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Letzte Rettung Berlin
ISBN 978-3-929829-40-2
erschienen Oktober 2006

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Grillwurst auf der Hüfte

Bahnhof Friedrichstraße, Mittwoch, 16. November 2005, 19 Uhr

Eine der belebtesten Ecken Berlins ist die Friedrichstraße zwischen den Linden und dem S-Bahnhof. Man hat manchmal Mühe voranzukommen, vor allem am frühen Abend, wenn sich Reisende aus nah und fern, Konzert- und Theaterbesucher, Schaufensterbummler, Geschäftsleute und Kunden in die Quere kommen. Mehrere Läden bieten auch auf dem Gehsteig ihre Waren an und verengen den ohnehin schmalen Weg zusätzlich. Autos, Busse und Straßenbahnen zwängen sich durch das Nadelör der Bahnhof-Unterführung. Genau die richtige Stelle also, um ein elementares Bedürfnis der Berliner zu befriedigen, nämlich das Bratwurstessen. 

Es war eine Berliner Spezialkonstruktion mit dem Namen »Grillwalker«, eine mobile Würstchenbude, die mich faszinierte. Ein junger Mann trug sie mit einem breiten Hüftgürtel am Körper, ohne dass er dazu die Hände benötigte, denn die hatten anderes zu tun. Manchmal bildete sich sogar eine kleine Warteschlange vor dem Bauchladen. Wie funktionierte dieses Gerät? Die tragende Struktur bestand aus einem Gitterrohrrahmen, der am Rücken des Verkäufers eine vollverkleidete Gasflasche enthält, die zugleich als Gegengewicht des vor dem Körper befindlichen Teils der Konstruktion diente: eine vollständig eingerichtete Küche mit einem breiten Behälter für Brötchen und kalte Würstchen, dem Grill, einer Abstellfläche für Senf und Ketchup und einer halbrunden Plexiglasschutzwand zur Kundenseite. Das Plastikteil war oben waagerecht abgedeckt und diente wie eine gläserne Ladentheke als Schaufenster und Ablagemöglichkeit. Ein hinten hochragendes, zweifach abgeknicktes Metallrohr von etwa einem Meter Länge trug einen Schirm, der die gesamte Anlage einschließlich Wurstverkäufer vor Regen, Laub und Taubendreck schützte.

 

Der etwa einsfünfundsiebzig große Mann hatte ein braunes, sympathisch-rundliches Gesicht mit flinken, dunklen Augen und war mit einer weiten Hose, einer Windjacke und einer Schirmmütze bekleidet, letztere mit dem Schriftzug »Grillwalker«. Die Farbkombination blau-orange stach ins Auge. Orangefarben waren die Jacke und der Schirm, blau die Mütze, die Hose und das Metallgestell. Bis auf die normalen Straßenschuhe handelte es sich offenbar um spezielle Berufskleidung des Unternehmens. Ich bestellte eine Wurst. Der Verkäufer fragte mich wie jeden anderen vor mir, ob Senf oder Ketchup gewünscht sei. Mir fiel auf, dass sein Deutsch einen Akzent hatte, aber nicht so stark, dass ich das Herkunftsland eindeutig bestimmen konnte. Ich fing an zu essen und beobachtete das Geschehen. Der Grillrost bot genau 22 Würsten von 20 Zentimeter Länge und gut zwei Zentimeter Dicke nebeneinander Platz. Diese wurden am linken und rechten Rand der Grillfläche nachgelegt und allmählich zur Mitte hin gerutscht und gerollt, wo die Gasflammen stärker brannten. Von dort kamen die mehr oder weniger allseitig gebräunten Exemplare in die aufgeschnittenen Brötchen. Je nach Kundenandrang konnte die Gaszufuhr mit einem Ventil an der Seite reguliert werden. Wenn großer Andrang herrschte, drehte der Verkäufer das Gas stärker auf, damit der Grillvorgang schneller ablief. Kaum ebbte der Umsatz ab, verringerte er die Gaszufuhr, damit die Würste nicht verbrannten. Der Preis einer Grillwurst stand mit großen Buchstaben und Ziffern auf der Plexiglaswand: 1,35 Euro. Die kassierten Münzen wanderten in eine umgeschnallte Münzenkasse von der Art, wie sie früher von Schaffnern in Straßenbahnen benutzt wurden. Die Geldscheine kamen in ein eigenes Behältnis. Ich bewunderte die Fingerfertigkeit und Körperbeherrschung des Wurstverkäufers. Er musste zwar keine anderen Tätigkeiten verrichten als in einer normalen Wurstbude, aber er durfte seinen Körper kaum bewegen, und alles geschah auf engstem Raum. Endlich, nach vielleicht zwanzig Kunden, trat eine Pause ein.
»Das Geschäft läuft gut heute, nicht?«
»Ja, es geht.«
»Ist das Ihre Nebentätigkeit oder der Hauptberuf?«
»Wie bitte, das habe ich nicht verstanden.«
»Sind Sie Student? Studieren Sie in Berlin?«
»Nein, ich bin Musiker.«
»Woher kommen Sie?«
»Aus der Normandie, aus Cherbourg.«
»Das ist aber interessant. Aus der Normandie! Ich liebe die Normandie.«
»Kennen Sie die Normandie?«
»Ja, gut. Ich habe zwei Jahre in der Nähe von Evreux gewohnt.«
»Das ist die Haute-Normandie. Ich komme aus der Basse- Normandie.«
Nun waren wieder Kunden da. Ich verzehrte meine Wurst in möglichst kleinen Bissen weiter, um länger neben dem Wurststand stehen bleiben zu können. Doch das war überflüssig, denn der Normanne unterhielt sich während des Geschäfts weiter mit mir. 
(...)

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