Kaiserzeit und Moderne
Ein Wegweiser durch Berlin
ISBN 978-3-929829-47-1erschienen Juni 2007 Zum Buch...
Wohin mit den Toten?»Es waren 9 Grad Kälte; ein schneidender Ostwind fegte über den offenen Platz; die eingefrorenen Spreekähne trugen an ihren Masten riesengroße schwarze Segel; die Linden entlang waren hohe Opfersäulen von antiker Form errichtet, aus deren Becken ein dunkler Rauch quoll, den der Wind herunterdrückte und wie einen Trauerflor um Menschen und Dinge legte. Das Brandenburger Tor war bis obenhin schwarz ausgeschlagen und trug unterhalb der Quadriga die Inschrift: Vale senex Imperator. Hinter dem Sarge kam zu Fuß (der Enkel an der Spitze allein) alles, was sich an Monarchen und sonstigen Fürstlichkeiten aus Europa zur Totenfeier des Seniors zusammengefunden hatte.«
So berichtet ein Augenzeuge, der Arzt Alfred Hoche, von den Trauerfeierlichkeiten für den verstorbenen Kaiser Wilhelm I. Mehrere Tage hatte man den Leichnam im alten Dom am Lustgarten aufgebahrt, um der Bevölkerung Gelegenheit zum Abschied zu geben. Am 16. März 1888 wurde der Sarg in einem Trauerzug zum Mausoleum im Schlosspark von Charlottenburg überführt. Bereits drei Monate später herrschte in Berlin erneut Staatstrauer: Friedrich III., der Nachfolger auf dem Kaiserthron, starb schon nach 99 Tagen im Amt an Kehlkopfkrebs. Er wurde in der Potsdamer Friedenskirche beigesetzt.
Mit beiden Beerdigungen beauftragte der Hof eine Firma, von der man sich heute noch unter die Erde bringen lassen kann. 1830 vom Sargfabrikanten Julius Grieneisen in Berlin gegründet, beschäftigt die Aktiengesellschaft Ahorn-Grieneisen derzeit mehr als tausend Mitarbeiter und ist Marktführer der deutschen Bestattungsbranche. Zu einer Marke und einem florierenden Großunternehmen wurde Grieneisen in der Kaiserzeit. 1907 unterhielt es in Berlin 12 Filialen. An der Belziger Straße 35 in Schöneberg eröffnete Grieneisen 1911 die modernste Sargfabrik in Europa. 1914 wurden die ersten Automobile für den Sargtransport angeschafft, die alsbald die schwarzen Pferdekutschen aus dem Stadtbild verdrängten. Die Entwicklung Berlins zur Millionenstadt führte zu einer drastischen Platznot auf den vorhandenen Friedhöfen. Im Jahr 1894 gab es auf dem Gebiet des späteren Groß-Berlin 79 Friedhöfe, von denen bereits 13 geschlossen waren. Sie wurden überwiegend von Kirchengemeinden unterhalten. Die Nutzungsgebühren waren so hoch, dass die Stadtverwaltung nach einer preiswerteren Alternative für die Bestattung der Armen und Konfessionslosen Ausschau hielt. D er seit 1828 existierende kommunale Friedhof an der Gerichtstraße im Wedding war hoffnungslos überbelegt. Ausreichend große und preiswerte Grundstücke für neue Begräbnisplätze gab es nur weit außerhalb der Stadt. So entstand – nach dem Vorbild des 1877 im Norden Hamburgs eröffneten Parkfriedhofs Ohlsdorf – ein neuer Friedhofstyp: der Zentralfriedhof. Am 21. Mai 1881 wurde auf dem neuen Bestattungsplatz der Kommune in Friedrichsfelde der erste Tote beigesetzt, ein 40jähriger Zimmermann, der an Schwindsucht verstorben war. Noch im ersten Jahr fanden dort 879 Erwachsene und 759 Kinder ihre letzte Ruhe. Ähnlich weitläufig war der bereits im Vorjahr eröffnete Friedhof der Jüdischen Gemeinde in Weissensee. Und auch der Berliner Stadtsynodalverband, der Zusammenschluss der protestantischen Gemeinden, sah keine andere Lösung des Bestattungsproblems als die Einrichtung eines Zentralfriedhofs. Er schrieb 1907 einen Wettbewerb für einen Friedhof im Südwesten Berlins aus, der für 600.000 Mitglieder von 21 Gemeinden ausreichend sein sollte. An Baulichkeiten waren zu entwerfen: ein Bewässerungssystem mit Wasserturm, drei Eingänge mit Pförtnerhäusern, Kirche, Leichenhalle, sieben Kapellen, Bahnhof, Verwaltungsgebäude, Wohnungen für etwa sechzig Beschäftigte, Gärtnerei und Steinmetzwerkstätten. Außerhalb der Millionenstadt plante man Satellitenstädte für die Toten.
Als hygienische und platzsparende Alternative zur Erdbestattung fand die Feuerbestattung im Kaiserreich immer mehr Anhänger. 1874 gründete sich in Berlin der erste Verein für Feuerbestattung, vier Jahre später ging in Gotha das erste deutsche Krematorium in Betrieb. Doch die Widerstände der Kirchen in Preußen gegen die Leichenverbrennung waren so groß, dass erst 1912 ein Berliner Krematorium auf dem Gelände des mittlerweile eingeebneten Armenfriedhofs im Wedding eingeweiht werden konnte. (...) |
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