Kommen und Gehen Unter den Linden
von Walter Schimmel-Falkenau
ISBN 978-3-929829-34-1erschienen April 2006 Zum Buch...
Der erste Weihnachtsbaum1815Der Geheime Staatsminister Karl Wilhelm Freiherr von Humboldt und seine Frau Karoline waren wichtiger Verpflichtungen wegen, die sie in Berlin festhielten, an diesem 24. Dezember nicht auf Schloß Tegel, sondern sie hatten sich entschlossen, auch den Weihnachtsabend in ihrer Berliner Stadtwohnung im Hause Unter den Linden Nummer 26 zu verleben. Frau Karoline stand am Fenster und blickte auf die noch recht belebte Straße hinaus. Es wurde bereits dämmrig. Bläuliche Schleier durchwehten schon das nachlassende Tageslicht. Eine dünne Schneeschicht bedeckte den Boden und verschönte die kahlen Lindenäste auf der Mittelpromenade. Sie leuchtete auch von Simsen und Dächern herunter. Die Wolken hingen tief. Die Freifrau sah durch das Leben auf der breiten Straße hindurch. Sie war voll Weihnachtsstimmung. Sie hatten ein reiches Arbeitsjahr hinter sich gebracht und konnten mit dem Erreichten wohl zufrieden sein. Napoleons erneute Bedrohung Europas und damit auch Preußens war zunichte gemacht. Der russische Thronfolger hatte sich vor wenigen Monaten hier mit der bezaubernden »Blanchefleur«, mit der Prinzeß Charlotte, einer Tochter Friedrich Wilhelms III., verlobt, und das Schöne daran war, wie die Freifrau fand, daß es sich um eine ausgesprochene Liebesverlobung handelte. Bei dieser feierlichen Gelegenheit hatte der russische Thronfolger dem Geheimen Staatsminister seine besondere Wertschätzung und Anerkennung ausgedrückt. Und die strahlende Braut hatte ihr ins Ohr geflüstert, daß sie die glücklichste Frau in Europa sei! Und da die Spannungen zwischen ihrem Mann und dem auf jeden fremden Einfluß immer sehr eifersüchtigen Fürsten Hardenberg noch in weiter Ferne lagen, gab sich die Baronin Humboldt geradezu genüßlich der aufgehenden Weihnachtsfreude hin. Sie blickte soeben lächelnd zu ihrem Mann zurück, der sich mit seiner fast beendeten Übersetzung des »Agamemnon« von Äschylus beschäftigte. Gut sah er aus, fand sie. Niemand sah ihm seine achtundvierzig Jahre an und niemand ihnen beiden, meinte sie, daß sie nun schon vierundzwanzig Jahre miteinander verheiratet waren. Draußen verdichteten sich die blauen Schleier zusehends. Der Verkehr auf der Straße drängte nach Hause. Feiner Schneefall setzte ein, winzige, glitzernde Kristalle zitterten durch die kalte Luft. Die Fußgänger gingen schneller. Die zahlreichen Wagen fuhren rascher. Reiter waren überhaupt nicht mehr unterwegs. »Es schneit ein wenig«, sprach die Freifrau zum Fenster hinaus. An der Straßenfront ihres Hauses zog sich ein schmaler, fünf Schritte breiter Rasenstreifen hin, auf dem zwei Birken und zwischen ihnen eine Blautanne standen, die jetzt mannshoch war und ein sehr schöner Baum zu werden versprach. »Schön, daß wir den Weihnachtsabend einmal in der Stadt verleben«, sie wandte sich mit diesen Worten wieder zu ihrem Mann um, »hier herrscht eine ganz andere Stimmung als bei uns in Tegel draußen. Die Menschen sind viel eifriger, viel freudiger, beinahe möchte ich sagen, sie sind hell, sie bringen Licht und Freude …« sie unterbrach sich. Sie sah und lauschte den Worten »hell« und »Licht« nach, beide wurden eine Idee. Aus der Idee wurde ein Bild. Freiherr von Humboldt sah seiner Frau lächelnd und verwundert nach, als sie ohne jede Erklärung schnell aus dem Zimmer ging. Er hörte sie gleich darauf draußen mit dem Personal laut und froherregt sprechen. Diesen überraschend hohen Stimmklang hatte sie nur, wenn sie in besonders glücklicher Stimmung war. Ja, sie war glücklich über ihren Einfall, und sofort machte sie sich mit Hilfe der Beschließerin, ihrer Zofe und zweier Mädchen ans Werk, diesen schönen Gedanken in die Tat umzusetzen. Alle waren mit großem Eifer und in schönster Begeisterung dabei. Er hatte sich sofort wieder seiner Arbeit zugewandt. Schon im kommenden Jahre sollte doch das Buch vorliegen. Er war so in seine Übersetzung vertieft, daß er die merkwürdige Helligkeit, die sein Manuskript langsam zu überstrahlen begann, wohl bemerkte, sich über ihren Ursprung aber keine weiteren Gedanken machte, viel zu sehr nahm ihn die Suche nach den besten deutschen Worten in Anspruch. Ein wenig zuckte er zusammen, als sich plötzlich eine Hand auf seine Schulter legte. Gleich darauf flüsterte ihm seine Frau ins Ohr: »Bitte, Liebster, wenigstens für eine Minute, komm bitte mit ans Fenster.« Als er sich schweigend erhob, nahm er voll Erstaunen wahr, daß über das Fensterbord von draußen her ein warmes, gelbgetöntes Licht in das Zimmer hereinströmte. Er blickte seine Frau fragend an, und diese führte ihn schweigend bis zum Fenster hin. Andächtig stand sie dann neben ihm, während er sichtlich ergriffen, das wundervolle und bisher noch nie gesehene Bild in sich aufnahm. Die Blautanne zwischen den Birkenbäumen war mit vielen kleinen Wachskerzen besteckt, und jede dieser Kerzen brannte, wobei die zarten Flammen im schwachen Winde leise flackerten. Mehr als zwanzig solcher Kerzen beleuchteten den Rasenstreifen, die benachbarten Birken, und sandten ihren Schein noch weit auf die Straße Unter den Linden hinaus. Sogar die Bäume auf den Mittelstreifen standen noch in diesem warmen, gelben Licht. »Weil mir vorhin alles so froh und so hell vorkam …« sagte sie. Auf der großen Straße aber war vor diesem strahlenden Lichterbaum der heimwärtsdrängende Verkehr jäh ins Stocken geraten. Die Fußgänger blieben stehen, kamen über die Straße herüber und kamen und bestaunten das Wunder des ersten Weihnachtsbaumes. Und die Kutscher hielten die Pferde an. Viele der Wageninsassen stiegen aus und kamen zu dem Zaun, der den Vorgarten von der Straße trennt und konnten sich an diesem lichtergeschmückten Baume nicht genug satt sehen. Diejenigen aber, die sich doch endlich von diesem Bilde trennten, trugen dieses Erlebnis in ihre Häuser, in ihre Wohnungen, zu ihren Familien. Und viele nahmen sich vor, zu nächstem Jahre Weihnachten auch mit einem Lichterbaume zu begehen. Frau Karoline barg ihren Kopf an der Schulter ihres Mannes. »Alles ist doch voller Fröhlichkeit«, sagte sie, »warum muß ich denn auf einmal weinen …« Er zog sie liebevoll an sich und antwortete: »Aus Freude, weil dich der Weihnachtsengel geküßt hat, liebste Frau.« |
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