Handel und Wandel
Schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts fand die aufblühende Eisenindustrie innerhalb der Berliner Stadtmauern keine geeigneten Standorte mehr. Vor dem Oranienburger Tor im Norden entstand das »Feuerland«, ein Industriegebiet mit Betrieben, die sich auf den Maschinenbau spezialisierten. August Borsig gründete hier 1837 die wichtigste preußische Lokomotivenfabrik, die zum Zeitpunkt der Reichsgründung an diesem Standort rund 2000 Arbeiter beschäftigte (Gedenktafel Chausseestraße 1). Weil der Platz nicht ausreichte, lagerte die Firma einen Teil ihrer Produktion schon ab 1849 nach Moabit ans Spreeufer aus und verlegte sie 1898 vollständig an den Tegeler See. Das Areal an der Chausseestraße wurde verkauft, lediglich die Verwaltungszentrale der Borsig-Werke blieb am angestammten Ort. Gegenüber vom Dorotheenstädtischen Friedhof, der Begräbnisstätte des Firmengründers, entstand 1899 das repräsentative Borsighaus, über dessen Eingang die Bronzefigur eines Schmiedes wie ein Heiliger wacht (Reimer und Körte, Chausseestraße 13).
Der Fall Borsig ist typisch für die Randwanderung Berliner Industriebetriebe in der Kaiserzeit. Auch der Apotheker Ernst Schering gründete seine Firma 1851 an der Chausseestraße 21 im »Feuerland«, wo er in einem Schuppen hinter seiner Apotheke ein chemisches Labor einrichtete. Weitsichtig erwarb er Grundstücke an der heutigen Müllerstraße 171 im Wedding, als erste Pläne zum Bau der Ringbahn publik wurden. Dort ist Scherings große Chemiefabrik bis heute ansässig. Um am Gründerzeitboom zu partizipieren, wandelte Schering seine Firma 1871 in eine Aktiengesellschaft um; erst 2006 verlor sie ihre Eigenständigkeit und fusionierte mit dem Bayer-Konzern.
Die chemische Industrie war eine der innovativen Wachstumsbranchen, die in der Kaiserzeit den Aufstieg Berlins zum größten und modernsten Industriestandort Europas ermöglichten. Schering vertrieb seine in Berlin hergestellten Pharmazeutika, Industrie- und Fotochemikalien weltweit, eröffnete Fabriken in Russland und England. Ähnlich erfolgreich und krisenfest war die Berliner Elektroindustrie: Unternehmen wie Siemens und die AEG agierten um 1900 als »Global Players«, verlegten Tiefseekabel für den Telegrafenverkehr zwischen den Kontinenten, lieferten Elektroloks für die Londoner U-Bahn, exportierten Glühlampenfäden in die USA und komplette Kraftwerke in die ganze Welt.
Angekurbelt wurden die internationalen Handelsbeziehungen durch die alle paar Jahre stattfindenden Weltausstellungen. London hatte 1851 den Anfang gemacht und mit der Schau im Kristallpalast größtes Aufsehen erregt. Wie Paris, Wien, Philadelphia, Melbourne oder Barcelona sollte auch Berlin zum 25jährigen Jubiläum der Reichsgründung eine Weltausstellung bekommen. »Berlin hat als Hauptstadt des Deutschen Reiches einen Aufschwung ohne Gleichen genommen, und es mag Berlin wohl anstehen, öffentlich und übersichtlich zu zeigen, was es im Reiche und durch das Reich geworden«, warb der Geheime Kommerzienrat Ludwig Max Goldberger 1892 auf einer Versammlung von Unterstützern des Projekts im Hotel Kaiserhof. Doch Kaiser Wilhelm II. zweifelte am propagandistischen Erfolg einer Weltausstellung in Berlin und blockierte die notwendige finanzielle Unterstützung durch das Reich. Ersatzweise organisierte der Verein der Berliner Kaufleute und Industriellen zusammen mit der Stadtverwaltung die Berliner Gewerbeausstellung von 1896. Solche Leistungsschauen der regionalen Wirtschaft hatte es schon früher gegeben, diese jedoch glich in ihren Dimension einer Weltausstellung.
Statt das zentral gelegene Ausstellungsgebäude am Lehrter Bahnhof zu nutzen, entstand im gerade erst fertiggestellten Treptower Park eine Ausstellungsstadt mit eigenem Bahnhof. Etwa einen Quadratkilometer groß, glich sie mehr einem modernen Erlebnispark als einer Industriemesse. Die große Halle mit den Produkten der Berliner Wirtschaft war nur eine Attraktion unter vielen. Zu bestaunen waren eine Fischereiausstellung, ein Alpenpanorama, ein nachgebautes Alt-Berlin und Kairo samt Pyramiden. Ein 21 Meter langes Riesenfernrohr für Himmelsbeobachtungen wurde als einziges Schauobjekt nach dem Ende der Gewerbeausstellung nicht abgebaut, sondern blieb stehen und erhielt 1908-09 ein neues Gehäuse, die heutige Archenhold-Sternwarte.
Anders als die Weltausstellungen war die Gewerbeausstellung kein Schaufenster der Weltwirtschaft, sondern wurde als Propagandaveranstaltung für die kolonialen Ambitionen Wilhelms II. genutzt. Neben der »Araberstadt« gab es ein ostafrikanisches Dorf mit Bewohnern aus deutschen Kolonien zu sehen, ein Tropenhaus und die Kolonialhalle mit Vorführungen der »in den Schutzgebieten tätigen Gesellschaften, Geschäfte, Dampferlinien und Missionen«. Auf einem Teich wurden Seeschlachten mit Schiffsmodellen geschlagen, um für die zur Absicherung der Kolonien nötige Aufrüstung der Marine zu werben. Zur Eröffnung der Gewerbeausstellung am 1. Mai 1896 reiste der Kaiser demonstrativ mit einem Dampfer auf der Spree an und verbrachte die längste Zeit seines Rundgangs in der Kolonialausstellung.
Für den Soziologen und Philosophen Georg Simmel war die Gewerbeausstellung ein Sinnbild des modernen Berlin. Ihre Vergänglichkeit und »Schaufenster-Qualität«, die Zusammendrängung verschiedenster Attraktionen auf engstem Raum für ein sensationslüsternes Massenpublikum bringe den Charakter der Großstadt rein zum Ausdruck: »An Weltausstellungen ist es ein eigentümlicher Reiz, dass sie ein momentanes Zentrum der Weltkultur bilden, das die Arbeit der ganzen Welt sich, wie in einem Bilde, in diese enge Begrenzung zusammengezogen hat. Hier umgekehrt hat sich eine einzige Stadt in die Gesamtheit der Kulturleistungen verbreitert ... So wird denn hiermit recht klar, was ›Weltstadt‹ bedeutet und dass Berlin, trotz allem, eine ist: eine Stadt, der die ganze Welt die Stoffe ihres Arbeitens liefert und die diese zu allen wesentlichen Formen gestaltet, die irgendwo in der gegenwärtigen Kulturwelt erscheinen«. (...) |