VorwortKleine Kreuzberggeschichte
Berlin-Kreuzberg ist seit 300 Jahren ein Einwanderungsstadtteil. Schon im frühen 18. Jahrhundert siedelten sich französische und böhmische Glaubensflüchtlinge südlich der Berlin/Cöllner Altstadt im heutigen Kreuzberg an. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert suchten deutsche und polnische Einwanderer Arbeit und Auskommen in der Nähe des Görlitzer Bahnhofes. 1945/46 wurden tausende Flüchtlinge und Vertriebene aus dem Osten aufgenommen. Seit 1964 leben aus Süd- und Süd-Osteuropa angeworbene Arbeitnehmer und ihre Nachfahren in Kreuzberg. Von 1973 bis heute war und ist der Berliner Bezirk für viele Flüchtlinge aus den Krisenregionen der Welt rettendes Ufer. Manche von ihnen konnten bleiben, viele mussten nach Ablauf der Aufenthaltserlaubnisse zurückkehren. In den letzten Jahren hat die Attraktivität Kreuzbergs als Wohnort unter kosmopolitisch orientierten, jungen und mobilen Menschen aus ganz Europa und darüber hinaus stark zugenommen. Eine neue »kreative Klasse« entsteht, und das schürt bei den schon länger hier Wohnenden Ängste vor Gentrifizierung, vor allem vor steigenden Mieten. So hoch wie die Zuzugsquote ist aber auch die Abwanderungsquote. Wer einmal in Kreuzberg angekommen war, wollte in der Regel nicht lange bleiben, meist sogar möglichst schnell wieder weg: in die besseren Bezirke Berlins, an den Stadtrand, weiter nach Amerika oder zurück in die alte Heimat. Einmal in jeder Generation tauscht sich statistisch gesehen die Bezirksbevölkerung komplett aus. In der Tendenz ist Kreuzberg also ein Durchgangsbezirk. Die Verweilzeiten sind dabei teils kürzer, teils länger. In Kreuzberg probiert man etwas aus, genießt die Vielfalt der Optionen, die das Leben hier bietet – oder man scheitert daran. Ganz nüchtern betrachtet ist Kreuzberg ein reines Verwaltungskonstrukt, ein Bezirk (heute »Ortsteil«) von Groß-Berlin im Süden der historischen Innenstadt, der 1920 gegründet und 2001 mit Friedrichshain fusioniert wurde. Das Gebiet wird optisch geteilt in einen Nord- und einen Südteil durch die Hochbahn, die U-Bahn-Linie 1, die den Verlauf der alten Stadtmauer Berlins markiert – mit ihren Toren: dem Halleschen Tor, dem Kottbusser Tor und dem Schlesischen Tor, heute allesamt U-Bahn-Stationen. Viel bedeutsamer ist aber die Trennung in Ost und West, in das eher bürgerliche Kreuzberg 61 und das eher proletarische Kreuzberg 36. Der Stadtteil hat bis heute kein erkennbares Zentrum, keinen inneren Zusammenhang und blieb 30 Jahre lang sogar ohne ein richtiges Rathaus. 1920 war der Bezirk ein willkürliches Konvolut aus einigen großen Straßenzügen, vielen alten Kasernen und weiteren Einrichtungen des ehemals kaiserlichen Militärs, zwei großen Kopfbahnhöfen, unendlich vielen kleineren und mittleren Industrie- und Handwerksbetrieben – viele davon aus der Branche der Druck- und Grafikindustrie, die das Berliner Zeitungsviertel bildeten. Er umfasst Teile der alten Berliner Stadtteile Friedrichstadt und Luisenstadt sowie die Tempelhofer Vorstadt: (...) Luisenstadt Per allerhöchster Kabinettordre erlaubte Königin Luise am 4. April 1802 den Bewohnern der Cöllnischen Vorstadt, sich fortan Bürger der »Luisenstadt« zu nennen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die Vorstadt auf dem ehemaligen Köpenicker Feld südlich des Festungsgrabens kaum städtische, eher dörfliche Strukturen. Einige wenige zweigeschossige Bürgerhäuser reihten sich entlang der Alten Jakobstraße, der Dresdener und Köpenicker Straße. Holzplätze, Kattunbleichereien, Wind- und Lohmühlen säumten das Spreeufer. Auffällig waren die üppigen Gärten. An den Planungen für eine systematische Bebauung beteiligten sich im Laufe der folgenden sechs Jahrzehnte zwei preußische Könige und mehrere namhafte Stadt- und Landschaftsgestalter, darunter Karl Friedrich Schinkel, Peter Joseph Lenné und schließlich James Hobrecht. Lenné erstellte in den vierziger Jahren einen Bebauungsplan, der bis heute das Gesicht der Luisenstadt prägt. Heinrich-, Oranien- und Moritzplatz, Lausitzer und Wassertorplatz, und vor allem der Mariannenplatz – der erste planmäßig angelegte Schmuckplatz Berlins – entstanden nach seinen Vorstellungen. Bei der Gemeindereform 1920 wurde die Luisenstadt geteilt. Der nördliche Teil gehörte fortan zu Mitte, der südliche zu Kreuzberg. (...) Martin Düspohl, Februar 2009 |
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