgabe stolzgeschwellt. »Nach dem Verklingen der Beethovenschen Musik betraten die Genossen Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl die Bühne, reichten sich die Hand und standen mit verschlungenen Händen unter dem nicht enden wollenden Beifall der über tausend Delegierten und zahlreichen Gäste, die dieser geschichtlichen Stunde beiwohnten.«

Der Handschlag, den viele Sozialdemokraten ihrem Vorsitzenden Otto Grotewohl nie verziehen, blieb bis 1990 das Symbol der SED – doch dokumentierte er eigentlich die Unterwerfung der Sozialdemokratie in der sowjetischen Besatzungszone unter die aus Moskau gelenkte KPD. Davon war auf der Gedenktafel natürlich nicht die Rede, die noch im Februar 1993 manchen Besuchern auffiel, aber inzwischen in einem Museumsdepot lagert.

Im Vorderhaus des Admiralspalasts fand übrigens auch das einzige politische Kabarett Ost-Berlins sein Quartier, die »Distel«. Es wurde vom SED-geführten Magistrat gegründet als »Gegengewicht« zu dem West-Berliner Ensemble »Die Stachelschweine«. Die Stacheln der »Distel« pieksten die DDR-Mächtigen allerdings bis zur Wende höchstens – kein Wunder, gehörte doch zu den langjährigen Ensemblemitgliedern mindestens eine ehemalige inoffizielle Mitarbeiterin des Ministeriums für Staatssicherheit. Die »Distel« war auch in den traurigen Jahren des Leerstandes seit 1997 der einzige Grund, sich der zunehmend verfallenden Pracht eines der wichtigsten Veranstaltungsorte Berlins zu nähern. Im Sommer 2006 begann, mit Bertold Brechts »Dreigroschenoper« zum 50. Todestags des Dichters, ein neuer Anlauf, die lange Geschichte des Admiralspalastes fortzuschreiben. Ob aber die heutigen Investoren an seinen legendären Ruf als die Berliner Traumfabrik schlechthin anknüpfen können, muss sich erst noch erweisen.

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