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Kirchen in Berlin
ISBN 978-3-929829-29-7
erschienen September 2005

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Neue Synagoge - Centrum Judaicum

Auch die jüdische Gemeinde war mit dem Bevölkerungsschub in der Spandauer Vorstadt Anfang des 19. Jahrhunderts größer geworden. 1846 zählte sie 7000 Mitglieder. Ihre alte Gemeindesynagoge in der Heidereutergasse aus dem Jahr 1714 war zu klein geworden. Zudem befand sich dieses Haus noch innerhalb der Grenzen der alten Festungsstadt, so daß Gemeindeglieder aus den neuen nördlichen Stadtgebieten weite Wege zurücklegen mußten, wenn sie den Gottesdienst besuchen wollten. Sie wünschten sich eine neue Synagoge.


Die Gemeinde lobte einen Architekten-Wettbewerb aus und machte ihre »Concurrenz-Eröffnung« in der Zeitschrift für Bauwesen 1857 bekannt. Darin hieß es: »Die jüdische Gemeinde in Berlin beabsichtigt, auf dem daselbst in der Oranienburger Straße No. 30 gelegenen Grundstücke eine Synagoge zu erbauen, und hat für die drei besten Pläne Preise von rep. 500, 300 und 200 Thaler Courant ausgesetzt.« Es sollten Vorschläge eingereicht werden, die auch die Einrichtung einer Amtswohnung für Prediger integrierten, zudem Verwaltungsräume sowie Räume für Unterrichtszwecke. Insgesamt durfte das Bauvorhaben die Kosten von 125 000 Talern nicht übersteigen. Den ersten Platz belegte der Berliner Architekt Eduard Knoblauch, nach dessen Entwurf die Synagoge zwischen 1859 und 1866 im maurischen Stil erbaut wurde. Als Vorbild diente
die Alhambra in Granada, die als Festungspalast der maurischen Könige aus dem 13. und 14. Jahrhundert zu den wichtigsten Schöpfungen der islamischen Baukunst zählt. Die Bauausführung
für diese damals größte Synagoge Deutschlands übernahm Friedrich August Stüler, da sich Knoblauch aus gesundheitlichen Gründen zurückziehen mußte. Die Neue Synagoge bot Platz für 3200 Menschen. Ihr weithin in der Stadt sichtbares Zeichen war (und ist es heute wieder) die
über dem Vorderhaus etwa 50 Meter hochragende Kuppel mit den goldenen Ornamentrippen.

 

Die Kuppelkonstruktion wurde damals in modernster Bautechnik von Bauingenieur Johann Wilhelm Schwedler errichtet. Schwedler entwickelte ein leichtes Tragwerk, dessen Eisenrippen gitterartig angeordnet und mit einer Holzschalung und Zinkblech verkleidet waren. Für das Mauerwerk der Synagoge wurden rote, gelbe und weiße Ziegel verwendet, so daß die Fassade zur Straßenseite hin lebendig und abwechslungsreich wirkt. Flankiert wird die große Dachkuppel von zwei Türmen, die in die Hauszeile eingelassen sind. Sie tragen jeweils eine kleinere Kuppel mit goldenen Rippen.

 

Der eigentliche Synagogenhauptraum befand sich hinter der Fassadenfront im Inneren des Gebäudekomplexes: ein nach Norden ausgerichtetes großes Langhaus mit jeweils einer
Empore an den beiden Längsseiten und zwei Emporen an der hinteren südlichen Querseite.
Die Neue Synagoge wurde am 5. September 1866 zum jüdischen Neujahrsfest Rosh Hashanah eingeweiht. Bei der Feier war Preußens Ministerpräsident Otto von Bismarck anwesend,
ein Zeichen für die im 19. Jahrhundert errungene Gleichberechtigung des Berliner Judentums neben den anderen Konfessionen. Diese Gleichstellung der deutschen Juden wurde 1869
zunächst durch den Norddeutschen Bund gesetzlich geregelt und 1871 in die Verfassung des Deutschen Reichs übernommen.

 

Die Synagoge in der Oranienburger Straße war ein Zentrum des liberalen, reformierten Judentums. Hier wurde der Gottesdienst nach dem sogenannten neuen Ritus gefeiert. Das bedeutete zum Beispiel, daß beim Gottesdienst auch Orgel gespielt wurde, was im traditionellen Gottesdienst nach orthodoxem Ritus nicht üblich war und dort bis heute nicht praktiziert wird. Gerade an der Frage des neuen Ritus entzündete sich damals ein erbitterter Streit. Die Liberalen wollten anfangs lediglich den Gottesdienst verständlicher gestalten, weshalb sie ihn – bislang zum bedeutend überwiegenden Teil auf Hebräisch abgehalten – mit einigen deutschsprachigen Passagen ergänzten. Auch wollten sie den Gottesdienst künstlerisch gefälliger arrangieren, weshalb ein vierstimmiger Chor-Gesang in den Ablauf eingeplant wurde. Aus anfangs kleinen Veränderungen wurden bald schon große. Die Neue Synagoge erhielt nicht irgendeine Orgel, sondern die drittgrößte der Stadt. 1910 wurde sie durch eine neue Orgel der Firma E.F.Walcker ersetzt. Es war die größte Orgel aller Synagogen in Deutschland.

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