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Letzte Rettung Berlin
ISBN 978-3-929829-40-2
erschienen Oktober 2006

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Vorwort

Irgendwann im Frühsommer 2005 entschloss ich mich, etwas zu tun, was mir seit der Schulzeit durch den Kopf ging. Damals erzählte mein Deutschlehrer im Unterricht, er habe vor kurzem auf der Straße mit einem Bettler gesprochen, und dieser habe sich über das Gespräch mehr gefreut als über das gespendete Geld.


Jahrzehnte verstrichen, inzwischen war ich älter als damals mein Lehrer, aber niemals hatte mir jemand erzählt, dass er ein ähnliches Gespräch geführt habe. Nun wollte ich versuchen, alle Ausreden und Vorurteile beiseite zu schieben und ein Jahr lang mit Obdachlosen, Bettlern, Außenseitern, mit Menschen auf der Straße reden, an denen ich bisher gehemmt oder mit schlechtem Gewissen vorbeigegangen war. Ich war in mehrfacher Hinsicht gespannt. Würde es mir gelingen, auf der Straße, zwischen Fußgängern und Autos, mit fremden Menschen Gespräche zu führen? Zeigen diese Menschen Angst oder großes Misstrauen, wenn ich sie anspreche? Wie kommt man überhaupt ins Gespräch? Kann man auch im Winter Gesprächspartner finden? Ist es möglich, eine längere Unterhaltung später nachvollziehbar am Computer zu rekonstruieren? Ich nahm mir jedenfalls vor, alles so wahrheitsgetreu wie möglich festzuhalten.


Das Experiment begann im Juli 2005.  Im Laufe eines Jahres begegnete ich nur zwei Menschen, die nicht mit mir reden wollten, welch eine Überraschung! Dass sich der Personenkreis erweiterte, mit dem ich in Kontakt kam, liegt an der Eigendynamik, die das Projekt entfaltete, und der ich mich nicht entziehen wollte. Natürlich bin ich immer wieder gefragt worden, warum die Interviews ausgerechnet in Berlin stattfinden sollten. Das verblüffte mich, denn genau diese Frage hatte ich mir nie gestellt, und ich verstehe sie auch heute nicht. Würde denn ein Franzose fragen, warum jemand ein Buch über Paris schreibt und nicht über Marseille? Berlin ist unsere Hauptstadt, ist das nicht Grund genug? Vielleicht ist diese Tatsache uns Deutschen noch nicht richtig klar geworden. Kulturell und geschichtlich fühlte ich mich jedenfalls durch die vorangegangene intensive dreijährige Recherchearbeit für meine Berliner Rätselhefte hinreichend gerüstet, das Projekt zu wagen.
Ich danke Wieland Giebel für die engagierte Unterstützung vom ersten Tag an, ohne die ich möglicherweise nicht den Mut für die Gespräche gehabt hätte. Vor allem bedanke ich mich aber bei meiner Frau, die sich nicht nur alle Berlin-Erlebnisse detailliert erzählen ließ, sondern auch deren Niederschriften sorgfältig und mit großer Anteilnahme auf Stimmigkeit und Nachvollziehbarkeit überprüfte. Sehr gefreut habe ich mich über die zahlreichen konstruktiven Hinweise von Gabriele Dietz, die das fertige Manuskript gründlich und kritisch durchgesehen hat.

Werner Schmidt

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