Mythos Führerbunker
Hitlers letzter Unterschlupf
ISBN 978-3-86368-019-0erschienen Dezember 2011 Zum Buch...
VorwortNoch ein Buch über Hitler. Dabei gibt es doch über keinen Menschen der Zeitgeschichte mehr. Mindestens 67 einigermaßen seriöse Biographien des deutschen Diktators in den verschiedensten Sprachen sind in den vergangenen fünf Jahrzehnten erschienen; Übersetzungen, gekürzte Versionen und zahlreiche verherrlichende Schriften nicht gerechnet. Die wissenschaftlichen Studien über einzelne Aspekte von Hitlers Leben, über sein Regime und die Folgen seiner Herrschaft dürften in allen Sprachen insgesamt nach Hundert-, nicht nach Zehntausenden zählen. Und selbst über die letzten Wochen in Berlin und über den Bunker unter den Ministergärten, in dem er seinem Leben am 30. April 1945 ein Ende setzte, gibt es zahlreiche Bände. Allein im Jahr 2002 sind drei Bestseller darüber erschienen: Traudl Junges Memoiren »Bis zur letzten Stunde« geben die Ereignisse aus der Sicht einer Sekretärin Hitlers wieder. Den zwei Wochen von Beginn der sowjetischen Offensive auf Berlin bis zu Hitlers Selbstmord hat Joachim Fest, langjähriger Herausgeber der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«, seinen Essay »Der Untergang« gewidmet. Das letzte halbe Jahr des Dritten Reiches beschreibt der englische Autor Anthony Beevor, ganz im Stile britischer Schlachtenbeschreibungen, in seinen voluminösen Band »Berlin 1945«. Er lenkt den Blick auf das schwere Leben und das so erschreckend leichte Sterben in der Reichshauptstadt. Eine Hauptrolle in diesen wie den meisten anderen Büchern über Hitlers Ende spielt seine letzte Zufluchtsstätte, der Führerbunker. Es gibt wohl kaum einen anderen unterirdischen Bau, der so häufig beschrieben worden ist wie die Luftschutzanlage der Reichskanzlei auf dem Gelände der Ministergärten in Berlins altem Regierungsviertel. In jedem Fall ist kein unsichtsichtbares und weitgehend zerstörtes Gebäude in so vielen Rekonstruktionen gezeigt worden. Von dem ersten nachträglich erstellten Grundriß, der 1946 veröffentlicht wurde, bis zu künstlerischen Illustrationen kann man mehr als ein Dutzend eigenständige Darstellungen des Führerbunkers unterscheiden — ohne die Varianten und Plagiate vor allem in zahlreichen Zeitungsartikeln und Büchern. Kaum eine Hitler-Biographie und kaum ein Hitler-Bildband kommen ohne Abbildung dieser Betonhöhle aus. Erst recht verzichtet keiner der zahlreichen Bände über den Tod des Diktators auf die Kulisse seines Selbstmordes. Anton Joachimsthalers verdienstvolle Arbeit »Hitlers Ende. Legenden und Dokumente« zum Beispiel enthält einen zentimetergenauen Plan der Anlage, obwohl doch gar keine exakten Bauzeichnungen überliefert sind. In den Büchern der kleinen, aber rührigen Gemeinde der deutschen »Bunkerforscher« finden sich häufig Darstellungen des Führerbunkers. Doch längst nicht alle recherchieren so gut wie die Berliner Dietmar und Ingmar Arnold, die in ihren Bänden, zum Beispiel in »Dunkle Welten« (mit Frieder Salm), in »Der Potsdamer Platz von unten« und demnächst in »Sirenen und gepackte Koffer« (mit Reiner Janick) sehr detaillierte und zuverlässige Pläne von Hitlers Luftschutzanlage vorlegen. Warum also noch ein Buch über Hitler und sein Ende im Führerbunker? Zum einen, weil dieser Bau auch nach fast sechs Jahrzehnten immer noch fasziniert. Selbst im 21. Jahrhundert gehen beinahe täglich Touristengruppen über das Gelände und lassen sich vom düsteren Genius loci ein Gruseln über den Rücken jagen. Es sind keineswegs vor allem Ewiggestrige oder Neonazis, die diesen historischen Ort aufsuchen, sondern überwiegend Geschichtsinteressierte aus verschiedenen Ländern. Doch im Herzen der deutschen Hauptstadt, inmitten einer ungewöhnlich reichen Geschichtslandschaft mit zahlreichen Ausstellungen, Gedenkstätten und Informationstafeln zur Zeithistorie, weist nichts auf diesen Bau und seine Geschichte hin. Zum andern, weil man sich derzeit nicht knapp und seriös informieren kann — weder am Ort selbst noch auf dem deutschen Buchmarkt und erst recht nicht in anderen Sprachen. Denn die zahlreichen Bände zum Leben und Sterben Hitlers, zum Endkampf um die Reichshauptstadt und zur Geschichte der Berliner Unterwelten bieten die verfügbaren Kenntnisse im besten Fall verstreut dar. Nie jedoch wird der Bogen geschlagen vom eigentlichen Bau tief im Boden unter den Ministergärten zum dramatischen Geschehen in den letzten 105 Tagen von Hitlers Existenz. Ein dritter wesentlicher Grund schließlich ist die Fülle von unterschiedlichen Quellen zur Geschichte des Führerbunkers, die bisher nicht systematisch ausgewertet worden sind. Das vorliegende Buch beruht auf den einschlägigen Akten der Reichskanzlei im Bundesarchiv Berlin und des Ministeriums für Staatssicherheit im Archiv der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen sowie auf der privaten Sammlung des Berliner Malers, Grafikers und Illustrators Erhard Schreier, der den Abbruch der Bunkerdecken 1988 dokumentiert hat. Alle diese Quellen sind in geringem Umfang bereits in anderen Büchern zu unterschiedlichen Aspekten des Themas herangezogen worden — eine ausführliche Darstellung auf dieser Grundlage aber fehlt bisher. So ist es nicht verwunderlich, daß noch in den neunziger Jahren ungefähr ein halbes Dutzend Mal Hitlers angeblicher Bunker im Areal der Ministergärten »gefunden« wurde. Selbst seriöse Zeitungen und Zeitschriften wie die »Weltwoche« aus Zürich und die »Frankfurter Allgemeine Zeitung«, »Der Spiegel« und die »Berliner Zeitung« berichteten auf der Grundlage überholter oder komplett falscher Informationen über das mysteriöse Bauwerk. Boulevardzeitungen überschlugen sich geradezu mit knalligen Überschriften. Als unschlagbar erwies sich die teilweise in Fraktur gesetzte Zeile der längst verschiedenen Tageszeitung »Super!« vom 2. Juli 1992: »Wenn das der Führer wüßte — sein Bunker ein Denkmal«. Zwischenzeitlich forderten immer wieder Publizisten wie Daniel Goldhagen die »Öffnung« des vermeintlich noch zugänglichen, tatsächlich aber längst nur noch fragmentarisch existierenden Führerbunkers als Gedenkstätte. Heute gehören die ehemaligen Ministergärten zum neuen Regierungsviertel im Herzen Berlins; dort residieren mehrere Vertretungen der deutschen Länder beim Bund, dort wohnen mehrere tausend Menschen in der letzten großen Wohnanlage der DDR; in unmittelbarer Nähe werden schon bald die 2700 Stelen des Holocaust-Mahnmals Jahr für Jahr Hunderttausende Besucher anziehen. Ihnen eine Möglichkeit zu geben, sich über das düstere wie faszinierende Bauwerk zu informieren, über Bau, Nutzung und Beseitigung des Führerbunkers und den trotzdem weiterwirkenden Mythos, ist das Ziel dieses Buches. Die Grafiken auf der vorderen Innenseite des Umschlags geben die rekonstruierbare Gestalt des zweiteiligen Bunkers so genau wieder, wie das heute möglich ist. Berücksichtigt sind alle Arten von Informationen, von Akten aus der Entstehungszeit der Anlage über Schilderungen von überlebenden Bunker-Insassen und alliierten Bunker-»Touristen« sowie die Untersuchungen des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit aus den siebziger Jahren bis hin zu privaten Aufzeichnungen aus der Zeit des Abbruchs. Mit dem Auftauchen weiterer, genauerer Quellen, zum Beispiel originaler Baupläne, ist kaum zu rechnen. Trotzdem kann derlei nicht völlig ausgeschlossen werden: In Moskauer Archiven sollen noch unveröffentlichte sowjetische Ermittlungsberichte von 1946 liegen, aus der Zeit vor der ersten, mißlungenen Sprengung der Bunkeranlage also. Ihre Qualität ist unbekannt. Wesentliche Veränderungen gegenüber den hier vorgelegten Rekonstruktionen sind allerdings kaum vorstellbar. Wer ein Buch über den Nationalsozialismus und speziell über die Spitzen des Regimes schreibt, muß zwangsläufig mit dem Jargon der Täter arbeiten. Gewiß wären bei vielen Begriffen der »Lingua Tertii Imperii«, wie der Romanist Victor Klemperer seine brillante Miniatur über die Sprache des Dritten Reiches überschrieben hat, distanzierende Anführungszeichen geboten. Aus rein praktischen Erwägungen — die zeitgenössischen Quellen verwenden selbstverständlich keine — wird in diesem Buch darauf verzichtet, Selbstbezeichnungen wie Führer, Großdeutschland oder Drittes Reich in Anführungszeichen zu setzen. Das gleiche gilt für gängige Vokabeln des Regimes wie Wolfsschanze, Endsieg oder VWaffen. Nur dort, wo der nationalsozialistische Ursprung von Wörtern oder ihre Umdeutung im Sinne der mörderischen Ideologie nicht ohne weiteres erkennbar ist, werden Quotierungen gesetzt. Ein Buch wie dieses kann nur durch die Zusammenarbeit verschiedener Menschen entstehen. Wieland Giebel von der Buchhandlung Berlin Story hatte die Idee. Kathrin Hirthammer erstellte die Grafiken und übernahm die Gestaltung des Bandes. Swantje Kaposty recherchierte europaweit Bildrechte. Erhard Schreier, der wahrscheinlich allerletzte Besucher des Führerbunkers, unterstützte die Arbeit mit seinem enormen Wissen und leistete einen wichtigen Beitrag zur Dokumentation. Dietmar und Ingmar Arnold sowie Klaus Topel prüften freundlicherweise Teile des Manuskripts. Jörg Rudolph vom privaten Historischen Forschungsinstitut Facts & Files ließ seine Archivkontakte spielen. Lars-Broder Keil war wie stets ein gewissenhafter Gegenleser. Gabriele Dietz hat als aufmerksame Lektorin dem Autor viel zusätzliche Arbeit aufgehalst, um dem Leser die Lektüre so verständlich wie möglich zu machen. Ihnen allen gebührt der Dank des Verfassers. Trotz der Unterstützung dieser Freunde und Kollegen können Fehler verblieben sein. Die Verantwortung dafür trägt der Autor; korrigierende Hinweise an den Verlag sind sehr erwünscht. Berlin im August 2003 Sven Felix Kellerhoff |
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