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Napoleon in Berlin
ISBN 978-3-929829-36-5
erschienen Oktober 2006

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Napoleons Einzug in Berlin

Am Montag, dem 27. Oktober 1806, gegen 15.00 Uhr, ritt Kaiser Napoleon vom Charlottenburger Schloß aus durch den Tiergarten zum Brandenburger Tor. Wie der Weimarer Kanzler Müller berichtet, war »das schönste Wetter auf der Welt … der schönste Herbsttag, der je erschienen«. Damit war der Rahmen für die Entfaltung eines prächtigen militärischen Schauspiels gegeben, der Beteiligte und Zuschauer gleichermaßen beeindrucken sollte. Vom Großen Stern im Tiergarten bis zum Brandenburger Tor bildeten die Kürassierdivisionen Nansouty und Hautpoul – zwei Karabinier- und acht Kürassierregimenter – in ihren malerischen Uniformen das Spalier.

»Der unabsehliche Raum vom Brandenburger Tor bis zum Schloß auf beiden Seiten der Linden mit allen Waffengattungen angefüllt, von tausendfachem Widerhall der Gewehre, Adler, Helme, Kürasse durchblitzt, vom stolzen Siegesmarsch der Trompeten, Trommeln und Janitscharen-Musik durchbraust, gab ein höchst imposantes Schauspiel.« – »Er [Napoleon] war umgeben von einem glänzenden Gefolge von Marschällen und Generalen in goldgestickter Uniform, und auch alle am Eingang beteiligten Truppen trugen Paradeuniform. Nur der Kaiser hatte sich gar nicht geputzt. Er trug seinen einfachen Rock und gewöhnlichen Hut mit der Kokarde für einen Sou. Um so größer war das Staunen der zuschauenden Menge. Es mochte ihr wohl wunderbar erscheinen, daß der schlechtest Gekleidete der Herr einer so prachtvollen Armee war«, berichtet der französische Capitaine Coignet.

Der französische Generalarzt Baron Percy schrieb über seinen Eindruck beim Einzug der französischen Truppen in Berlin sowie die ersten Tage in der Stadt: »Welch großartigen Anblick bietet Berlin! Das Tor [Brandenburger Tor] und die Straße, auf der man es betritt, sind wunderbar. Die Gebäude dieser großen Stadt sind majestätisch. Die meisten Straßen sind schnurgerade, schade, daß sie mit Findlingen gepflastert sind. Die protestantischen Kirchen, die alte Residenz, Kasernen und zahllose Privathäuser beweisen durch die Schönheit ihrer Anlage, die Eleganz ihrer Architektur, die Kühnheit ihrer Dimensionen, daß Berlin ebensoviel Geschmack und Talent besitzt wie Paris. Von geistreichen Gesellschaften wimmelt es geradezu in dieser Stadt; die Künste stehen in hohem Ansehen. Wir haben Berliner getroffen, die voll Vertrauen und Sicherheit waren, uns aber unverschämt, zynisch und prahlerisch entgegentraten. Man sagt, daß die Preußen die Gascogner von Deutschland sind; die Berliner verdienen jedenfalls diese Bezeichnung mit vollem Recht. Seine Majestät hat befohlen, ihnen bescheiden und rücksichtsvoll zu begegnen. Wir gehorchen; aber auf Schritt und Tritt ist man versucht, sie zu schlagen, denn diese Großschnauzen genieren sich nicht, uns fortgesetzt anzustarren. …

Die Österreicher taugen mehr als dieses Volk hier. Wien ist zwar weniger schön als Berlin, aber dafür sind die Wiener anständiger als die Berliner. … Eben komme ich aus dem Theater. Es wurde ›Iphigenie auf Tauris‹ gegeben. Ich bin so entzückt, daß ich mich vor Begeisterung noch gar nicht erholen kann. Der Feind ist in Berlin, Preußen ist erobert, der König mit seiner zersprengten Armee geflohen, aber trotzdem war das Theater bis auf den letzten Platz voll, und niemand schien an sein Vaterland zu denken, den Hof zu bedauern oder sich wegen der Zukunft Sorgen zu machen. Man applaudierte, als Iphigenie sang, und vor allem beklatschte man das Ballett, das reizend war. Ich glaube kaum, daß in Paris bessere Leistungen geboten werden können. Die Ausstattung ist mindestens so gut wie bei uns, und einige Tänzerinnen wären auch bei uns herausgerufen worden.«

Im seltsamen Gegensatz zu den Kaiseradlern auf den Fahnen und Standarten spielten die Militärkapellen die »Marseillaise« und »Ca ira«, die bekanntesten Kampflieder der Revolutionszeit.

Die Mamelucken der Leibwache in ihrer türkischen Tracht eröffneten den Zug, dann paradierten die Grenadiere und Jäger der Garde zu Fuß, »deren Anstand heroisch, keineswegs militärisch stutzerhaft wirkt, in blendender, geschmackvoller Pracht«, die Veteranenbataillone von Marengo und Austerlitz schlossen sich an. Danach folgte Kaiser Napoleon in der einfachen grünen Uniform seiner Gardejäger. Er ritt auf einem kleinen arabischen Schimmel, »sein Antlitz, dessen Profil ganz römisch antik ist, in milder Haltung, die den Triumphator mehr idealisiert, wie die berechnete Repräsentation«. Napoleons Äußeres hatte aber nicht mehr die Hagerkeit seiner Generals- und Konsuljahre. Er sah jetzt rundlich und wohlgenährt aus, seine Statur wirkte behäbig, er setzte offensichtlich langsam Fett an.

Hinter ihm folgten die Marschälle und Großwürdenträger, dann die Grenadiere und Jäger der Garde zu Pferd. Unmittelbar beim Kaiser befanden sich die Marschälle Davout, Berthier und Augereau sowie der Großmarschall Duroc. Die angetretenen Truppen von den bereits in Berlin eingerückten Korps empfingen ihren Kaiser mit begeisterten »Vive l’empereur!«-Rufen.

Auf Befehl des französischen Stadtkommandanten Hulin hatten sich der Magistrat und die Behörden sowie die uniformierte Berliner Schützengilde am Brandenburger Tor zum Empfang aufgestellt. Unter den Linden waren zwar zahlreiche Berliner zusammengeströmt, um das Spektakel zu genießen. Massen waren es aber nicht, da der Zeitpunkt des Einzugs von Napoleon zu wenig bekannt gemacht worden war.

Unter dem angeordneten Glockengeläut – obwohl der Kaiser diese Töne nicht liebte – überreichte man Napoleon den noch in Potsdam zurückgewiesenen Schlüssel der Stadt. Der ebenfalls angeordnete Begrüßungsruf »Es lebe der Kaiser!« ertönte aus den Reihen der Berliner nur sehr spärlich, vorrangig riefen ihn dafür von den Franzosen extra bezahlte Personen. Stadtkommandant Hulin hatte außerdem das Schwenken von Tüchern durch die Berliner Frauen aus den Fenstern angeordnet. Das jedoch wurde fast komplett boykottiert, auch wenn Gemälde und Zeichnungen dies zeigen. »Man muß zum Lobe dieser Damen gestehen, daß ihr Benehmen große Neugier verriet, aber es zeigte sich auch tiefe Trauer auf ihren Gesichtern, die meist mit Tränen benetzt waren«, so der französische General Savary in seinen Memoiren.

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