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Kommen und Gehen Unter den Linden

von Walter Schimmel-Falkenau

ISBN 978-3-929829-34-1
erschienen April 2006

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Berlin empfängt die Kronprinzessin

27. Juni 1733

An diesem Tage erfolgte der Einzug der jungen preußischen Kronprinzessin Elisabeth Christine in Berlin. Und da dieser Einzug zum ersten Male in der Geschichte der preußischen Hauptstadt seinen Weg über die vollerblühte Lindenallee nahm, deshalb steht er hier auch am Anfang dieses historischen Szenariums und eröffnet die jahrhundertelange Reihe aus Berliner Stern- und Sturmstunden, die sich in ihrer Gesamtheit – wie der Erzähler hofft – wie eine Biographie der Straße Unter den Linden lesen soll.

Glutheiß war dieser 27. Juni 1733. Gnadenlos brannte vom wolkenlosen Himmel die Sonne herunter.
Sie standen, nachdem sie die vierstündige Parade hinter sich gebracht hatten, am Rande der Poststraße. Hier wartete die gerade siebzehnjährige Kronprinzessin Elisabeth Christine neben dem König Friedrich Wilhelm I. und ihrem soeben angetrauten Gatten, dem Kronprinzen Friedrich, wartete mit der von der langen Parade sehr erschöpften Königin Sophie Dorothea, mit Herzögen und Hoheiten und vielen verdienten Generalen. Der König strahlte, das war ein Tag, wie er ihn liebte!

Da endlich näherte sich von Charlottenburg her der festlichste aller Wagenzüge, nämlich eine Folge von sechzig sechsspännig gefahrenen vergoldeten Staatskarossen. Unter der glühenden Sonne kam dieser Wagenzug wie ein die Augen blendender Glanz aus purem Golde auf die Wartenden zu. Der König deutete auf dieses märchenschöne Bild und sprach zu seiner jungen Schwiegertochter:
»Alles deinetwegen, Christinlein.«

Kronprinz Friedrich lächelte dünn zu seiner jungen Frau hinüber. Unterwegs begegneten seine Blicke den fragenden Augen seiner Lieblingsschwester Wilhelmine, der Markgräfin von Bayreuth. Daraufhin vertiefte sich des Kronprinzen Lächeln, und dasjenige der Markgräfin wurde noch um eine Nuance spöttischer. Die Geschwister verstanden sich ausgezeichnet.
Alles Volk, das die Straßen säumte, jubelte laut auf, als die Königin und ihre, von ihr alles andere als geliebte Schwiegertochter den ersten Wagen bestiegen.

»… Nachdem auch die Herzoginnen von Braunschweig und alle Prinzessinnen des königlichen Hauses, ferner die Markgräfinnen und die anderen Hoheiten und Fürstlichkeiten in den übrigen Wagen Platz genommen hatten, setzte sich dieser festliche Zug auf Berlin zu in Bewegung.
Der König, der Kronprinz, seine Brüder, die Prinzen und Fürsten begleiteten die sechzig Staatskarossen zu Pferde.

Die Anfahrt erfolgte durch das Rondell und durch das Leipziger Tor, hierauf die Lange Straße hinauf und dann auf der Lindenallee entlang bis hinan zum Schloß.« *)
*) von Hahnke: Elisabeth Christine. Berlin 1843.
Aus vollem Herzen nahm ganz Berlin Anteil.
Auf der Lindenallee drängten sich die Berliner so dicht an die im Schritt dahinfahrenden Karossen heran, daß die Damen die ihnen zugereichten Blumen mühelos selbst entgegennehmen konnten. In wenigen Minuten hatte sich die erste Staatskarosse, in welcher die Königin mit der Kronprinzessin fuhr, in einen wahren Blumenhain verwandelt.

Elisabeth Christine durchlebte noch einmal, aber um das Hundertfache gesteigert, den Jubel, mit dem sie auf der Fahrt von Wolfenbüttel nach Berlin in Magdeburg empfangen worden war. Hatte der Jubel von Magdeburg ihr Herz laut schlagen lassen, so drohte dieser Jubel hier ihre Fassung zu zerbrechen. Sie fuhr durch ein Märchen. Die Lindenallee von Berlin mit ihren jubelnden Tausenden von Berlinern verwandelte sich für die junge Kronprinzessin in eine Sternstunde ihres Lebens. Sie wußte nicht, ob die Glückstränen schon über die Wangen tropften oder immer noch darauf warteten. Am liebsten hätte sie sich zu jeder und zu jedem weit hinausgebeugt, einzeln gedankt und versprochen, was sie während der langen Herfahrt ihrer Mutter geantwortet hatte: »Ich will Gott Tag und Nacht bitten, daß er mich eine gute Königin werden läßt.«

Ergriffen erkannte sie in vielen Augen und nicht nur in denen der Frauen die Freudentränen. Immer wieder neigte sich ihr vor Erregung blasses, zartes Gesicht dankend und grüßend nach rechts und nach links. Immer wieder nahmen ihre Hände die zugereichten Blumen entgegen.

Langsam fuhren die goldglänzenden Staatskarossen durch die grüne Lindenallee. Mächtig wölbten sich die Wipfel der alten Bäume, sie bildeten ein grünes Laubdach über dem festlichen Zuge. Der König ritt zur Linken, der Kronprinz ritt rechts neben der ersten Karosse, die sich nun langsam der Brücke über den schmalen Spreearm näherte, während die letzte Karosse noch nicht einmal aus der Langen Straße (der späteren Wilhelmstraße) in die Lindenallee eingebogen war.

Elisabeth Christine zuckte erschreckt zusammen, als die Karosse plötzlich anhielt und die Königin sie voll kühler Höflichkeit zum Aussteigen aufforderte. Sie war ja noch immer dabei, mit diesem Jubel innerlich fertig zu werden und diese leuchtenden Freudengesichter eines um das andere in sich aufzunehmen. Das Königtum kam ihr hier so leuchtend und mächtig entgegen, daß sie damit überhaupt nicht fertig werden konnte. Sie war noch so voll unbewältigter Eindrücke, daß sie ein wenig taumelte, als sie ausgestiegen war.

Kronprinz Friedrich trat schnell zu ihr und stützte sie. Er sagte dabei: »Bitte, Madame, nehmen Sie meinen Arm.« Von dieser Stunde an nannte er sie immer Madame. Der König nickte seinem Sohne anerkennend zu.

Die Königin legte ihre Lippen so fest aufeinander, daß ihr Mund wie ein schmaler Strich aussah. Sie wußte, sie würde dieser Schwiegertochter nie verzeihen, daß sie ihre englischen Heiratspläne zunichte gemacht hatte. Sie war die Schwester des Königs von England, und dessen Tochter und ihr Sohn, das war ihr großer Heiratsplan. Und da befiehlt Friedrich Wilhelm I., weil ihn England überfordern wollte, daß der Kronprinz dieses Wolfenbütteler Landmädchen heiratet.

Ohne auf die anderen zu warten, ging die Königin Sophie Dorothea über die Vorfahrt ins Schloß hinein, woraufhin sich der Kronprinz und die Markgräfin wieder kurz anblickten. Er führte indessen seine junge Frau ins Schloß hinüber. Wagen um Wagen fuhr vor. Alle Aussteigenden nahmen sofort die Arme ihrer wartenden Kavaliere und wurden von diesen ins Schloß geführt.
Von der grünen Lindenallee her klang der laute Jubel der Berliner Bevölkerung herüber.
»Die Allee ist dafür hervorragend geeignet«, meinte der nachmals sehr berühmte Arzt Holzendorf, »man sollte sie viel öfter zu solchen Empfängen benutzen.«

»Ihr Wort in Gottes Ohr«, antwortete Bankier Fronmüller, der Inhaber der Wechselstube Fronmüller im Aschebornschen Hause in der Breitestraße. Der Herrgott hatte an diesem Tage gut zugehört.

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