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Neunundsechzig Jahre am Preußischen Hofe.

Aus den Erinnerungen der Oberhofmeisterin Sophie Marie Gräfin von Voss. Mit einer Stammtafel, ergänzt durch eine Zeittafel, und einem Vorwort von Wieland Giebel.

ISBN 978-3-86855-009-2
erschienen April 2009

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Vorwort

Dieses Vorwort ist das aktuelle Vorwort aus dem Jahr 2004. Es vermittelt einen Eindruck von der unglaublichen Zeitspanne, die in diesem Tagebuch festgehalten wird.

Welch ein Glück, daß es diese Erinnerungen gibt! Sophie Marie Gräfin von Voss (11. März 1729 – 31. Dezember 1814), geborene von Pannwitz, lebte neunundsechzig Jahre am preußischen Hof. Sie war über Jahrzehnte Gesprächspartnerin und Beraterin von Königinnen und Königen. Täglich. Und oft nachts. Sie sah vier preußische Herrscher kommen und gehen und neue Epochen anbrechen. In ihren privaten Aufzeichnungen nimmt sie kein Blatt vor den Mund. Gnadenlos kommentiert sie ihre Treffen mit den europäischen Königinnen und Königen, Kaiserinnen und Kaisern, Zarinnen und Zaren.

Als Sophie von Pannwitz geboren wurde, regierte Friedrich Wilhelm I., der Soldatenkönig, der mit den Langen Kerls und dem etwas rüden Tabakskollegium, und Preußen war noch keine europäische Großmacht. Sie erlebte die gesamte Regierungszeit von Friedrich dem Großen (1740–1786) und die seines Neffen und Thronfolgers Friedrich Wilhelm II. (1786–1797). Sie erlebte die Besetzung Berlins durch die Franzosen, die Befreiungskriege gegen Napoleon und die Neuordnung Europas. Die letzte Eintragung in ihrem Tagebuch am 23. Dezember 1814 bezieht sich auf den Wiener Kongress: »Aus Wien nichts Erfreuliches; es scheint, dieser unselige Kongress nimmt kein Ende.« König Friedrich Wilhelm III. hatte ihr das gesamte Vertragswerk zur Durchsicht und Kommentierung geschickt. Die Gräfin von Voss vertrat die Auffassung, die Franzosen seien viel zu gut weggekommen.
Sophie verbrachte ihre Kindheit mit ihrer Mutter am Hof der Gattin des Soldatenkönigs, Königin Sophie Dorothea. 1743, im Alter von 14 Jahren, wurde sie zu ihrer Hof- und Staatsdame. Sieben Jahre lang war sie Sophie Dorothea mit großer Verehrung ergeben. Deren Tochter, die Markgräfin von Bayreuth, Schwester Friedrichs des Großen, berichtet in ihren Memoiren: »Die junge Pannwitz war schön wie ein Engel. Als ihr der König auf der Wendeltreppe begegnete, die zu den Zimmern der Königin führt, und den Versuch wagte, sie zu küssen, erwehrte sie sich seiner mit einer herzhaften Ohrfeige.«

Prinz August Wilhelm, der zehn Jahre jüngere Bruder Friedrichs, war 23, Sophie, die Hofdame seiner Mutter, 17 Jahre alt, als er sich unsterblich in sie verliebte. Er war nicht einfach in sie verliebt, er wurde liebestoll, eifersüchtig, unfähig, sich zu kontrollieren. Erst als Sophie einen ihrer Vetter heiratete, um dem nicht standesgemäßen Werben, ja den Nachstellungen ein Ende zu machen, kühlten die Gefühle August Wilhelms etwas ab. Der Vermählung Sophies wollte der Prinz aber unbedingt beiwohnen – und fiel dabei in Ohnmacht.
Ihr Gatte Graf von Voss war Hofmarschall der Gemahlin Friedrichs des Großen in Schönhausen – dreißig Jahre lang, bis 1793. In den Jahren am Schönhauser Hof wurde Sophie auf dramatische Weise mit der eigenen Vergangenheit konfrontiert: Die Tochter ihres Schwagers, Julie von Voss, wurde von Friedrich Wilhelm II., dem »dicken Lüderjahn«, umworben, zu seiner Geliebten und 1787 in »morganatischer Ehe« zur Nebenfrau gemacht, gebar einen Sohn, starb jedoch bald darauf. Die amourösen Verstrickungen Friedrich Wilhelms erregten immer wieder Sophie von Voss’ Mißfallen. »Wir aßen en famille bei der Königin, auch der König und ebenfalls die Lichtenau!« – Friedrich Wilhelm brachte seine Geliebte mit zu Tisch! Die Hofdame über den König: »Er war heiter und überaus liebenswürdig. Ach, wenn er nur nicht so indolent und willensschwach wäre.«
Trotz familiärer Turbulenzen blieb Gräfin von Voss in Schönhausen bis 1786. Nach dem Tod ihres Gatten 1793, im Alter von 64 Jahren, zog sie sich auf ihre Güter zurück. Als die spätere Königin Luise, Gattin Friedrich Wilhelms III., mit ihrer Schwester Friederike zur Doppelhochzeit mit dem Kronprinzen und seinem Bruder in einem für die Stadt bis dato unvorstellbaren Triumphzug nach Berlin einzog, wurde Gräfin von Voss als Oberhofmeisterin der Kronprinzessin zurück nach Berlin geholt. Sie trug den späteren Friedrich Wilhelm IV. zur Taufe. Über Hof und Park in Paretz, wohin sich das Königspaar oft zurückzog, schrieb sie: »Häßlich! Keine Proportionen! Wenn der Garten nicht feucht wäre, könnte er ganz erträglich sein.«
Als Napoleon (»auffallend häßlich, rollt mit den Augen, aufgedunsen, korpulent, die Inkarnation des Erfolgs«) Preußen besetzt hielt und der Hof sich bis nach Memel zurückzog, äußerte sie klare politische Ansichten: »Der König hat den Oberst Kleist zu Napoleon geschickt; das hätte ich nicht getan.« Kleist hielt sie für zu weich. Sie berichtet von ausgedehnten Besuchen beim Zaren und seiner Familie »Dann kam noch ein Ballet in fünf Akten, was alleine drei Stunden dauerte; es war freilich sehr hübsch, aber sehr lang.«
Zu Herzen gehen die Schilderungen der schrecklichen Szenen des mehrere Tage dauernden Todeskampfes von Königin Luise. Luise, die sie verehrte und als »Engel« bezeichnete. Luise, für die sie alles getan hätte. Luise, die noch im Sterbebett Liebenswürdigkeit und Contenance bewahrte. Fast die gesamte königliche Familie hatte sich am Sterbebett versammelt.
Die politische Weitsicht der Hofdame im Alter überrascht. Auf dem Titelbild sehen wir ein Gesicht, in dem sich Lebenserfahrung, Großherzigkeit und weibliches Durchsetzungsvermögen spiegeln. »Unsere Truppen sind gut, aber sie sind nicht wie die Napoleons, an den Krieg gewöhnt und im Krieg geschult. Der Krieg ist sein Handwerk, er versteht ihn, wir nicht. Auch er wird eines Tages untergehen, aber vielleicht zu spät für uns, zu spät für unser geliebtes [– und jetzt kommt nicht Preußen, sondern –] Deutschland.«
Als Sophie Gräfin von Voss im Februar 1811 in ihre Wohnung im Kronprinzenpalais Unter den Linden zurückkehren kann – die Vossische Zeitung läßt zu diesem Anlaß ein Extrablatt drucken –, vertreiben russische Truppen gerade die Franzosen aus der Stadt. »Entsetzlicher Tumult und Spektakel auf der Straße, daß man nicht einmal Whist spielen kann.« Die Völkerschlacht bei Leipzig, die Niederlage Napoleons, verfolgt sie vom Krankenbett aus. »General Stutterheim kam heute früh an mein Bett, um mir den Sieg ohne gleichen zu melden.« Bei der Siegesfeier am 15. August 1814 ist sie dabei: »Die sämmtlichen Truppen, Russen und Preußen zusammen, wurden heute vom König festlich bewirthet; die Tafeln standen dicht gereiht über den ganzen Lustgarten und die Linden entlang bis an das Brandenburger Tor.« Während der Wiener Kongress noch andauert, stirbt Sophie Marie Gräfin von Voss im Alter von 85 Jahren.
Die Erstausgabe dieses Buchs erfuhr mehrere unveränderte Nachdrucke. 1876 erschien die zweite, 1935 die elfte Auflage. Die hier vorgelegte Ausgabe beruht auf der Fassung aus dem Jahr 1887. Die Aufzeichnungen aus den Tagebüchern der Sophie Marie Gräfin von Voss sind eingeleitet und miteinander verbunden von Kommentaren eines namentlich nicht genannten Herausgebers. Die Fakturschrift der Erstausgabe wurde in eine besser lesbare übertragen, bei der Zeichensetzung haben wir um der flüssigeren Lesbarkeit willen behutsam eingegriffen, die Rechtschreibung ist die alte, genau gesagt die uralte, nämlich die von 1887, wobei auch unterschiedliche Schreibweisen belassen wurden. Welch ein Glück, daß wir so oft nach diesen Erinnerungen der Gräfin von Voss gefragt wurden. Das hat es uns leicht gemacht, die Entscheidung für diesen Nachdruck zu treffen.

Wieland Giebel, Dezember 2004

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