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Ortstermin Mitte – Auf Spurensuche in Berlins Innenstadt
ISBN 978-3-86368-012-1
erschienen Dezember 2011

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Vorwort

Die Vergangenheit gehört zu Berlins wichtigsten Standortvorteilen – in der Gegenwart und für die Zukunft. Was auf den ersten Blick absurd klingt, stimmt tatsächlich: Touristen zieht vielfach gerade die gebrochene Geschichte in die deutsche Hauptstadt. Denn wo lassen sich die Zäsuren der deutschen und der europäischen Historie schon so im Stadtbild ablesen wie gerade in Berlin? In praktisch allen Teilen der Welt sind die Berliner Mauer und der Eiserne Vorhang quer durch eine Millionenstadt bekannt, in vielen auch die Relikte des fürchterlichen Nazi-Regimes. Die Folge: In jedem normalen Touristenprogramm, ob für Klassenreisen oder Ausflugsfahrten, sind Checkpoint Charlie und Holocaust-Mahnmal als Ziele fest gesetzt, neben kulturellen Highlights wie der Museumsinsel, dem Shopping auf Kudamm und Tauentzien sowie Lifestyle-Zielen wie Prenzlauer Berg oder den Hackeschen Höfen.

Berliner kennen natürlich die herausragenden Spuren der Geschichte ihrer Stadt. Für viele von ihnen haben diese Zeugnisse jeden Reiz verloren; das ändert sich auch nur scheinbar, wenn sie Gäste durch die Bundeshauptstadt führen: An den Mauerresten in der Niederkirchnerstraße gehen sie achtlos vorbei. Unter den Linden ist für fast alle Einheimischen weniger ein Freiluftmuseum des klassischen Berlin im 18. und 19. Jahrhundert, sondern eher ein Verkehrsweg. Der Reichstag gilt Berlinern kaum als Ort, für den Anstehen sich lohnt. Aber bei diesen Beispielen handelt es sich eben nur um die oberste Schicht der Spuren von Berlins Geschichte. Unter den von Millionen Touristensohlen blankpolierten Facetten der in Reiseführern beschriebenen Historie verbergen sich, besonders in der Stadtmitte, vergessene Spuren, die spannende Geschichten erzählen – wenn man ihnen zuhört.

Genau das, Reste der Vergangenheit aufzuspüren und sie zum Sprechen zu bringen, gehört seit zehn Jahren zu meinen Aufgaben in der Redaktion der Berliner Morgenpost. In dieser Zeit habe ich wohl mehr als 1000 manchmal kleinere, häufig aber größere Artikel über die Regionalhistorie der Hauptstadt veröffentlicht, außerdem sieben Bücher, von denen sich vier weitgehend mit Berlin beschäftigen. Ihnen ist gemeinsam, dass ich stets versuche, »Geschichte in Geschichten« zu erzählen, also von der hohen Warte der Geschichtswissenschaft herunterzukommen und anhand von Schicksalen (übrigens ebenso solchen von Gebäuden wie jenen von Menschen) der Vergangenheit nachzuspüren. Das habe ich auch in diesem Buch versucht. So handelt ein Kapitel von einem im letzten Moment gescheiterten Versuch, Deutschland von Adolf Hitler zu befreien, ein weiteres vom tragischen Tod des Ost-Berliner Bauarbeiters Peter Fechter, der doch nur in die Freiheit wollte, wieder ein anderes von einem Funktionär der sozialistischen Gewerkschaft, der seine Leute bei der Stange zu halten versuchte und dafür vier Jahre hinter ostdeutschen Gefängnisgittern sitzen musste. Drei Beispiele nur von insgesamt dreißig Geschichten, in denen sich die Geschichte Berlins spiegelt. Das Buch hätte leicht auch doppelt so dick werden können.

Viele meiner Zeitungsbeiträge sind, der modernen Technik sei Dank, bis heute im Internet nachlesbar. Aber eben nur am Bildschirm, und noch dazu häufig in einer Form, die unter Zeitdruck fertig gestellt werden musste. Das sind Zwänge der tagesaktuellen Zeitungsproduktion, die sich auch mit noch so viel Planung nicht umgehen lassen. Genau deshalb hatte ich schon seit längerem vor, einige der interessantesten Geschichten überarbeitet als Buch zu veröffentlichen. Etwa zwei Drittel der hier gedruckten Kapitel gehen auf Artikel zurück, die ich in den vergangenen Jahren in der Morgenpost publiziert habe. Außerdem nutze ich die Gelegenheit, dem Publikum etwa ein Dutzend Texte vorzulegen, die aus Platzgründen leider nie erschienen sind. Sie haben die vergangenen Jahre im »Stehsatz« zugebracht, wie wir Journalisten sagen. Sämtliche Kapitel habe ich auf neuesten Stand gebracht.

Als ich die Idee zum ersten Mal mit meinem Freund Wieland Giebel, dem Kopf der Buchhandlung Berlin Story und des zugehörigen Verlags, besprach, war seine Reaktion eindeutig: Nicht »ob« wir dieses Buch machen, interessierte ihn, sondern nur »wann«. Und so wurde aus einem allgemein geführten Gespräch im Café am idyllischen Engelbecken zwischen Mitte und Kreuzberg gleich die Planung für den jetzt vorliegenden Band. Von Beginn an war uns klar, dass sich die Sammlung auf Beiträge zur Innenstadt zwischen Tiergarten und Straußberger Platz beschränken sollte. Das Stadtschloss und die Reste der verschiedenen Berliner Mauern (es gab derer insgesamt vier) sollten den Rahmen bilden. Einige Stücke waren mir besonders wichtig, etwa die noch nie gedruckte Geschichte über den Hotelbesitzer Curt Elschner, der einst Adolf Hitler die Tür wies, aber zehn Jahre später die NS-Spitze mit Bettelbriefen überhäufte, und das Schicksal der Berliner Konfektionsfirma Antmann, deren Erbe heute als Mantelproduzent in Australien lebt – weil der Rassenwahn seine Familie aus Deutschland vertrieb. Knapp die Hälfte der Kapitel behandelt die Jahre 1933 bis 1945. Doch auch die oft ähnlich dramatische, wenn auch zum Glück nicht derartig mörderische Geschichte der zweiten deutschen Diktatur hat, so hoffe ich, in der hier vorgelegten Zusammenstellung angemessen Berücksichtigung gefunden.

Wie jede Auswahl hat auch diese naturgemäß Lücken. Auf 260 Seiten lässt sich die Geschichte von Mitte nicht erzählen, schon gar nicht »in Geschichten«. Deshalb bitten Verlag und Autor interessierte Leser um Hinweise auf weitere spannende Begebenheiten. Denn weil meine Beiträge zu historischen Spuren außerhalb von Mitte hier ebenfalls fehlen, werden der Berlin Story Verlag und ich, sollte vorliegendes Buch beim Publikum auf Interesse stoßen, einen weiteren Band von »Geschichte in Geschichten« vorlegen. Darin könnten sich der Flughafen Tempelhof oder der 1956 aufgedeckte Spionagetunnel in Rudow, das einzig fertig gestellte Stück von Albert Speers gewaltigem Straßennetz für »Germania« oder der Mauerdurchbruch per Panzer in Treptow 1963 finden. Für sie war in »Ortstermin Mitte« leider kein Platz.

Berlin, 4. Januar 2007
Sven Felix Kellerhoff

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