Die königliche Familie
Erster Brief
Kaiser Wilhelm ist ohne Widerrede der populärste Fürst unserer Zeit. Abgesehen von seinen militärischen Erfolgen ist er ein sehr liebenswürdiger, sehr wohlwollender Mann von einer wahrhaft väterlichen Güte. Ohne bemerkenswerthe Verstandeskräfte zu besitzen, hat er doch einen sicheren Blick und das Talent, die Leute zu entdecken, die ihm nützlich sein können, dieselben vorwärts zu bringen und gegen Jedermann zu schützen. Er besitzt eine Eitelkeit, versteht zu verschwinden, wenn es nothwendig ist, flüchtet sich hinter den Rücken seines Kanzlers und obgleich der gebieterische Wille des Letztern ihn oft genug bitter verstimmt, besitzt er doch Würde genug, um dies Niemanden merken zu lassen.
Er ist ehrgeizig, aber von einem brutalen Ehrgeiz, aus Begehrlichkeit nach dem Gute seines Nächsten; sein moralischer Appetit ist ebenso gross wie sein physischer Appetit; er möchte immer mehr haben als er schon hat und kann sich heute noch nicht darüber trösten, dass er im Jahre 1866 Sachsen nicht annektirt hat. Er ist absolut in seinen Grundsätzen, in seinem Willen; er hat Günstlinge, gestattet ihnen aber niemals, sich mit Politik zu befassen, die er ausschliesslich seinen Ministern vorbehält. Kaiser Wilhelm glaubt an die Unzulänglichkeit seines Sohnes und hält viel darauf, dass ganz Deutschland in diesem Punkte so denke wie er.
In ihm vereinigt sich eine grosse Beharrlichkeit mit einem masslosen Egoismus. Er beschäftigt sich mehr mit der Regierung als man allgemein glauben möchte, sobald es sich um eine Frage handelt, die ihn persönlich berührt; dann hält er zähe daran, seine Ideen zum Sieg zu führen; in allem Übrigen aber überlässt er sich den Anderen. Die Armee hat in ihm einen zuverlässigen Vertheidiger und dies ist die einzige Angelegenheit, in welcher er dem Fürsten Bismarck keine Einmengung gestattet hat. Die Haltung des Kronprinzen während der kurzen Regentschaft des Letztern im Jahre 1878 hat niemals die Billigung des Kaisers gefunden.
Der Berliner Vertrag hat ihm missfallen; er hätte ein kleineres Bulgarien gewünscht und war entrüstet über die Emanzipation der Juden in Rumänien. Diese beiden Punkte waren ihm sehr missliebig, wie er einem meiner Freunde gegenüber in einem Moment der Mittheilsamkeit geäussert hat. Vielleicht geschieht es aus Verdruss darüber, dass er in dieser ernsten Sache nicht zu Rathe gezogen wurde, vielleicht auch aus wirklicher politischer Überzeugung, dass er diese beiden Punkte des Berliner Vertrages so sehr beklagt. Er hat in seinem Leben viel Glück gehabt, ein Glück, welches er übrigens zu schätzen weiss. Öffentlich spricht er niemals von Politik und ist er ein Mann von Welt durch und durch.
Seine Höflichkeit ist ausserordenlich gross und keineswegs geheuchelt. Er weiss, dass er Alles den Anderen verdanke und ist der Erkenntlichkeit nicht fremd; andererseits gestattet er aber Niemandem zu vergessen, dass sein Name es ist, der Alles gedeckt hat, was geschehen ist. Alles in Allem ist er ein Mann von wirklicher Güte, von aufrichtiger Offenheit, von mittelmässiger Intelligenz, von einem beschränkten Geiste, von einem sehr entwickelten Takt und von ausgezeichnetem Herzen: eine Individualität, die ihrem Volke nur Sympathie und Respekt einflössen kann und die unter den grossen Herrschern Platz finden wird, ohne jemals ein grosser Mann gewesen zu sein.
Die Kaiserin Augusta hat einen gewissen natürlichen Geist; sie bildet sich ein, mehr davon zu besitzen als sie in Wirklichkeit besitzt. Es ist eine Person, welche wahre Freunde, leidenschaftliche Bewunderer und verbissene Verleumder gehabt hat. Diejenigen, die ihr ein grosses Mass von Intelligenz beigemessen haben, sind im Irrthum, ebenso diejenigen, die sie für bösartig, schädlich verschrieen haben. Sie ist keineswegs von aussergewöhnlicher Intelligenz; sie ist, nicht bösartig, aber intrigant, falsch und affektirt. Sie will durchaus eine Rolle spielen und gibt sich unendliche Mühe, damit man sie für wohl unterrichtet, in der Literatur bewandert und auf dem Laufenden befindlich halte über Alles, was in der Welt auf dem Gebiete der Wissenschaften und Künste vorgeht; ebenso ist sie ausserordentlich bemüht, sich populär zu machen; Aber sie besitzt keine Würde und hat nicht den nöthigen Geist, um sich entsprechend zu benehmen; ihre Geheimnisse vertraut sie ihrer Kammerfrau, Fräulein von Heyndorff. Letztere aber treibt in Gemeinschaft mit mehreren Damen der hohen Gesellschaft alle Arten von lntriguen, an deren Spitze sich stets die Kaiserin befindet.
Diese umgibt sich mit Höflingen und Begünstigten beiderlei Geschlechts, die dann zu allererst alles Böse über ihre Beschützerin in Umlauf setzen. Sie ist im Grunde eine gute Frau, sehr fromm und wohlthätig, aber lächerlich in ihren Anstrengungen, sich bemerkbar zu machen. Ihr Herz ist ausgezeichnet, ihre Güte unerschöpflich, aber sie kennt nicht die Kunst zu geben und besitzt das Talent, ihren Wohlthaten jeden Werth zu benehmen. Ihre Bemühungen liebenswürdig zu sein, ermüden alle Welt und sie erreicht das gerade Gegentheil von dem, was sie zu erreichen wünscht. Im Allgemeinen wenig beliebt, ist sie doch niemals nach ihrem wahren Werthe geschätzt worden. Man glaubt weder an ihre Menschenfreundlichkeit, noch an ihre Frömmigkeit, noch an irgend eine der Eigenschaften, die sie in Wirklichkeit besitzt. Sie fällt Allen zur Last, angefangen vom Kaiser bis hinab zu den Dienstleuten. Sie ist ein unglückliches Geschöpf, aber vor Allem unglücklich aus eigener Schuld. Wenn sie einst verschwindet, wird alle Welt aufathmen, aber später wird man sie doch bedauern.
Der Kronprinz ist kein Mann der Aktion, er ist Familienvater in dem intimsten Sinne des Wortes. Er lebt nur für seine Frau und betet seine Kinder an, mit Ausnahme seines ältesten Sohnes, dessen kühnen Geist er fürchtet. Bei Hofe erzählt man sich oft, dass seine politischen Ideen dem Reich der Träume angehören. Seine leidenschaftliche Verehrung für die Kronprinzessin hat ihn innerlich zu einem ganzen Engländer gemacht. Seit 25 Jahren lebt er in der Situation eines Prinzen, der von heute auf morgen zur Herrschaft gelangen kann und ist fortwährend verstimmt über die falsche und untergebene Position, in der man ihn erhält. Der Kaiser und Herr von Bismarck halten ihn für einen Utopisten; er liebt die Künste, unterstützt die Wissenschaft und ich wäre keineswegs überrascht zu hören, dass Augustus sein Ideal sei; er beschützt die kleinen Virgile, welche ? offen gestanden ? alle miteinander nicht soviel werth sind als der grosse. Wenn er einst den Thron besteigt, wird er eine Politik befolgen, die von jener seines Vaters durchaus verschieden ist. Darum setzen denn auch alle diejenigen, die innerlich oder äusserlich diese Politik des Kaisers verabscheuen, alle ihre Hoffnungen auf ihn; indessen glaube ich, dass sie sich täuschen werden. Der Kronprinz wird niemals eine Entscheidung zu treffen wissen, oder mindestens nicht zur rechten Zeit. Seine Manieren sind kühl und trotz seines leutseligen Wesens befindet man sich in seiner Gegenwart nicht recht behaglich. Er zeigt mehr Familiarität als Wohlwollen. Sein Herz ist wahrhaft gut, allein seine Verläumder behaupten, dass er als Souverän keine höhere Position erringen werde als jene, die er als Kronprinz besessen. Er hat keine Ambition, aber das berechtigte Verlangen: zu herrschen. Trotz seiner endlosen Güte vergisst er niemals eine Beleidigung.
Unter seiner Herrschaft wird Deutschland den Frieden haben und das grösste Glück für Frankreich wäre, dass diese Herrschaft lange andauere. In der Armee ist er nicht populär. Man hält ihn für scharfsinnig, aber nur im politischen Sinne, nicht im gewöhnlichen Sinne; diese Meinung ist selbst unter denjenigen verbreitet, die ihm ganz nahe stehen. Es sind sehr abfällige Gerüchte über ihn in Umlauf gewesen. Sein Vater fürchtet ihn und sucht ihn soviel als möglich in den Hintergrund zu drängen. Im Lande hegt man eine sehr hohe Meinung von dem Kronprinzen, in der Familie hingegen eine sehr geringe.
Die Kronprinzessin ist eine Dame von universeller Bildung. Sie schreibt politische Denkschriften, korrespondirt mit Philosophen, treibt Malerei und Skulptur, komponirt Sonaten, entwirft Baupläne und dgl. Sie hat viel natürliche Begabung, aber eine so weit ausgedehnte Bildung, dass es manchmal den Anschein hat, als würde die Überfülle ihrer Ideen die vernünftige Ordnung dieser Ideen ins Schwanken bringen. Ihre geistige Überlegenheit führt manchmal dahin, die Ideen zu trüben, deren sie sich bemächtigt und die Meinungen, zu denen sie sich bekennt.
Sie sucht nicht den Gelegenheits-Geist, ihre geistigen Schätze sind so reichlich, dass sie genöthigt ist, Mass zu halten; sie spricht beiläufig wie La Rochefoucauld schrieb: in Maximen.
Es versteht sich von selbst, dass die Gesellschaft ihr missfällt; sie liebt dieselbe nicht und verachtet sie augenscheinlich; denn man findet in ihren Soireen oft Leute, die man sonst nirgends findet und die sich nur bei ihr in die Gesellschaft mengen. Sie thut nichts, um den Titel einer grossen Dame zu verdienen, dagegen hat sie das Gefühl, man könnte sagen: den Stolz ihrer Superiorität als Prinzessin. Auf die Beharrlichkeit in ihren Beziehungen scheint sie wenig Gewicht zu legen. Eine Kleinigkeit vermag sie abzustossen oder zu reizen, während sie, wenn es sich darum handelt, eine Idee festzuhalten, eine entschlossene Standhaftigkeit an den Tag legen wird, geeignet, über alle Hindernisse zu triumphiren.
Sie beschäftigt sich mit Politik und hat über diese Angelegenheit ihre eigenen Ansichten, die mit jenen ihrer unmittelbaren Umgebung nicht immer übereinstimmen. Darum geht sie denn auch unter dem Vorwande, ihren künstlerischen Neigungen zu fröhnen, öfter nach Italien, um nicht gutheissen zu müssen, was sie tadelswerth findet, oder um in einer Sache nachzugeben, die sie verfochten.
Sie ist aufrichtig und entschieden liberal und das ist einer der ernstlichen Vorwürfe, die man ihr macht.
Ihre Beziehungen zur Kaiserin sind sehr gespannt, weniger die zum Kaiser. Auf ihren Gatten übt sie, durch Neigung wie durch Kunst, einen grenzenlosen Einfluss.
Prinz Wilhelm, ihr ältester Sohn, ist erst vierundzwanzig Jahre alt; es ist daher schwer zu sagen, was aus ihm werden wird; unläugbar ist er ein junger Mann, der eine Zukunft hat, der Geist, Verstand und Herz besitzt. Er ist der gescheidteste unter den königlichen Prinzen; dabei muthig, unternehmend, ehrgeizig, ein Hitzkopf aber ein vortreffliches Herz, sympathisch im höchsten Grade, hat Schwung, Feuer, Beweglichkeit im Charakter und im Geiste, Schlagfertigkeit in der Konversation, dass man schier glauben möchte, er sei kein Deutscher. Er liebt die Armee mit Begeisterung und ist seinerseits sehr beliebt in derselben.
Trotz seiner Jugend hat er es verstanden, sich in allen Klassen der Gesellschaft populär zu machen; er ist wohl unterrichtet, hat gelesen, schmiedet Plane für die Wohlfahrt seines Landes und hat ein merkwürdiges Verständniss für Alles was mit der Politik zusammenhängt. Er wird sicherlich ein bedeutender Mensch und wahrscheinlich ein grosser Monarch. Preussen wird in ihm vielleicht seinen Friedrich II. wiederfinden, aber ohne den Sceptizismus desselben; überdies besitzt er eine gewisse Heiterkeit des Gemüths, welche die kleinen Härten mildern wird, die er als echter Hohenzollern im Charakter hat. Er wird vorzugsweise ein persönlicher Herrscher sein, wird sich nicht führen lassen, wird ein gesundes, nüchternes Urtheil haben, eine rasche Entscheidung, einen festen Willen, eine energische Aktion. Wenn er auf den Thron gelangt, wird er das Werk seines Grossvaters fortsetzen und sicherlich das seines Vaters zerstören, welcher Art immer es sei. Die Feinde Deutschlands werden in ihm einen furchtbaren Gegner haben; er kann der Heinrich IV. seines Landes werden. Sein grösster Fehler besteht in einer allzu ausgesprochenen Neigung für die Frauen. Er hat viele Maitressen und kann eines Tages auf eine Favoritin stossen, die es verstehen wird ihn zu beherrschen; seine Gemahlin ist zu unbedeutend, um auf sein leidenschaftliches Temperament den geringsten Einfluss zu üben.
Er vernachlässigt sie jetzt schon und wird sie bald vollständig aufgeben, denn sie besitzt keinen Reiz, der ihn anziehen und festhalten könnte. Es ist nicht wahrscheinlich, dass er sich jemals in den Netzen einer Person verstricken könnte, der es an Geist mangelt; seine bisherigen Liebschaften sind ohne Bedeutung geblieben. So lange er, wie bisher, seine Leidenschaften in den unteren Klassen der Gesellschaft zu befriedigen suchen wird, bleibt die Sache ohne bedenkliche Folgen; aber wenn eines Tages eine Frau aus der bessern Welt seine Aufmerksamkeit auf sich zieht, wird man seinen Thaten mit Interesse folgen müssen; denn man wird ihn nur von diesem verwundbaren Gesichtspunkte aus endgültig beurtheilen können. |