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Hof und Gesellschaft in Berlin 1884

Das Skandalbuch von Graf Paul Vassili

ISBN 978-3-929829-53-2
erschienen November 2006

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Die intimen der Kaiserin

Fünfter Brief

Die Kaiserin Augusta liebt die Gesellschaft und kann nicht ohne sie leben. Ihr sehr thätiges Naturel hat das Bedürfniss, fortwährend in Bewegung zu sein und gegenwärtig, da ihre körperlichen Gebrechen sie an den Fauteuil fesseln, hat sie keine andere Zerstreuung als diejenige, dass sie ihre Intimen um sich versammelt. Sie hatte immer die Gewohnheit, fünf oder sechs Personen einzuladen, dass sie zwei- oder dreimal in der Woche den Abend auf dem Schlosse zubringen. Jetzt sind diese Theeabende alltäglich geworden. Der Kaiser erscheint daselbst gegen Schluss auf einige Minuten und bringt durch seine Gegenwart einiges Leben in diese Versammlungen, die gewöhnlich sehr feierlich sind und bei welchen man zu seinem Zeitvertreib Thee trinkt und Sandwichs isst. Die Kaiserin versucht es, die Konversation zu unterhalten, aber es gelingt ihr nicht immer wegen der Kälte oder der Schläfrigkeit ihrer Gäste, die sich ordentlich langweilen, ohne es auch nur sich selbst zu gestehen, dermassen sind sie von der Ehre durchdrungen, die man ihnen erweist, indem man sie zu Ihrer Majestät einladet. Wenn der Herzog und die Herzogin von Sagan in Berlin sind, dann werden diese Thees der Kaiserin viel heiterer. Der Herzog, das Prototyp des französischen Kavaliers aus dem XVIII. Jahrhundert, ist bei Hofe sehr wohlgelitten. Er ist ein liebenswürdiger Greis, sehr rüstig und sehr thätig für sein Alter, ein Hofmann, welcher dem Hofe Ludvig XIV. zur Ehre gereicht hätte, der zur rechten Zeit zu schmeicheln weiss, weder zu viel noch zu wenig, geistvoll, ohne besondere Klugheit, oberflächlich unterrichtet ist, die Manieren eines grossen Herrn und eine ausserordentliche Weltkenntniss besitzt. Er liebt es, den Frauen Komplimente zu machen und den gekrönten Häuptern zu schmeicheln. Ehemals hatte er Erfolg bei dem schwachen Geschlechte und es kommt noch jetzt vor, dass er die Theaterkoulissen frequentirt; im Grunde ist er ein freimüthiger aber ein charmanter Egoist, immer der Ansicht desjenigen mit dem er spricht, stolz auf seinen Namen, auf seine Stellung, auf sein Vermögen, von welch letzterem er übrigens einen bewunderungswürdigen Gebrauch zu machen weiss, unvergleichlich in seiner Kunst Feste und Diners zu arrangiren und das Genie soweit treibend, dass er sogar neue Livreen für seine Bedienten erfindet. Er weiss diejenigen zu protegiren, die ihm schmeicheln, wird aber denjenigen niemals Uebles zufügen, die ihn kritisiren. Er ist vor Allem überall ein Mann der Gelegenheit: Franzose in Paris, wird er sofort Preusse, sobald er in Berlin ankommt, um sich in Sagan in den regierenden Fürsten umzuwandeln, bevor er sich zum Neffen des Prinzen von Talleyrand umwandelt, sobald er den Boden von Valencay betritt.

Seine Gemalin, Witwe aus der ersten Ehe mit dem Grafen Maximilian von Hatzfeldt, ist die Tochter des berühmten Marschalls von Castellane. Man möchte sagen, dass sie die Soldatenmanieren ihres Vaters geerbt habe. Die Herzogin von Sagan, ungewöhnlich gebildet und geistvoll, ist ein Typus wie man einem solchen nur selten begegnet; ihre entschieden männlichen Alluren sind von einer Ungebundenheit, die man bei keiner Anderen dulden würde, während man sie bei ihr angenehm findet. Von einer unglaublichen Freiheit im Sprechen, sagt sie ihr Wörtlein Jedermann, ihren Verwandten, ihren Freunden und ihren Feinden, weicht vor keiner Rohheit der Sprache zurück, tödtet die Leute durch ein Wort mit der nämlichen Kaltblütigkeit, mit welcher sie einem Hirschen oder einem Wildschwein in den schlesischen Wäldern den Garaus macht. Es ist unmöglich, sich in ihrer Gesellschaft auch nur einen Augenblick zu langweilen, sie würde eine Statue beleben, indem sie derselben ihre Fehler vorhalten würde. Nichts was lächerlich ist, entgeht ihr; kein Fehler, kein Gebrechen ihres Nächsten bleibt ihrem malitiösen Geiste unbemerkt; trotz Alldem ist sie eine sehr gute Frau, die es versteht, eine grosse Dame zu sein wo es nothwendig ist, höflich trotz ihrer Ungebundenheit und unfähig, wenn immer mit Vorbedacht Uebles zuzufügen, grausam ohne Bosheit, sarkastisch bis zum Aeussersten, aber dermassen amusant, dass man ihr gern die Masslosigkeiten ihrer Sprache verzeiht, dem Geiste zuliebe, welcher dieselben belebt. Aus ihrer ersten Ehe hat die Herzogin sechs Kinder, von welchen ihr kein einziges Ehre macht. Aus der zweiten Ehe hat sie eine Tochter, Fräulein Dorothea von Talleyrand, vermählt an den älteren Sohn des Fürsten Fürstenberg, eine sehr hübsche Dame, welche von ihrer Mutter die Klugheit, aber keineswegs die Liebenswürdigkeit geerbt hat.

Getreu ihrem System, die Halbfremden zu protegiren, beehrt die Kaiserin mit ihrem besonderen Wohlwollen die Gräfin Louise von Benckendorf, Witwe des Generaladjutanten des Kaisers Nikolaus von Russland. Die Gräfin ist eine geborne Fürstin Croy; sie ist vollständig eine Deutsche geblieben und hat nichts Russisches als das Katharinen-Kreuz. Sie ist das Prototyp einer herzoglich gotha?schen Durchlaucht. Ihr Ideal ist ein Rang bei Hofe, ihr höchstes Glück besteht darin, mit einer Majestät die nämliche Luft einzuathmen. Sie gilt für geistreich, obgleich sie nur intrigant ist. In der Gesellschaft spielt sie eine hervorragende Rolle, denn sie kennt alle Welt, hat viel gereist und hat jenen banalen Argot vollkommen inne, der in den Salons so unentbehrlich ist. Bei einem Diner füllt sie vortrefflich den Ehrenplatz aus und sie hält viel darauf, dass man ihr diesen Platz einräume. Von der Ferne hat sie eine schöne Physiognomie; in der Nähe macht ihr zischender Mund der zwischen zwei Zähnen den Speichel ausstösst, einen unangenehmen Eindruck. Im Grunde ist sie eine sehr ehrgeizige, sehr hoffärtige, sehr rachsüchtige Person, die Demjenigen sehr gefährlich werden kann, dem es passirt, ihre Eitelkeit oder ihren Stolz zu verletzen. Ihre ältere Tochter, an den Fürsten Hatzfeldt-Trachenberg vermählt, gleicht ihr in vielen Stücken, weiss aber ihre Fehler durch den Reiz der Jugend und durch ihr hübsches Gesicht wettzumachen.

Einer der eifrigsten Bewunderer der Gräfin Benckendorf ist General Graf von der Goltz, Bruder des ehemaligen Botschafters in Paris, der bei der Kaiserin Eugenie in so hoher Gunst gestanden. Graf von der Goltz, Adjutant des Kaisers, ist vor dreissig Jahren der Held vieler Liebesabenteuer gewesen; jetzt zwingt ihn sein Alter, Mass zu halten; aber er hat einen gewissen Kultus der jungen Damen beibehalten und huldigt selbst älteren Frauen, wenn sie ihn an gewisse Vergnügungen der Jugend erinnern. Es ist ein trefflicher Mann und er wäre nicht ohne Geist, wenn er nicht immer zerstreut wäre. Wenn er nicht schläft, weiss er sehr gut zu plaudern und unterhält die Kaiserin durch eine Menge Klatschereien, die er mit sehr viel Verve zum Besten gibt

Der Graf von Pourtalés war ehemals ein amusanter Mann; allein, die Tafelfreuden, die Tänzerinnen und die Vergnügungen des Lebens überhaupt haben ihm jenes Siegel aufgedrückt, welches den Leuten von zügellosen Sitten vor der Zeit zutheil wird. Der Graf war Egoist und nur Jenen gegenüber liebenswürdig, die ihm nützlich oder angenehm sein konnten, sonst aber impertinent mit aller Welt. Heute ist der alte Lebemann nur eine Ruine; er plaudert nur aus Gewohnheit, ohne zu wissen was er sagt. Am Abend schlummert er in Gesellschaft des Grafen von der Goltz; allein dieser behält ein Auge offen, um die Bewegungen der Kaiserin zu beobachten; er führt stets die nämlichen banalen Schmeicheleien im Munde, aber ehemals brachte er sie mit Geist vor, während er sie jetzt mechanisch herplappert. Von seinen ehemaligen Liebhabereien hat er den Geschmack für gutes Essen für Kunstobjekte und allerlei Trödelkram beibehalten.

Er besitzt eine sehr reiche Sammlung. Sein Haus, in der Universitätsstrasse gelegen, ist köstlich möblirt und ausgeschmückt; schon der Hof ist ein kleines Museum. Dieser mit einem Glasdache versehene Hof hat einst dem Grafen Pourtalés einen tiefen Kummer verursacht. Er hatte immer gehofft, die Kaiserin bei sich zu empfangen und um diesen Besuch zu erleichtern, hatte er bei dem Bau seines Hauses zwei Einfahrts-Thore anbringen lassen, damit der Wagen der Kaiserin im Hofe selbst umkehren könne. Aber ach, weder er, noch sein Architekt hatten daran gedacht, dass dieser Hof zu klein sei, um dem Wagen auch nur die geringste Bewegung zu gestatten. Der alte Höfling musste daher, als sein Haus fertig war, auf die Verwirklichung seiner schönsten Hoffnung verzichten. Nach vielem Seufzen tröstete er sich endlich, wobei ihm sein vortrefflicher Koch behilflich war.

Ausser den erwähnten Personen sind die intimen Zusammenkünfte im Schlosse noch besucht vom Oberst-Zeremonienmeister Grafen August Eulenburg, dem Oberst-Kämmerer Grafen Wilhelm Redern, dessen Bruder und Schwägerin, und noch einigen Personen ohne jede Bedeutung.

Graf Eulenburg, welcher, ehe er Zeremonienmeister geworden, Hofmarschall des Kronprinzen gewesen, ist ein sehr angenehmer und höflicher Mann, der trotz der Schwierigkeiten seiner Stellung es verstanden hat, sich überall Freunde zu erwerben, selbst unter Denjenigen, denen er den Rang verweigern musste, nach welchem sie strebten. Der Platz, welchen er einnimmt, ist keine Sinecure in einem Lande wie Preussen und in einer Stadt wie Berlin, wo Niemand nach dem ersten Rang im himmlischen Königreiche strebt, solange es noch ein deutsches Kaiserreich auf Erden geben wird. Bei Lebzeiten seines Vorgängers war jeder Hofball der Schauplatz von endlosen Zänkereien und Beschwerden zwischen den Kämmerern vom Dienste und einigen mehr minder zweifelhaften Damen; der Graf hat diesem Treiben ein Ende gemacht; er verbindet grosse Zuvorkommenheit mit grosser Festigkeit und weiss Jedermann seine Autorität fühlen zu lassen. Übrigens von sehr sanftem, ruhigem Naturell, mit viel gesundem Sinn begabt, wird er niemals etwas Inkorrektes begehen. Er weiss die Beschränktheit seiner Intelligenz zu verbergen. Sein Bruder, der einige Monate hindurch Minister des Innern gewesen, hat mehr Geist als er, aber weniger Geschicklichkeit und vor Allem weniger Kaltblütigkeit. Seine Stellung bei dem Kronprinzen war eine sehr schwierige wegen der Gegnerschaft der Kronprinzessin und man sagt, er habe es keineswegs bedauert, zu anderen Funktionen berufen zu werden. Graf Eulenburg ist vermählt mit einer guten und liebenswürdigen Frau, die von Allen geliebt wird, die jemals in ihre Nähe gekommen.

Der Oberstkämmerer, Graf Wilhelm von Redern ist ein Greis von 75 Jahren, noch sehr rüstig, den man jeden Tag zwischen zwei und vier Uhr im Thiergarten auf seinem Spaziergang begegnen kann. Es ist ein wackerer Mann, sehr reich, der ehemals viel Geist hatte; er ist sehr musikalisch, ein Freund der schönen Künste, gütig zu aller Welt und wird von seinem Neffen und künftigen Erben sehr stark geprellt, welcher das reiche Erbe seines Oheims schon im vorhinein brandschatzt. Graf Wilhelm hat sich auch mit Literatur beschäftigt, er hat im vorigen Jahre Memoiren veröffentlicht, gegen welche von vielen Seiten Beschwerden erhoben wurden, vor Allem, von Seite seines Bruders.

Dieser Bruder ist die böseste Zunge, die es jemals gegeben. Er kennt kein Erbarmen für Niemanden, weicht vor keinem Kummer zurück, schenkt keiner Bitte Gehör, wenn es sich darum handelt, irgend einen Klatsch in Umlauf zu setzen. Er verbringt sein Leben damit, wahre oder falsche Gerüchte zu sammeln, die er dann mit der Wuth des Müssiggängers weiter colportirt. Er ist, ein bösartiger Mensch und dabei langweilig vermöge der Schwerfälligkeit seiner Sprache und der Weitläufigkeit seiner Auseinandersetzungen. In der Gesellschaft ist er ebenso gefürchtet wie gehasst und er wäre schon seit längerer Zeit nicht geduldet, wenn seine Frau nicht wäre, eine Prinzessin Odescalchi, eine ebenso liebenswürdige Greisin wie ihr Gatte unerträglich ist.

Die Gräfin Victorine von Redern ist eine der geachtetesten Damen in Berlin; ihr Salon, der jeden Abend offen steht, ist einer jener seltenen Orte in Preussen, wo man wirklich plaudern kann; sie verbindet sehr viel Wohlwollen mit einem gebildeten, nüchternen Geist. Ihre einzige Schwäche besteht in einer grenzenlosen Liebe zu ihrem einzigen Sohn, der ein mauvais sujet ist, ein Spieler, ein Wüstling, der durch seine tollen Streiche schon in allen Hauptstädten Europas von sich hat reden machen. Die Gräfin weiss alldies, aber sie ist, so gütig, dass sie trotz alldem ihr Herz dem verlorenen Sohne nicht verschliesst.

Ausser den Personen, die ich genannt habe, empfängt die Kaiserin in ihrem intimen Zirkel Niemanden. Zur Fastenzeit gibt sie jeden Donnerstag grosse Konzerte, zu welchen die Gesellschaft nach einem gewissen Turnus eingeladen wird; aber in der Regel sieht sie immer die nämlichen Gesichter, hört sie die nämlichen Reden und steht mehr oder weniger unter den Einfluss der nämlichen Leute, die sämmtlich eitel, interessirt, schmeichlerisch sind oder einfach Opfer jener Sympathie, die sie gegen ihren eigenen Willen ihrer Gebieterin eingeflösst haben.

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