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"Kristallnacht"

Der Novemberpogrom 1938 und die Verfolgung der Berliner Juden

ISBN 978-3-929829-66-2
erschienen Oktober 2008

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Vorwort

Warum dieses Buch?
Über kein Thema der Weltgeschichte ist mehr geforscht worden als über die Verfolgung der deutschen und europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland zwischen 1933 und 1945. Im United States Holocaust Memorial Museum in Washington D.C. gibt es die mit mehr als 55.000 Titeln weltweit wohl größte Spezialbibliothek zu diesem Thema; in Berlin, von wo aus der staatliche Rassenwahn in die mörderische Realität umgesetzt wurde, werden – neben den Beständen der historischen Seminare an den drei Universitäten sowie der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz – gleich vier Fachsammlungen zur deutsch-jüdischen Geschichte gepflegt: die Bibliothek des Jüdischen Museums (etwa 45.000 Bände), das Zentrum für Antisemitismusforschung (rund 40.000 Bücher), die Joseph-Wulf-Bibliothek in der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz (rund 19.000 Bände) und der Bestand des Centrum Judaicum in der Oranienburger Straße (mehr als 14.000 Titel). Angesichts solcher schier unübersehbarer Literaturmassen könnte man annehmen, dass praktisch alles, was über den Holocaust zu schreiben ist, auch schon geschrieben wurde.

Das allerdings ist ein Irrtum. Denn bislang klafft in dieser Bücherflut eine bemerkenswerte Lücke: Es gab keine Darstellung der Novemberpogrome 1938 in Berlin und ebenso wenig eine zusammenfassende Beschreibung der Judenverfolgung in der Reichshauptstadt. Das ist überraschend, denn hier bestand die größte jüdische Gemeinde Deutschlands, hier begannen die antisemitischen Übergriffe früher und wurden noch radikaler durchgeführt als in den meisten anderen Regionen, hier fielen die Entscheidungen für die systematische Ausgrenzung und Entrechtung, von hier aus wurden rund 50.000 Menschen in den Osten deportiert und ermordet– fast ein Drittel der etwa 160.000 Deutschen unter den insgesamt sechs Millionen Opfern des Holocaust. Zwar sind in den vergangenen Jahren eine Fülle von Regionalstudien erarbeitet worden, so dass es zum Beispiel über Juden in Weißensee und in Pankow, in Wilmersdorf und in Kreuzberg, in Mitte und in Treptow, im Bayerischen Viertel und am Kurfürstendamm eigene Publikationen gibt. Auch sind verschiedene Spezialuntersuchungen erschienen, zum Beispiel über die antisemitischen Willkürmaßnahmen der Berliner Verwaltung, zur Verfolgung ab 1938 und zum meist falsch dargestellten Protest »arischer« Frauen gegen die Verhaftung ihrer jüdischen Männer in der Rosenstraße im Februar 1943. Das vorliegende Buch konkurriert nicht mit diesen und anderen Arbeiten, sondern baut auf ihnen auf. Ziel war es, die Geschichte des nationalsozialistischen Rassenwahns in Berlin von seinem ersten organisierten Auftreten 1924 bis zum Wiederauftauchen der »U-Boote« genannten untergetauchten Juden in der Stadt Anfang Mai 1945 knapp, aber konkret zu beschreiben.

Daraus ergaben sich Aufbau und Zuschnitt dieses Buches: Am Anfang steht die Darstellung der Ausschreitungen in Berlin in der zweiten Novemberwoche 1938. Aus zahlreichen einzelnen Beispielen entsteht das Bild eines ungeheueren Gewaltexzesses, der bei allen schlimmen Überraschungen der vorangegangenen fünf Jahren in dieser Form wohl von niemand erwartet worden war. Dieser erste Teil umfasst ungefähr die Hälfte des Buches und konzentriert sich auf die sechs Tage vom 7. bis zum 12. November 1938. Die Schwerpunktsetzung ist schon deshalb gerechtfertigt, weil das Pogrom, mit einer Formulierung des führenden deutschen Holocaust-Experten Wolfgang Benz, den »Scheitelpunkt« des Weges zur »Endlösung« darstellte: »Die physische Vernichtung der Judenheit war als Ende dieses Weges, als Ziel der nationalsozialistischen Herrschaft deutlich geworden.« Anders ausgedrückt: Die »Kristallnacht« war der »Anfang vom Ende«.

 

Im zweiten Teil geht es um die Vorgeschichte des Pogroms, im einzelnen um die Entwicklung der Berliner jüdischen Gemeinde seit 1871, um den zunehmenden, von der NSDAP und Goebbels bewusst geförderten Antisemitismus, um den Einschnitt, den Hitlers Ernennung zum Reichskanzler vor allem auch für deutsche Juden darstellte, und um die Bösartigkeit, mit denen Behörden und Privatleute die Ausgrenzung dieser Minderheit häufig aus Eigennutz vorantrieben. Der dritte Abschnitt setzt ein mit den direkten Folgen des Pogroms und behandelt die Fortsetzung der NS-Ausrottungspolitik mit besonderem Blick auf die Reichshauptstadt. Da das vorliegende Buch den schmalen Umfang von 96 Seiten nicht überschreiten sollte, mussten Autor und Verlag gerade im zweiten und dritten Abschnitt auf eine ausführlichere Darstellung verzichten. Einer wissenschaftlichen Untersuchung der Judenverfolgung in Berlin kann und will ich nicht vorgreifen; im Gegenteil: Es wäre wünschenswert, wenn eine der zahlreichen aus Steuermitteln finanzierten Institutionen, die sich in der Bundeshauptstadt dem Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus widmen, endlich große Arbeiten sowohl über die Geschichte Berlins unter Hitler im Allgemeinen wie speziell über den Rassenwahn in seiner regionalen Ausprägung erarbeiten würden. Schon vor mehr als drei Jahren habe ich, im Vorwort zu meinem Buch »Hitlers Berlin«, auf dieses Desiderat hingewiesen. Geschehen ist seither beinahe nichts.


Der Titel dieses Buches steht bewusst in Anführungszeichen. Wer genau den Begriff »Kristallnacht« erfunden und in Umlauf gebracht hat, ist unklar. Aus der Zeit vor 1945 ist das Wort ein einziges Mal belegt, in einer auf Tonband mitgeschnittenen Rede des NSDAP-Funktionärs Wilhelm Börger vom Juni 1939: »Die Sache geht als Reichskristallnacht in die Geschichte ein.«2 Die erste nachgewiesene gedruckte Verwendung datiert vom 11. November 1945, als die »Berliner Zeitung« das Wort benutzte, und zwar in Anführungszeichen gesetzt. Schon kurz zuvor hatte der »Tagesspiegel« darauf hingewiesen, dass das Pogrom vor genau sieben Jahren sowie die folgenden Tagen »im Volksmund die ›Kristallwoche‹ genannt« worden seien.

 

Beide Formulierungen erläuterten die Autoren der Artikel nicht weiter, wohl weil sie annehmen durften, ihre Leser würden verstehen. In kritischen Aufzeichnungen aus dem November 1938 ist der Begriff jedoch nicht zu finden; weder in den Berichten der Exil-SPD noch etwa im Tagebuch von Ruth Andreas-Friedrich. In der offiziellen Propagandasprache der NSDAP tauchte das Wort sowenig auf wie in internen Berichten der Gestapo; hier war meist von der »Judenaktion« die Rede.4 Der Dresdner Romanist Victor Klemperer, als verfolgter Jude jeder Sympathie für die Nazis unverdächtig, verwendete in seinem Tagebuch 1938 und erneut 1943 die Formulierung »Grünspan-Affäre«. Nicht einmal der Journalist und Sprachexperte Dolf Sternberger, der unmittelbar nach 1945 begonnen hatte, die Deutschen über menschenverachtende Formulierungen »Aus dem Wörterbuch des Unmenschen« aufzuklären, vermochte den Ursprung des Wortes aufklären: »Mir ist in Gesprächen gelegentlich die Vermutung begegnet, die Täter selbst hätten das Wort erfunden, und es ist wahr, man könnte auch ein Interesse am Euphemismus heraushören. (…) Trotzdem glaube ich nicht, dass das Wort ›Reichskristallnacht‹ einer nationalsozialistischen Schnoddrigkeit seine Entstehung verdankt. Das Verwegen-Lustige daran und das ›Kristall’-Interesse wäre dem Göringschen Milieu zwar durchaus zuzutrauen, nicht aber der Jux mit dem ›Reich‹. Diese Zusammensetzung hat ja auch eine höhnische Note, indem sie das parteiamtliche und das reichseinheitlich Durchorganisierte des Vorgangs blitz- und witzhaft kenntlich macht. ›Von wegen Volksaufstand!‹, heißt das doch auch, ›ihr könnt uns nichts erzählen, das ist ’ne Reichssache!‹ (…) Kurz, die Vermutung spricht am ehesten für den anonymen Volkswitz, zumal den berlinischen.«

 

1978 schlug ein SPD-Bundestagsabgeordneter vor, besser von »Reichspogromnacht« zu sprechen.7 Dieser im Bemühen um politische Korrektheit geprägte Begriff hat sich sei 1988 zunehmend durchgesetzt, obwohl ihm im Gegensatz zur Prägung »Kristallnacht« jede Authentizität fehlt. In diesem Buch verwende ich die Kunstschöpfung »Reichspogromnacht« daher nicht, sondern den zeitnahen Begriff in Anführungszeichen; sie sollen verdeutlichen, dass es sich um einen hochproblematischen Begriff handelt. Daneben steht die ebenso schlichte wie sachlich treffende Bezeichnung Novemberpogrom. Im November 2008 jährt sich die »Kristallnacht« zum 70. Mal. Solche runden Jahrestage rücken wichtige Ereignisse der Vergangenheit stets in die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Daran ist, dem verbreiteten Unbehagen bei Universitätshistorikern zum Trotz, nichts Schlechtes. Wichtig ist, dass man sich erinnert. Denn wenn überhaupt etwas schützt davor, Fehler der Vergangenheit zu wiederholen, dann nur die Erinnerung.

Berlin, 20. Juli 2008
Sven Felix Kellerhoff

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