Hof und Gesellschaft in Berlin 1884
Das Skandalbuch von Graf Paul Vassili
ISBN 978-3-929829-53-2erschienen November 2006 Zum Buch...
Vorwort von Anja KnottIm Oktober 1883 löste die Veröffentlichung einer Artikelserie über die Berliner Gesellschaft in der französischen Zeitschrift »Nouvelle Revue« einen beispiellosen Skandal aus. Unter dem Pseudonym Graf Paul Vassili publizierte der Autor in der Artikelserie »La Societé Berlinoise« boshafte und gehässige Kurzbeschreibungen des Kaisers, seiner Familie, des Hofes, des Kanzlers, der Abgeordneten, der Pressevertreter, der Sozialisten, der Hochfinanz und anderer Vertreter der oberen Gesellschaftsschichten. Die Artikel bewiesen eine intime Kenntnis der Berliner Verhältnisse. Bismarcks Staatsminister Lucius von Ballhausen schrieb über die in französischer Sprache verfasste Serie:
»? in der Gesellschaft macht die Nouvelle Revue großes Aufsehen durch die Artikel »La societé de Berlin«, welche sehr abfällig und meistens übelwollend, doch mit viel Geist und Kenntnis der Berliner Hofgesellschaft geschrieben sind. Sie können nur von genau orientierten Personen geschrieben sein. Man nennt Mr. Guérard, früheren Vorleser Ihrer Majestät, als Verfasser ? intimer Freund Gambettas. Die Revue ist das Organ von Mad. Edm. Adam. Die September- und Oktoberhefte sind heraus, die nächsten sollen die Minister behandeln.« November 1883
Der Verzicht auf Klarnamen hatte einen guten Grund. Der Verfasser mußte anonym bleiben, weil nach dem Strafgesetzbuch von 1872 Majestätsbeleidigung mit lebenslänglichem Zuchthaus, lebenslänglicher Festungshaft oder in minder schweren Fällen mit Gefängnisstrafe nicht unter fünf Jahren bestraft wurde. Deshalb folgte der außergewöhnlichen Aufregung ein munteres Rätselraten über den oder die mutmaßlichen Verfasser, was den Zeitgenossen ausreichend Gelegenheit zu Klatsch und Tratsch bot. Da die »Enthüllungen« über die Berliner Gesellschaft zuerst in dem Pariser Magazin »Nouvelle Revue« erschienen waren, geriet deren Herausgeberin Juliette Adam unter Verdacht. Juliette Adam, geborene Lambert, war in zweiter Ehe mit dem einflußreichen französischen Politiker Antoine Edmond Adam verheiratet.
Für ihre Urheberschaft sprach, daß sie einen bekannten Pariser Salon führte, der regelmäßig von dem französischen Staatsmann und Führer der Linken Léon Gambetta und weiteren republikanischen Führern besucht wurde. Mit der Gründung der Zeitschrift »Nouvelle Revue« wollte Juliette Adam vor allem gegen die konservative Strömung der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts angehen. Ihr Steckenpferd war die Außenpolitik, Bismarck ihr bevorzugter Antagonist, ihre Haltung war vom französischen Revanchismus in der Folge der Niederlage von 1870/71 geprägt. Gerade ihre politische Gegnerschaft zu Bismarck ließ es plausibel erscheinen, in erster Linie Juliette Adam die Urheberschaft der Skandalschrift zuzuschreiben. Die Ermittlungen gegen weitere mögliche Autoren dauerten jedoch an, zu dünn waren die Beweise gegen Adam. Der Verdacht richtete sich gegen den früheren französischen Vorleser der Kaiserin Augusta, zudem ein Vertrauter des Republikaners Gambetta, Auguste Gérard. In einer Notiz von Fürst Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingfürst steht, dass Madame Schwabacher von der Gattin des russischen Botschafters in Konstantinopel erfahren habe, Gérard sei der Verfasser der Revueartikel. Auch Bismarcks Staatsminister Lucius von Ballhausen erwähnt ihn als mutmaßlichen Autor. Gérard selbst erklärte allerdings in seinen Memoiren, daß er mit der Veröffentlichung des Grafen Vassili nichts zu tun habe. Im Visier der Ermittler war auch der französische Geheimagent Adalbert-Henri Foucault de Mondion. Zum Beweis wurde ein Telegramm der »Münchner Neuesten Nachrichten« vom 11. August 1889 herangezogen.
Dem Spion Foucault war bereits in der Vergangenheit ein Meisterstreich gelungen, als er die deutsch-russischen Beziehungen mit gefälschten Dokumenten belastet hatte. Bismarck hatte Mühe gehabt, dem Zaren zu beweisen, daß es sich hierbei lediglich um Urkundenfälschungen gehandelt hatte. Die Liste möglicher Verdächtiger ist lang: Auch der Gattin des französischen Botschafters Jules Gabrielle Herbette wurde die Autorenschaft zugeschrieben. Die feindselige Charakterisierung des Bankiers Gerson von Bleichröder ließ auch die holländische Gattin seines Partners Paul von Schwabach in den Zirkel der Verdächtigten geraten. Der Katalog der Pariser Nationalbibliothek nennt Prinzessin Katharina Radziwill als Verfasserin von »Hof und Gesellschaft in Berlin«. Laut einer mündlichen Mitteilung vom Vater des Literaten Viktor Klarwill war der gesuchte Autor Paul Sergent, ein Wiener Mitarbeiter des »Figaro«. Denkbar ist auch, daß »le Comte Paul Vassili« das Kollektivpseudonym der Mitarbeiter der »Nouvelle Revue« war. Dafür spricht, daß nach dem großen Erfolg von »Hof und Gesellschaft in Berlin« weitere Skandalschriften über die wichtigsten Hauptstädte Europas, neben Wien auch London, Paris, Rom, Madrid und St. Petersburg, folgten. Diese Buchreihe trug als Autoren stets den Namen Comte Paul Vassili. Der wirkliche Verfasser konnte bis heute nicht ermittelt werden. Madame Adam wahrte bis zu ihrem Tod Stillschweigen über die Identität des Verfassers.
In Deutschland war die Drucklegung des Buchs verboten. Deshalb wurden deutschsprachige Exemplare in Budapest und in New York gedruckt und über diese Umwege auf den deutschen Markt gebracht. Das Interesse an dem Skandalbuch war spektakulär. Die Pariser Ausgabe in französischer Sprache erreichte im Jahr 1886, knapp vier Jahre nach der Erstveröffentlichung, schon die 26. Auflage. Bei dem hier vorliegenden Exemplar handelt es sich um eine deutsche Ausgabe von 1884, in Budapest im Verlag von Gustav Grimm erschienen. In der deutschen Erstveröffentlichung ohne die Angabe einer autorisierten Übersetzung finden sich zahlreiche Flüchtigkeitsfehler in der Übersetzung, die nur dann korrigiert wurden, wenn es dem Verständnis diente. Die Original-Seitenzahlen wurden in eckigen Klammern eingefügt. Nummerierungs- und Bezugsfehler der Seiten finden sich im Anschluß an Seite [112], auf der Seite [116] und auf der Seite [128]. Diese Anschlußfehler sind überarbeitet worden. Soweit die Vorgeschichte. Auffällig ist in der Folge die weitgehende Nichtbeachtung des Werks durch Historiker (Fritz Stern und Helmuth Rogge seien hier als Ausnahmen genannt), obgleich es sich um ein aufschlußreiches zeitgeschichtliches Werk handelt. Zum Inhalt: Der Autor zeichnet ein schlechtes Bild der Berliner Gesellschaft. Er nennt Namen und fällt harte Urteile über das Verhalten der Spitzen des Reiches. Eine gewisse Distanz zu seinem Gegenstand schafft der Autor durch die Konstruktion des Buches. Folgende erfundene Situation war dem Anfangspunkt des Buches vorausgegangen: Ein junger, frisch nach Berlin berufener Diplomat bittet einen befreundeten älteren Landsmann (das Land wird nicht genannt, vermutlich Frankreich) und Kenner der Berliner Gesellschaftsszene, ihm seine Anfangszeit in Berlin zu erleichtern, indem er ihn um Charakterskizzen der wichtigsten Akteure in Berlin bittet. Dies geschieht just in dem Moment, als der erfahrene Berlinkenner, vermutlich selbst ein Diplomat, Berlin verlässt, um ein Leben in »Müßiggang« zu führen. Gleich zu Beginn erklärt sich der Ältere damit einverstanden, seine Erinnerungen an Berlin aufzuzeichnen, relativiert aber schon im Vorfeld die eigenen Aussagen, indem er seinen Adressaten (»Mein junger Freund«) bittet, den Text auf seinen Wahrheitsgehalt und eventuelle Einseitigkeiten zu prüfen. Es folgen dreiundzwanzig Briefe, in denen der stets anonym bleibende ältere Diplomat eines ungenannten Landes die Berliner Gesellschaft mit ätzendem Spott überzieht. Dem mit flüssiger Feder und schöner stilistischer Sprache geschriebenen Text kann der Leser zahlreiche Weisheiten und Bonmots entnehmen. Kritische Bemerkungen sind dennoch angebracht. Dem Leser wird auffallen, daß der Autor gewagte Prognosen äußert und höchst subjektive Beurteilungen vornimmt. Hin und wieder erweisen sich die Kommentare aus heutiger Sicht erstaunlich weitsichtig. Zum Beispiel, wenn er den Untergang Preußens voraussagt, weil Bismarck alle geeigneten Nachfolger für sein Werk vernichtet habe. An anderer Stelle überzieht er maßlos und erweist sich als überaus borniert, zum Beispiel, wenn er die Berlinerin der höheren Klassen beschreibt: »Sie hat keine zwei ehrliche Gedanken im Kopf, keine zwei ehrliche Gesinnungen im Herzen. Sie hat keinen Anmuth, keine Erziehung, keinen Takt; sie ist lärmend?« Vieles davon ist Ausdruck der französischen Kritik an Preußen nach der Niederlage von 1870/71. Manche Bemerkungen zur Hochfinanz greifen die antisemitischen Strömungen auf, die im Gefolge der Banken- und Börsenkrise von 1873 sehr verbreitet waren. Thematisch lassen sich die Briefe folgendermaßen einordnen. Vier der Briefe behandeln den Berliner Hof, acht die Politik, fünf die hohe Berliner Gesellschaft. Zwei Briefe sind dem jüdischdeutschen Verhältnis gewidmet. Die Kategorisierung der letzten vier Briefe fällt schwerer. Zwei Briefe besprechen die obere Mittelschicht, ein Brief setzt sich mit der Presse auseinander, und im letzten Brief werden die sogenannten »Geprellten des Kanzlers« besprochen. Es sind die Bauernopfer, die Bismarck für seine Zwecke eingespannt und wieder fallen gelassen hat. Der Kaiser wird im ersten Brief als charakterfester Mensch von nur mäßigem Verstand beschrieben, dem die Anlagen eines großen Monarchen fehlen. Nicht weniger boshaft beurteilt der Autor die für ihre Bildung allseits geachtete Kaiserin Augusta. Sie sei keineswegs von übermäßiger Intelligenz, intrigant, falsch und affektiert. Die anonymen Aufzeichnungen über die Hofgesellschaft entbehren nicht einer bissigen Tragikomik, etwa in der Charakteristik des späteren Wilhelms II., als Vassili ihm eine Zukunft als zweiten Friedrich dem Großen, jedoch »ohne dessen Skeptizismus«, prophezeit. Dem politischen Berlin widmen sich die meisten der Briefe, nämlich acht. Besprochen werden das Parlament, der Kanzler, der Bundesrat, das Ministerium, Preußens Politik, Ludwig von Windthorst und die Katholiken, August Bebel und die Sozialisten sowie das Diplomatische Corps. In seinen Wertungen überrascht der anonyme Graf Paul Vassili durch eine beeindruckende Weitsicht und durch präzise formulierte politische Auffassungen. Zum Beispiel, indem er das Parlament als Marionette Bismarcks entlarvt oder den Bundesrat als eine »saubere Theaterdekoration« bezeichnet, deren Mitglieder entweder Geschöpfe des Kanzlers oder zu dumm seien, etwas zu bewegen. Die Mitglieder des Preußischen Ministeriums werden als farblose politische Gruppe beschrieben, deren Rolle die »Unterwerfung « sei. Bismarck ist das Lieblingsziel der Angriffe des Autors. Das große Geheimnis der Stärke des Kanzlers läge in seinem »elastischen Gewissen«, das keine Skrupel kenne. Bismarck trage etwas von dem »Ich« der Medea in sich und würde alles brechen, was nicht »er« sei. Vassili fährt fort, Bismarck hätte, nachdem er Preußen zur europäischen Macht geführt habe, keine andere Ambition mehr, als sich selbst die »grenzenlose Autorität« zu sichern. So sei aus der »Energie des Kanzlers Grämlichkeit und Grausamkeit« geworden. Positiv bewertet der unbekannte Autor den Sozialdemokraten August Bebel. Er sei ein bemerkenswerter Redner, der seine Zuhörer hinreiße mit einer »überzeugten Herbheit, durch die Wahrheit selbst«. Der Sozialismus sei in Deutschland »das Produkt der natürlichen Poesie eines Volkes, dessen Ideal in Goethes Gretchen personifiziert« sei. Ein Fehlurteil leistet sich der ungenannte Autor mit folgender Diagnose: Der Sozialismus würde in Deutschland niemals eine Gefahr sein können, da er sich stets an der »Gleichgültigkeit und Ruhe der Nation brechen würde.« Auch in der Beurteilung des Komponisten Richard Wagner kommt der Verfasser der Briefe zu einem grotesken Urteil. Wagners Musik verkörpere den deutschen Charakter. Die deutsche Musik sei »sonor, disharmonisch energetisch, gebieterisch, fast barbarisch wie die Nation.« Für Vassili ist Wagner der Bismarck der Musik. Die Werke beider Männer entsprächen den Bedürfnissen ihrer Zeit, kurz sie seien Männer des Augenblicks. Wagner werde sich im Ausland nicht verbreiten und auch in Deutschland werde seine Popularität abnehmen und seine Musik nur von einer Minderheit gehört werden. Problematisch sind zwei Briefe, die sich mit den deutsch-jüdischen Beziehungen beschäftigen. Dem Leser wird auffallen, dass in dem Kapitel über den Bankier Bleichröder ein stilistischer Bruch erfolgt. Bisher hat der anonyme Briefschreiber meist abfällig die Charaktereigenschaften der herausragenden Persönlichkeiten der so genannten besseren Gesellschaft beschrieben. Im vierzehnten Brief kommt ein ausgeprägter Antisemitismus in der Beschreibung der Äußerlichkeiten von Gerson Bleichröder hinzu, der schließlich in der pseudowissenschaftlichen, biologischen Kategorisierung der »Race«, der Rasse, gipfelt. Der oder die sich hinter dem Pseudonym Vassili verbergenden Autoren äußern sich antisemitisch, wenn sie die Physiognomie des Bankiers mit den bekannten Klischees beschreiben, oder wenn der Briefschreiber seinem fiktiven Freund rät, losen Kontakt zur jüdischen Gemeinschaft zu halten, ihm aber gleichzeitig empfiehlt sie sich vom Leibe zu halten, da »ihre Sitten nicht die der hohen Gesellschaft« seien. Diese Einleitung kann es nicht leisten, die Geschichte des Antisemitismus in Europa vollständig abzuhandeln. Wer sich damit näher auseinandersetzen möchte, dem sei hier Arendts Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft empfohlen. Einige Bemerkungen zu diesem höchst problematischen Teil von »Hof und Gesellschaft« müssen jedoch fallen. Die Perspektive des Autors, der zwar den deutschen Antisemitismus beschreibt, ihn aber um einen europäischen, vermutlich französischen ergänzt, ist ungewöhnlich. Deshalb sei eine kurze Skizze der Situation der Juden in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts in Deutschland erlaubt. Vor 1914 war Deutschland nicht das klassische Land des Antisemitismus sondern Frankreich, Österreich-Ungarn und Rußland. Und doch gehört die Erörterung des Antisemitismus auch in die deutsche Geschichte vor 1914. Der Begriff Antisemitismus ist 1879 in Deutschland entstanden, wo er ideologisiert wurde und sich antisemitische Parteien bildeten. Ausschlaggebend war der durch den Liberalismus ermöglichte und 1869 vollendete Aufstieg der Juden zur bürgerlichen Gleichberechtigung, ihr sozialer Aufstieg und die Übernahme der deutschen Kultur. Der Antisemitismus steht nicht in der Tradition der Judenfeindschaft, sondern enthält moderne Elemente, indem er die jüdische Emanzipation, die Assimilation rückgängig machen will. Der Antisemitismus zielt weniger auf die Religion denn auf die Herkunft. Er gibt sich schon mit der merkwürdigen, aus der Sprachwissenschaft abgeleiteten Wortbildung einen vermeintlich wissenschaftlichen Anstrich. Die deutschen Juden relativierten durch die Emanzipation von der jüdischen Tradition ihre Sonderstellung, waren aber als städtische Gruppe in bestimmten Berufen überproportional vertreten, wo sie relativ hohe Einkommen bezogen: im Bankwesen, im Handel, der Presse, in den freien Berufen beispielsweise als Ärzte oder Anwälte. Die Ursache hierfür lag in der Jahrhunderte dauernden Berufsbeschränkung auf Handel und Geldwesen, welche eine besondere Fähigkeit zur Innovation bedingte. Der schnelle Aufstieg, die Modernität und die schnelle Assimilation verliehen dem Klischee des Arrivierten, des Parvenü Plausibilität. Der Aufstieg des Bankiers Gerson von Bleichröder steht exemplarisch hierfür. Bleichröder glaubte an den Fortschritt und daran, daß die Emanzipation eine neue Ära für die jüdische Gemeinschaft eröffnen würde. Er glaubte, daß er jüdische Abstammung, Herkunft und Religion und deutsche Identität verbinden könne. Doch die Gleichstellung wurde den deutschen Juden nur widerwillig gewährt. Die Vorurteile, der Haß und die Antipathie nahmen sogar noch zu. Das Judentum wurde zum Symbol allen Übels stilisiert. Antisemitische Gruppierungen bezeichneten sie als Profitmacher der Neuzeit, als Symbol des Kapitalismus und des Liberalismus.
Hinzu kam, daß seit etwa 1880 der deutsche Nationalismus verstärkt aggressive und fremdenfeindliche Komponenten erhielt. In der Wirtschaftskrise nach dem Gründerkrach von 1873 ließen sich alte Vorurteile gegen das Bankwesen leicht wiederbeleben. Das kommt im vorliegenden Buch im zweiundzwanzigsten Brief in den Ausführungen über die Presse zum Ausdruck, zum Beispiel in der Aussage, daß die deutsche Presse ganz in den Händen der jüdischen Bankiers sei. Es entstand eine judenfeindliche Publizistik, die in der Bismarck-Ära mehr als 500 antisemitische Schriften hervorbrachte. In diese antisemitische Bewegung ist auch der achtzehnte Brief des anonymen Autors, der den protestantischen Hofprediger Adolf Stöcker behandelt, einzuordnen. Stöckers antijüdische und antikapitalistische Reden stießen auf große Resonanz bei den kleinen Leuten. Er ging auf Stimmenfang in die Berliner Arbeiterviertel und wollte den Marxismus durch einen sozialen Konservativismus ersetzen. Als Stöcker mit dieser Absicht scheiterte, änderte er seine Taktik und umwarb fortan den Mittelstand mit antisemitischen Parolen. Der Hofprediger attackierte das Judentum als Symbol des Kapitalismus und verurteilte jüdische Intellektuelle gleichzeitig als Wortführer des Sozialismus. Stöckers Antisemitismus war eine eigenartige individuelle Version, die sich nicht durchsetzte, da ihr Bismarck, der Kaiser, die Kirche und die Konservativen die Unterstützung verweigerten. Der anonyme Verfasser von »Hof und Gesellschaft« täuscht sich, wenn er im letzten Satz schreibt, Herr Stöcker sei der Urheber der antisemitischen Bewegung. Längst waren beständigere antisemitische Parteien und Organisationen entstanden. Der neunzehnte Brief behandelt das diplomatische Corps, dem Vassili eine wesentliche Bedeutung für Berlin zuschreibt, da die dortige Gesellschaft derart unterentwickelt sei, daß man ohne die »fremden Elemente« nicht kultiviert existieren könne. Das Bürgertum, »die kleinen Rentiers und die Beamten der zweiten Kategorie«, die der ungenannte Schreiber der mittleren Gesellschaft zuordnet, die Gelehrten und die Künstler kommen bei Vassili einigermaßen glimpflich davon. Im letzten Brief werden die Geprellten des Kanzlers als die Raben bezeichnet, die, sich zu Sklaven des Fürsten Bismarck gemacht haben: »?wie soll ich sagen Spione ist zu drastisch, Informatoren zu milde.« Ganz zum Schluß folgt ein kurzes Resümee, in dem der Verfasser über die schwierigen Aufgaben des nächsten Monarchen in Deutschland nachdenkt. Deutschland sei mit seiner nach Expansion strebenden Armee, seinem unreifen Bürgertum und seinen desorganisierten Parteien eine »unzureichend vorbereitete Nation« für neue Wege. |
|
|
Programm
