Vorwort zur Neuauflage
Dies ist wirklich das schönste Buch über die Geschichte der Linden, über einen Boulevard, an dem die Geschichte Berlins und die Geschichte Deutschlands wie unter dem Brennglas erscheinen. Das Buch ist so gut, weil Walter Schimmel-Falkenau schier unendliche Erfahrung mitbringt, historische Sachverhalte brillant darzustellen, nämlich historisch genau, gleichzeitig aber lebendig wie ein Bühnenstück. Er schrieb viel fürs Theater, nachdem er zuvor Theaterkritiker war. Das gibt es nicht oft.
In diesem Buch werden alle lebendig, jeder findet seinen Platz auf der Bühne: Baumeister Schlüter und der Kurfürst Friedrich, Friedrich der Große, Mozart, die Prinzessinnen Luise und Friederike, Richard Wagner, Langhans und Knobelsdorff, Fontane, Leopold von Ranke, Ludwig Tieck, Mendelssohn-Bartholdy, Friedrich Wilhelm IV., Bismarck, Mommsen, Moltke, Graf Roon, Clara Schumann, die Maler Menzel und Max Liebermann, Else Lasker-Schüler, Marlene Dietrich und Josef von Sternberg, die Nationalsozialisten, der amerikanische Erzähler Thomas Wolfe. Das hört sich an wie das Aufreihen prominenter Namen in einer Talkshow. Wir wissen, daß es so war. Daß es hier Unter den Linden einfach bis heute so ist. Jeder, der in Deutschland eine wichtige Demonstration machen möchte, kommt Unter die Linden.
Walter Schimmel-Falkenau wurde am 27. Januar 1895 in Grottkau in Oberschlesien geboren. Im »Wer ist wer« von Walter Habel im Berliner Arani-Verlag aus dem Jahr 1962 wird Oberschlesien mit OS abgekürzt. Würde das heute jemand verstehen? Seit 1938 war Schimmel-Falkenau verheiratet mit Marie Therese, geb. Kirchstein, die den Künstlernamen Lessoeurs annahm. Das Buch »Unter den Linden« ist Therese und Margarete Lessoeurs (= die Schwestern) gewidmet. Er ging in Löwenberg mit Blick auf die Schneekoppe zur Schule, an das »Tal der Schlösser und Gärten« (dazu gibt es ein Buch mit über 400 Seiten) angrenzend, dem von Schinkel, Stüler und Lenné geprägten Hirschberger Tal in Schlesien, heute Polen. An den Universitäten Leipzig und Breslau studierte er. Von 1924 bis 1929 arbeitete er als Dramaturg und als Theaterkritiker für Ullstein. Dann als Feuilleton-Redakteur bei Dammerts Pressedienst, schließlich als freier Mitarbeiter bei Scherl. Als Theaterkritiker für die Schlesische Zeitung in Breslau stand er in der Tradition von Heinrich Hart, dessen Beiträge für die Breslauer Zeitung unter dem Titel »Mongolenhorden im Zoologischen Garten, Berliner Briefe von Heinrich Hart« erschienen, herausgegeben von Lars-Broder Keil, 2005. Der heute bekannteste Autor der Breslauer Zeitung ist Alfred Kerr mit seinen »Briefen aus Berlin« der Jahre 1895 bis 1900, ebenfalls im Aufbau-Verlag erschienen. 1945 flüchtete Schimmel-Falkenau. Vorher schon hatte er mehrere Bücher über preußische Persönlichkeiten geschrieben, auf die er im vorliegenden Buch bezug nimmt. »Elisabeth Christine, die Kronprinzessin« 1924; »Elisabeth Christine die Königin«, 1925. Diese beiden Bücher wurden 1935 verboten. Im Jahr 1938 veröffentlichte er einen Roman über die Befreiungskriege gegen Napoleon, »Die Reiter, ein Schill-Roman«. Schill wagte gegen den ausdrücklichen Befehl des Königs Friedrich Wilhelm III. den Aufstand gegen Napoleon. Dieses Buch erscheint demnächst im Berlin Story Verlag. 1940 erschien »Melodie in Moll« über die Liebe zwischen Anna Fröhlich und Franz Schubert. Daneben schrieb Schimmel-Falkenau Stücke fürs Theater, nämlich Lustspiele wie die »Liebesprobe« und »Strich durch die Rechnung« ebenso wie ernstere Themen, »Thomaslegende«, »Der Verlierer« und »Groll«. All dieses historische Wissen, die intensive Beschäftigung mit deutscher Geschichte und Kultur über mehrere Jahrzehnte sowie die Fähigkeit zur anschaulichen Darstellung, bildhaft wie ein Bühnenstück, fließen in diese Biographie einer Straße ein. Walter Schimmel-Falkenau starb am 30. Juli 1971 in Berlin. In seinem Vorwort vom April 1963 schreibt er: »In dichterischer Wahrheit werden die einzelnen Szenen belebt und die beteiligten Personen dadurch menschlich nahegebracht, die andernfalls Gefahr liefen, in der Historie zu erstarren. Unter dichterischer Wahrheit verstehe ich die wahrhafte Darstellung eines historischen Geschehens, wobei sich die agierenden Personen aber nach dem Willen des Erzählers bewegen.« Dieses Buch, zwei Jahre nach dem Bau der Mauer geschrieben, endet mit der Zuversicht, »daß in nicht allzuferner Zeit in einem Berlin ohne Mauer und ohne Bitternis diese Straße ihren Ehrenplatz wieder einnehmen wird.« Wieland Giebel, Mai 2006
Vor dreihundert Jahren Nach dem Dreißigjährigen Kriege sahen die kurfürstlich brandenburgischen Residenzstädte Berlin und Cölln geradezu erbarmungswürdig aus. Die wenigen Häuser vor den Wallmauern waren zerstört, zerschossen und eingeäschert, ihre Bewohner getötet oder vertrieben, soweit sie sich nicht hinter die Mauern retten konnten. Von den Häusern innerhalb der an zahlreichen Stellen zerbrochenen Wallmauer ständen nur noch an achthundert, die Hälfte davon wies auch schwere Brandschäden auf, ein Drittel war dadurch unbewohnbar geworden.
Die Einwohnerzahl beider Städte betrug zusammen noch nicht einmal sechstausend Seelen. Die Häuser, die durchweg bäuerliches Aussehen hatten, waren strohgedeckt, Schweineställe waren angebaut, und unter den Fenstern dampften die Misthaufen. Die Wege – Straßen gab es nicht – wurden während längerer Regenperioden unbegehbar, die Räder sanken bis zu den Naben und die Stiefel bis über die Knöchel im Schlamm ein. Kehricht und Unrat wurden einfach vor die Tore geschüttet. Niemand kümmerte sich um das Abräumen. In weiten Abständen voneinander versorgten Ziehbrunnen die Bevölkerung mit Wasser. Kurfürst Friedrich Wilhelm ging gleich nach Friedensschluß an die Behebung der vielen Kriegsschäden und ließ bei dieser Gelegenheit die Hauptverbindungswege innerhalb seiner Residenzstädte mit grobem Kopfsteinpflaster belegen und somit wetterfest machen. Allen denen, die ihre eingeäscherten Häuser wieder aufbauen wollten, stellte er die staatliche Unterstützung in Aussicht. Diese bestand vornehmlich in unentgeltlichen Holzlieferungen. Das Holz lieferte der an die Wallmauer angrenzende Tiergartenforst oder »Grune Wald«. Durch diesen Holzeinschlag entstand dem Schloß gegenüber ein großer Platz, auf dem die Äste und die Stubben der gefällten Kiefern wild herumlagen.
»... Diesen verwahrlosten Platz ließ der Kurfürst abräumen und im Zuge der Landstraße nach Spandau, eines ehemaligen Heerweges, durch seine Gärtner mit eintausend Linden- und Nußbäumen sechsreihig bepflanzen. ›Diese erste Lindenallee‹, steht auf dem Plan des kurfürstlichen Festungsbaumeisters Memhard zu lesen, ›gehet bis in den Thiergarten und ist 250 rheinländische Rutten lang ...‹ » Da auch nach Friedensschluß immer noch versprengte Haufen verwilderter Landsknechte raubend und plündernd im Vorlande der Doppelstadt Berlin-Cölln auftauchten, ließ der Kurfürst im Jahre 1658 Pläne ausarbeiten, nach denen die Residenzstädte in eine starkgesicherte, befestigte Stadt umgewandelt werden sollten. Diesem Festungsvorhaben fiel die erste Lindenallee zum Opfer. Die jungen Bäume wurden herausgenommen und irgendwo anders wieder eingepflanzt. Niemand kümmerte sich, wie und wo sie weiterwuchsen, niemand legte diesen Bäumchen die geringste Bedeutung bei. Und doch waren sie die ersten Vorboten der nachmals weltbekannten und weltberühmten Fest- und Prachtstraße Unter den Linden, der großen Via Triumphalis, deren Stern- und Sturmstunden nun nacherzählt werden sollen.
Auf die erste Lindenallee folgte eine zweite. Und diese zweite Lindenallee vor den Toren der befestigten Residenzstädte Berlin und Cölln ist die Ahnfrau der »Linden«. Dazu die kleine Vorgeschichte: »... Der Kurfürst hatte seiner Gemahlin Dorothea im Jahre 1670 ein vor dem Spandauer Tore zwischen Spree und Tiergarten gelegenes Vorwerk geschenkt, das völlig versandet war... Die tatkräftige Kurfürstin war sehr froh über dieses anscheinend sehr wenig wertvolle Geschenk. Sie ließ auf dem geräumigen Gelände alsbald eine Vorstadt in Parzellen abstecken, die sie dann zu für beide Teile recht günstigen Bedingungen verkaufte. Diese ›Neue Auslage‹ oder auch ›Dorotheenstadt‹ benannte Siedlung, die sich außerhalb der Stadtmauern erhob, wurde im Jahre 1673 gegen die Spandauer Landstraße und beiderseits 800 Schritt an ihr entlang durch eine sechsreihige Lindenallee abgegrenzt, welche an dem einen Ende von dem schmalen Spreearm und an ihrem anderen Ende durch einen Wall mit Graben und Zugbrücke nach dem Tiergartenforst hin abgeschlossen war...« |