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Kommen und Gehen Unter den Linden

von Walter Schimmel-Falkenau

ISBN 978-3-929829-34-1
erschienen April 2006

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Mozart gibt ein Gastspiel

19. Mai 1789

Sie drängten sich vor dem Aushang am Eingang zum Opernhause, in den ein junger Mann aus dem Theaterbüro soeben einen neuen Programmzettel hineingehangen hatte. Die ältesten Musikfreunde konnten sich nicht erinnern, daß jemals in der Oper »Unter den Linden« eine Spielplanänderung binnen vierundzwanzig Stunden ohne jede Grundangabe stattgefunden hätte. Hier aber wurde für morgen abend ohne jede ersichtliche Ursache die Oper »Belmonte und Konstanze« angesetzt, wobei hinzugefügt wurde, daß die für morgen bereits gelösten Karten ihre Gültigkeit behielten. Aber auch denen, welche die Oper »Belmonte und Konstanze«, die auch unter dem Namen »Entführung aus dem Serail« bekannt war, schon ein oder mehrere Male gesehen hatten, riet die Intendanz ab, die Karten zurückzugeben.

Und deshalb drängten sie sich vor dem Aushang. Da mußte es doch mit dieser Aufführung eine ganz besondere Bewandtnis haben. Natürlich hatten die meisten schon mindestens eine Aufführung dieser beliebten Oper von dem Wiener Kompositeur Mozart gesehen. Man tauschte hörbar interessiert und aufgeregt allerlei Mutmaßungen aus, bis sich schließlich die vor diesem Aushang versammelte öffentliche Meinung auf die Vermutung einigte:
»Der Kompositeur Mozart muß wohl in Berlin sein, weshalb sollte man sonst so überraschend schnell seine Oper auf das Programm gesetzt haben, da doch nirgendwo ein Hinweis auf eine Erkrankung unter dem Ensemble zu lesen ist.«

Auch Anna Luise Karsch, kurzweg die Karschin geheißen, befand sich unter den Musikfreunden vor dem Aushang. Sie war als die Tochter eines Leibeigenen im östlichen Schlesien zur Welt gekommen und war vermöge ihres Talentes, sich die Reime wie aus der Luft greifen zu können, von ihrem Herrn, einem schlesischen Adligen, nach Berlin verpflanzt worden, wo sie sich mit ihrer Tochter schlecht und recht verseschmiedend durchschlug. Man kannte sie, man spöttelte gern über ihr Gesicht mit der lustigen Knuppernase, sogar der König hatte sie im Garten von Sanssouci empfangen und ihr, als sie ihm gestand, daß sie auf die Almosen ihrer Freunde angewiesen sei, seine Hilfe zugesagt.

Anna Luise Karsch, eine Fünfundsechzigjährige, der Musik und dem Theater aber wie eine Zwanzigjährige zugetan – ihr kleines Haus an der Garnisonkirche wurde gerade innen ausgestattet und nächstes Jahr war es bezugsfertig –, stand in Gesellschaft jenes Herrn von Bredow vor der Oper, den sie seit nun fast einem Jahrzehnt mit dem Namen Milon titulierte und dessen Gesellschaft ihr nächst der des großen Daniel Chodowiecki am liebsten war.

»Da wird man ja morgen niemanden auszuhusten wagen«, sagte sie lächelnd. Neuerdings hatte das Opernensemble mit seinem Publikum und dieses mit seinem Opernensemble allerlei Ärger, und es war in letzter Zeit zu einigen Aushustereien gekommen. Darunter verstand man damals das demonstrative Hustenkonzert, das die Zuschauer im Theater solange zum besten gaben, bis der Darsteller oder die Darstellerin, welchen dieses Hustenkonzert galt, unter Tränen oder unter Flüchen, je nach Temperament, von der Bühne verschwunden waren, um sie in diesem Theater und in dieser Stadt nie wieder zu betreten. Und das Allerschlimmste daran: Es sprach sich mit Windeseile im ganzen Lande herum, wenn ein Künstler mit Erfolg ausgehustet worden war.
In den Theatern, ganz gleich, ob es sich nun um Sprechbühnen oder um Opernhäuser handelte, herrschten im achtzehnten Jahrhundert überhaupt recht eigenartige Zustände, bis zur Jahrhundertmitte waren diese Zustände nicht nur eigenartig, sondern geradezu katastrophal. Aber auch in den siebziger und achtziger Jahren dieses Jahrhunderts fand niemand etwas dabei, daß die Damen ihre Schoßhunde, vor allen Dingen die damals enorm beliebten Möpse, und die Kavaliere ihre Jagdhunde in die Vorstellung mitbrachten. Kinder und Kadetten stellten sich ungeniert während der Darbietung auf die Bänke. Man dachte gar nicht daran, durch das Aufgehen des Vorhangs oder durch den Beginn der Ouvertüre sich in einem interessanten Gespräch stören zu lassen. Auch nahm es niemand niemandem übel, wenn er mitten in der Vorstellung hinausging oder erst ankam.
Das Gerücht, Mozart sei in Berlin und ihm zu Ehren finde diese Programmänderung statt, setzte sich mühelos durch, obwohl nicht der geringste Beweis dafür aufzuspüren war. Nicht eine einzige Karte wurde zurückgegeben, und die noch vorhanden gewesenen waren im Handumdrehen vergriffen. Sogar die Hoflogen waren bereits vor Aufgehen des Vorhanges und sogar noch vor Beginn der Ouvertüre besetzt. Nur die Königsloge war noch frei. Im Zuschauerraum, im Parkett und auf den Rängen war jeder Platz besetzt. Es herrschte ein unübersichtliches Kommen und Gehen.

Mit aller Liebenswürdigkeit dankten die Damen und Herren aus den Hoflogen für den Gruß Daniel Chodowieckis, des zweiundsechzigjährigen Vizedirektors der Akademie der bildenden Künste, der mit seiner geliebten Frau Jeanne und seinen beiden ältesten Töchtern unterhalb der Logen gerade vorüberging. Die Malerin Anna Dorothea Terbusch war bei ihnen, die sich durch das vielbeachtete Bildnis der Lebensfreundin des Königs, der Gräfin Lichtenau, in der Öffentlichkeit wieder in allerbeste Erinnerung gebracht hatte. Seinerzeit war sie durch das Portrait der Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth sehr bekannt geworden, ein Gemälde in Meergrün, dem auch der König seine Hochachtung nicht versagt hatte.
Da setzte die Ouvertüre ein.

Wie immer, so kam auch dieses Mal niemand auf den Gedanken, deswegen ein interessantes Gespräch zu unterbrechen. Man plauderte Wichtiges und Unwichtiges bunt durcheinander, wobei eines der Hauptgesprächsthemen natürlich die Frage behandelte, ob nun Wolfgang Amadeus Mozart, der berühmte Kompositeur aus Wien, wirklich in Berlin zu Besuch weilte und nur seinetwegen diese Oper gespielt wurde, oder ob man einem Gerücht aufgesessen war.

Man war in den damaligen Zuschauerräumen an allerhand gewohnt, aber daß da ein mittelgroßer Mann, der von oben bis unten in einen dunklen Reisemantel mit auffallend weitem Schulterkragen gehüllt war, mit lauten Schritten rücksichtslos auf das Orchester zumarschierte, das war sogar den damaligen Opernbesuchern zuviel. Sie betrachteten diesen Fremden mit allen Anzeichen der zunehmenden Mißbilligung.

Und da beugte sich doch dieser Unverschämte tatsächlich weit über die Brüstung und rief mit lauter, empörter Stimme den zweiten Geigen zu:
»Verflucht! Wollt ihr wohl d greifen!!«
Bis in die Hoflogen, ja, bis in die höchsten Ränge hinauf hörte jedermann diese helle, erregte Stimme. Die Insassen der Hofloge – einige Prinzen und Prinzessinnen – blickten sich verstört und verlegen an. Die Zuschauer aber waren entsetzt und zunächst noch starr vor Entrüstung und Bestürzung.

Jeannette war es, die ihn zuerst erkannte, Jeannette Chodowiecki. Hell und beseligt durchdrang ihre klingende Mädchenstimme den unruhigen Zuschauerraum:
»Aber das ist ja der Mozart, der Mozart selber, der große Wiener Kompositeur!«
Sekundenlang herrschte tiefes Schweigen. Alle Augen suchten und fanden den Fremden im großen Reisemantel. Und dann brach ein Jubelsturm los, wie ihn die Oper »Unter den Linden« nur an ihren allerbesten Tagen erlebt hatte.

Das Orchester erhob sich wie ein Mann.
Tief und ehrerbietig verbeugte sich der Dirigent vor dem Herrn im Reisemantel.
Der Vorhang rauschte auseinander und die Darsteller, alle bereits im Kostüm ihrer Rolle, traten an die Rampe und grüßten händeklatschend und mit lauten Zurufen den großen Wolfgang Amadeus Mozart.

Die Zuschauer tobten vor Begeisterung. Ungeachtet des hier und da laut und prasselnd brechenden Gestänges der Krinolinen drängten sich die Prinzessinnen genauso wie die Demoisellen. Edle Damen standen in unglaublicher Unschicklichkeit mit kniehoch gerafften Kleidern auf den Bänken und riefen seinen Namen: »Mozart! Mozart! Mozart!«
Die vielen Hunde bellten wild durcheinander.

Und mitten hinein in dieses lärmende, tosende Tohuwabohu ereignete sich die Ankunft des Königs. Die Gräfin Lichtenau, die nie ein Hehl daraus machte, daß sie als die Hoboistentochter Wilhelmine Encke zur Welt gekommen war, und der zu danken ist und bleibt, daß sich die Regierung Friedrich Wilhelm II. nicht noch ärger angelassen hat, begleitete den König. Beide blieben angesichts dieser völlig aufgelösten Zuschauermasse betroffen in der Tür stehen. Aber einige aufklärende Worte aus den benachbarten Hoflogen genügten, um diese Betroffenheit in frohe Anteilnahme zu wandeln. Das Gesicht des Königs erhellte sich mehr und mehr, bis es zu strahlen begann. Er ging bis zur Rampe, blickte lächelnd in dieses wie von allen guten Geistern verlassene Opernpublikum hinunter und hob dem Komponisten zum Gruße die Arme entgegen.
Diese Begrüßungsgeste des Königs verwandelte den großen Zuschauerraum in einen Hexenkessel.
Dem guten Mozart war sichtlich alles andere als wohl zumute.

Scheu blickte er sich nach allen Seiten um. Er suchte eine Fluchtgelegenheit. Aber die Ankunft des Königs und nun diese mehr als ehrende Begrüßung durch Friedrich Wilhelm II. hielten ihn fest. Was blieb ihm anderes übrig, als sich fügen. Er blickte hinauf zur Königsloge und verneigte sich dann tief und ehrfurchtsvoll. Und als er sich wieder aufrichtete, hoben sich ihm auch die Hände der Gräfin Lichtenau zum Gruße entgegen. »Mozart! Mozart! Mozart!« so tobte die Menge.

Plötzlich entledigte sich Mozart mit hastigen Bewegungen seines Reisemantels, er legte ihn über die Brüstung, tat den Hut darauf und schwang sich über das Geländer in den Orchesterraum hinein, nahm lächelnd dem Kapellmeister den Taktstock aus der Hand, wandte sich abermals zur Königsloge, hob den Taktstock wie einen Marschallstab zum Gruß und neigte knapp und gemessen den Kopf. Unter der aufjubelnden Begeisterung der außer Rand und Band geratenden Menge wandte er sich den Musikern zu, hob die Arme unter jäh einsetzender Stille, und dann begann eine Aufführung, wie sie das königliche Opernhaus »Unter den Linden« bisher noch nicht erlebt hatte.

Zum ersten Male wurde während der Vorstellung nicht mehr gesprochen. Zum ersten Male stiegen die Kinder und Kadetten nicht mehr auf die Bänke. Zum ersten Male fiel es unangenehm und verletzend auf, wenn plötzlich ein Hund bellte oder – von der Musik gepackt – herrlich losheulte.

Der König empfing Mozart nach der Aufführung in seiner Loge. Die charmante Gräfin Lichtenau küßte ihn auf den Mund, um gleich darauf den erschrockenen Komponisten lächelnd zu beruhigen: »Keine Sorge, Monsieur Mozart, er hat diesen Kuß genehmigt.« Wobei sie strahlend zum König hinüberwies.

Friedrich Wilhelm bot Mozart das Vielfache der Gage an, die er in Wien ausgezahlt bekam. Aber Wolfgang Amadeus Mozart schüttelte den Kopf und antwortete: »Schaun’s, Ihro Majestät, so gern ich’s tät und brauchen tat ich’s auch, aber das kann ich halt meinem kaiserlichen Herrn in Wien doch nicht antun…«

Nach »Deutsche Staatsoper Berlin«, herausgegeben 1955 von der Intendanz, hat Mozart des Königs Angebot, ihn mit jährlich dreitausend Thalern für Berlin zu gewinnen, bereits Anfang Mai 1789 in Potsdam abgelehnt. Und nach eben dieser Quelle hatten der König und Gräfin Lichtenau die (auch in meiner Königinbiographie erwähnte) Aufführung nicht besucht.

Alle Überlieferungen aber stimmen überein: Madame Baranius, das Blondchen, die ihre Rolle unter Mozarts Augen nur dann spielen wollte, wenn der »maestro« ihr hierfür einige persönliche Anweisungen gäbe, war von einer so berückenden Schönheit, daß der Komponist in allergrößte Gefahr geriet, sein Herz in Berlin zu verlieren.
»Er soll dabei der wegen ihrer Schönheit berühmten Sängerin so tief in die Augen geblickt haben, daß es seinen Freunden nur schwer gelang, ihn aus dem Bann dieser gefährlichen Frau wieder zu befreien.«

Monsieur Moser, in dessen Hause am Gendarmenmarkte Wolfgang Amadeus Mozart während seines Berliner Aufenthaltes wohnte und der sich nichts Schöneres wünschte, als seinen berühmten Freund dauernd bei sich zu Gast zu haben, drängte nun mit den übrigen Freunden zusammen höchst energisch auf die baldige Abreise Mozarts aus Berlin.

Der König übersandte dem Komponisten einhundert Friedrichsdor dafür, daß er viel bei Hofe gespielt und als ständiger Gast dem Quartettspiel des Königs beigewohnt hatte.
Am 26. Mai spielte Mozart noch einmal in Potsdam.
Am 29. reiste er ab.

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