Wert einer UnterschriftPaul-Löbe-Haus, Mittwoch, 18. Januar 2006, 17.30 UhrDunkel gekleidete Männer mit Aktentasche sind im Regierungsviertel so normal, dass sie meist nicht beachtet werden. Aber mir fiel schon von weitem auf, dass sich dieser Mann nicht bewegte. Das war ungewöhnlich, vor allem bei dem eisigen Nordwind, der zwischen Paul-Löbe- und Marie-Elisabeth-Lüders-Haus hindurchpfiff und die Eisschollen, die träge und widerstrebend dem schlangenförmigen Verlauf der Spree folgten, gegeneinander schob. Die Erscheinung wirkte elegant und sympathisch, daher stellte ich mich positiv auf die unausweichliche Begegnung ein. Denn je näher ich kam, desto sicherer wusste ich, dass ich angesprochen würde. Es war weit und breit kein anderes Opfer zu sehen. »Entschuldigen Sie«, sagte der Mann freundlich, mit weichem orientalischen Akzent, »darf ich Sie um Unterstützung für unser politisches Anliegen bitten?« »Das kommt darauf an, welches Anliegen Sie haben.« »Ich arbeite für den Widerstandsrat Iran.« »Was ist das?« »Wir wollen, dass die Mullahs wegkommen. Dafür werben wir in der Hauptstadt. Wir sagen, welche Gefahren von Iran ausgehen.« »Welche meinen Sie?« »Das sind drei Gefahren: Terrorismus, Fundamentalismus und die Atombombe. Wenn Terroristen die Atombombe in die Hände bekommen, das ist nicht auszudenken.« »Wie reagieren die Berliner?« »Die meisten helfen uns.« »Mit Unterschrift und Geld?« »Als Erstes wollen wir die Unterschrift für einen internationalen Appell gegen den neuen Faschismus im Iran. Wir wollen die Mullahs im Iran weghaben.« »Ist der Widerstandsrat Iran, für den Sie arbeiten, auch in anderen Ländern aktiv?« »In verschiedenen Ländern. In der ganzen Welt kann man sagen. Überall, wo Exiliraner sind, arbeitet der Widerstandsrat. Wir sind sehr viele. Bei der letzten Demonstration waren es 35.000, sehr viele.« »Haben Sie hier in Berlin auch mit Abgeordneten gesprochen?« »Ja, mit vielen.« »Die Stimmung ist ja gerade günstig, was den Widerstand gegen die Mullahs betrifft.« »Ja, sehr günstig.« »Wegen der Atomanlagen, die jetzt wieder betrieben werden?« »Ja. Ehrlich gesagt, wir brauchen keine Kernenergie. Iran hat genug Energie, Öl und Gas, verschiedene Bodenschätze. Iran ist ein sehr reiches Land. Die Mullahs verstecken etwas. Ich glaube, sie wollen die Atombombe machen.« »Hat Iran nicht sehr große Erdölvorräte?« »Ja, das stimmt, die zweitgrößten der Welt. Iran braucht deshalb keine Atomenergie.« »Erzählen Sie mir doch etwas von Ihrem Leben, das interessiert mich.« »Gerne. Was wollen Sie wissen?« »Wo sind Sie geboren?« »In Babol.« »Wo liegt das?« »Nahe am Kaspischen Meer. Im Nordiran.« »In welchem Jahr wurden Sie geboren?« »Ich bin 1960 geboren.« »Wer waren Ihre Eltern?« »Meine Eltern sind beide gestorben leider, meine Mutter schon früher, mein Vater 1999. Ich hatte auch lange, lange meinen Vater nicht gesehen.« »Welchen Beruf hatte Ihr Vater?« »Mein Vater hatte so eine, wie sagt man da, eine, ja, wie sagt man?« Er dachte einige Sekunden nach. »Bauer, sagt man, einfach Bauer.« |
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