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Napoleon in Berlin
ISBN 978-3-929829-36-5
erschienen Oktober 2006

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Kunstraub im Namen des Kaisers

Das Privateigentum der Bürger genoß weitgehend Schutz vor offener Plünderung. Ganz anders verhielt es sich mit dem öffentlichen Eigentum und dem persönlichen des Königs, die skrupellos zur Beute erklärt wurden. Dabei wurde nicht nur alles, was auch im weitesten Sinne als Kriegsbedürfnis deklariert werden konnte, gestohlen, sondern es wurde unterschiedslos alles, was gefiel, zur Beute und mitgenommen. Ein wenig rühmliches Beispiel gab hierbei Kaiser Napoleon, der ja persönliche Gegenstände Friedrichs des Großen als Reliquien hatte mitgehen lassen. Der seinem Gefolge zugeteilte Generalinspekteur Dominique Vivant Denon hatte die amtliche Aufgabe, neben Entwürfen für Denkmünzen, »nach Maßgabe der Ereignisse«, überall in Schlössern und Sammlungen das festzustellen, was würdig wäre, in dem als Universalkunstsammlung gedachten »Musée Napoléon« in Paris ausgestellt zu werden, wohin z.B. schon die »Pferde von San Marco« aus Venedig gebracht worden waren.

Nun also weiterer geplanter Kunstraub. So erlitt trotz der Versicherung des Kaisers für einen besonderen Schutz von Kulturgütern auch die Akademie der Wissenschaften große Verluste an wertvollem Inventar. Geraubt wurden Kupferplatten für Landkarten und Kunstmedaillen im Wert von 98.000 Talern. Neben sozusagen »amtlichen Entnahmen« bedienten sich etliche Generale in den königlichen Schlössern und entnahmen »persönliche Andenken«, so z.B der General Vandamme aus den Beständen des Neuen Palais in Potsdam. Selbst Marschall Alexander Berthier konnte oder wollte sich nicht zurückhalten. Er wohnte im Palais des Königs in Berlin und nahm von dort ein Bild der Königin Luise mit. Als der preußische König ihn später um Rückgabe bat, bzw. wenigstens um die Anfertigung einer Kopie, ließ er sich erst nach langen Verhandlungen schließlich erweichen.

Als besonders dreist und beschämend wurde von den Berlinern die Herabnahme und der Abtransport der von Johann Gottfried Schadow modellierten Quadriga vom Brandenburger Tor empfunden. Erst dreizehn Jahre stand sie auf dem Tor. Genau drei Wochen nach Napoleons Einzug suchte Denon das Atelier von Schadow auf und erklärte ihm, daß seine Quadriga auf Reisen gehen werde. Er bat um Namen und Anschrift des Mannes, der sie angefertigt hatte. Das war der Kupferschmied Jury aus Potsdam, der nun damit beauftragt wurde, sie abzubauen und zu verpacken. Schadow und andere Künstler verfaßten daraufhin ein Bittgesuch, in dem sie darauf verwiesen, daß die Quadriga auf der Reise schweren Schaden nehmen könnte. Diese Bittschrift aber gelangte gar nicht erst in die Hände des Kaisers. Es ist aber sicher, daß er die Verbringung der Quadriga nach Paris angeordnet hat. Jury mußte den Auftrag ausführen und sein Werk vom 2. bis 8. Dezember 1806 abbauen und vom Brandenburger Tor herunternehmen.

Die Quadriga wurde dann in zwölf Kisten verpackt und ging am 21. Dezember auf die Reise nach Frankreich. Zunächst ging es auf dem Wasserweg nach Hamburg, von dort mit dem Schiff über die Nordsee und wahrscheinlich über Rotterdam und den Rhein, ein Stück über Land und auf französischen Kanälen nach Paris. Nach fünf Monaten war sie an ihrem Zielort. In Pariser Zeitungsberichten ist von der Ankunft von 80 bis 100 großen Kisten die Rede, worunter sich die zwölf Kisten mit der Quadriga befanden. Schon vorher waren über 150 Kisten mit in Deutschland geraubten Kunstgütern angekommen.
Sieben Jahre blieb die Quadriga nun im französischen »Exil«. In Paris war anfangs vorgesehen, einen Triumphbogen zu bauen, der von der Quadriga gekrönt werden sollte. 1808 wurde tatsächlich am Ende der Champs-Élysées mit dem Bau des »Arc de Triomphe« begonnen. Aber als das Tor 1836 endlich fertig wurde, stand die Quadriga schon längst wieder auf dem Brandenburger Tor.

Ein weiterer Plan sah als Standort die »Porte St. Denis« im Norden des Zentrums der französischen Hauptstadt vor, aber auch das unterblieb. Belegt ist, daß die Quadriga restauriert wurde, da sie Transportschäden aufwies. Der Restaurator Charles Caulers legte 1807 entsprechende Rechnungen vor. Der weitere Weg der Quadriga in Paris ist nicht bekannt. Als Marschall Blücher 1814 Paris eroberte, war die Quadriga offenbar versteckt worden. Es gibt die Legende, daß das Versteck von einer Pariserin verraten worden sei, die dafür von den Preußen geehrt, von den Franzosen hingerichtet worden sei.

Die erbitterten Berliner empfanden in den Jahren des Fehlens der Quadriga vielfach Trauer und Zorn. Spöttisch nannten sie Napoleon den »Pferdedieb von Berlin«. Als solcher wurde er auch auf Karikaturen dargestellt.

Den Berlinern blieb lange Zeit nichts anderes übrig, als traurige Blicke auf das Brandenburger Tor zu richten, wo eine lange Eisenstange daran erinnerte, daß dies einstmals das »Rückgrat« ihrer Rosselenkerin gewesen war. Siebeneinhalb Jahre lang blieb die Quadriga als »Kriegsgefangene« in Paris. Tor und Quadriga wurden so zum Symbol nationalen Freiheitsstrebens, eines Novums in der deutschen Geschichte.
Am 4. April 1814 sandte Marschall Blücher eine Depesche nach Berlin: »Es ist gelungen, den vom Kaiser Napoleon im Jahre 1807 von dort weggeführten Siegeswagen, nächst den Pferden hier wieder aufzufinden. Ich habe Sr. Majestät dem Könige von diesem Ereignis sogleich Anzeige gemacht, und Sr. Majestät haben befohlen, daß die Zurückführung nach Berlin augenblicklich geschehen soll.« Die in 15 Kisten verpackte Quadriga verließ am 10. Mai auf sechs Fähren Paris und landete nach Wochen im neuen Hafen von Düsseldorf. Die Begeisterung über die Rückkehr erfaßte selbst die Rheinländer. »Sobald die Kisten ausgeschifft waren, ließ das Volk sich nicht länger halten, … spannte sich selber vor die Wagen und zog dieselben eine beträchtliche Strecke fort … Dieser den Düsseldorfern unvergeßliche erste frohe Abend seit den langen Jahren der von Fremden erlittenen Erniedrigungen wird den Einwohnern gewiß unvergeßlich bleiben.« Der Weitertransport nach Berlin wurde zu einem Triumphzug, die Figurengruppe zum Symbol des Sieges über Napoleon. In den Berichten über den Transport wurde nur noch vom »Siegeswagen« geschrieben, der unter Glockengeläut, Musik und Ehrensalut seinen Weg nahm. Mit immer neuen Gedichten, Inschriften und Blumen wurden die Kisten unterwegs geschmückt.

Von insgesamt 354 Inschriften bedeckt, erreichte der Transport am 8. Juni 1814 Zehlendorf. Im Jagdschloß Grunewald wurde die Quadriga unter der Leitung von Jury, der sie schuf und abmontieren half, überholt und an entscheidender Stelle verändert. War zuvor schon aus der Friedensgöttin Eirene die Siegesgöttin Victoria geworden, so erhielt sie auf Vorschlag von Karl Friedrich Schinkel, den Friedrich Wilhelm III. befürwortete, das für uns heute klassische Symbol des Preußentums, das Eiserne Kreuz.
Am 30. Juni 1814 war es dann soweit. Die Quadriga kehrte auf das Brandenburger Tor zurück, wurde jedoch noch einmal mit einer Plane abgedeckt. Erst am 7. August, als der preußische König an der Spitze seiner siegreichen Truppen durch das reich dekorierte Brandenburger Tor nach Berlin einzog, fiel die Abdeckung »wie durch einen Zauberschlag. Im gleichen Augenblick brach die Sonne durch die Wolken, und in ihrer neu errungenen Glorie stand die Viktoria wieder auf ihrem alten Platz«, so ein Augenzeuge.

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