Auf die Plätze fertig los - Bernd von Kostka
Die Informationsbeschaffung oblag vor dem Zweiten Weltkrieg der französischen Armee, die ihren Nachrichtendienst Service de Renseignement (SR) nannte. Mit dem Zweiten Weltkrieg änderte sich diese Situation, denn wegen der Besetzung Frankreichs durch deutsche Truppen sahen sich die Mitarbeiter des SR gezwungen, in den Untergrund zu gehen.18 Als im Januar 1946 der »Service de Documentation Extérieur et de Contre-Espionage« (SDECE) gegründet wurde, war dieser Nachrichtendienst allein dem Ministerpräsidenten Frankreichs unterstellt, der dementsprechend auf die Ziele und Tätigkeiten des Nachrichtendienstes Einfluss nahm. Dem Generaldirektor des SDECE standen in den ersten Nachkriegsjahren zwei Stellvertreter zur Seite. Einer war im vietnamesischen Saigon untergebracht und musste sich um militärische Probleme mit den ehemaligen Kolonien kümmern, der zweite im deutschen Baden-Oos war damit beschäftigt, Frankreichs Rolle im beginnenden Kalten Krieg in Europa zu definieren.
Ein wichtiges Ziel des französischen Nachrichtendienstes in den ersten Besatzungsjahren in Deutschland war die Beschaffung von Informationen, die halfen, die militärische Stärke des französischen Heeres schnellstmöglich wiederherzustellen. Das Wissen von deutschen Offizieren und Wissenschaftlern sollte für diese Zwecke abgeschöpft werden. Nach der Gründung der Bundesrepublik traten politische Fragestellungen in den Vordergrund, und auch die Wiederbewaffnung Deutschlands wurde durch den Nachrichtendienst überwacht. Eine mögliche Bedrohung durch die Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland wurde vom französischen Geheimdienst aber durchaus auch wahrgenommen. So standen auch Informationen über die Rote Armee ganz oben auf der Liste des Nachrichtendienstes. Um diese zu erlangen, boten Deutschland und Österreich, in denen Frankreich als Besatzungsmacht fungierte, die idealen Bedingungen. Von hier aus konnte man Operationen durchführen und Agenten anwerben.
In Berlin standen die Franzosen jedoch etwas abseits der Geheimdienstaktivitäten der Vereinigten Staaten und Großbritanniens, die bei manchen Projekten eine nachrichtendienstliche Zweckgemeinschaft bildeten. Die besten Belege hierfür sind der Berliner Spionagetunnel und die Abhörstation auf dem Teufelsberg. Hier arbeiteten Amerikaner und Briten eng zusammen, die Franzosen wurden aber nicht mit einbezogen. Frankreich knüpfte später allerdings gute Kontakte zum deutschen Bundesnachrichtendienst (BND), mit dem es dann auch zur ?Zusammenarbeit kam. Der britische Geheimdienst ist derjenige mit der längsten Tradition. Er wurde vor mehr als 400 Jahren als politische Spionageorganisation gegründet. Der britische Auslandsnachrichtendienst in seiner heutigen Form wurde 1909 als Foreign Section of the Secret Service Bureau gegründet. 1922 wurde daraus ein eigener Nachrichtendienst mit dem Namen Secret Intelligence Service (SIS). Der SIS ist spätestens durch die James-Bond-Filme besser bekannt geworden als Secret Service und wird auch MI6 (Military Intelligence, Abteilung 6) genannt. Nach dem Zweiten Weltkrieg agierte natürlich auch der SIS von West-Berlin aus. Ziel war es einerseits, die Kenntnisse deutscher Wissenschaftler abzuschöpfen, und andererseits, möglichst viel über politische und wirtschaftliche Vorgänge in der Sowjetunion zu erfahren. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es ein durchaus legitimes Ziel der Siegermächte, detaillierte Kenntnisse über das wissenschaftliche Potenzial im Bereich der Wehrtechnik in Deutschland zu erlangen. Doch den vier Siegermächten ging es nicht ausschließlich um eine Kontrolle der deutschen Kapazitäten, sondern auch um die Abschöpfung von militärischem Wissen für eigene Zwecke.20 Dazu mussten die führenden deutschen Wissenschaftler identifiziert und für eine Zusammenarbeit gewonnen werden. Das bekannteste Beispiel ist sicherlich Wernher von Braun.
Er war von 1937 bis 1945 technischer Direktor der Heeresversuchsanstalt in Peenemünde gewesen. Von Braun flüchtete kurz vor Kriegsende nach Bayern, wo er sich den Amerikanern stellte. Zusammen mit einigen Kollegen aus Peenemünde wurde von Braun 1946 in die USA gebracht, wo er kurz darauf als Berater für ein amerikanisches Raketenprogramm arbeitete. Von Braun wurde 1955 amerikanischer Staatsbürger und erreichte beruflich Anfang der siebziger Jahre die Position des stellvertretenden Leiters der amerikanischen Luft- und Raumfahrtbehörde NASA.
Zögerten die Westmächte 1945 noch, qualifizierten deutschen Mitarbeitern aus den ehemaligen Waffenschmieden des nationalsozialistischen Regimes Arbeit in der Rüstungsindustrie anzubieten, so stellte sich dies bereits ein Jahr später ganz anders dar. Die Briten legten ein eigenes Programm auf, um deutsche Fachkräfte der militärischen Schlüsselindustrien aus dem sowjetischen Besatzungsgebiet und der späteren DDR abzuwerben. Das Programm nannte sich »Matchbox«. Der Codename für eine vergleichbare amerikanische Operation lautete »Paperclip«. Die Sowjetunion ihrerseits setzte nicht nur auf die freiwillige Kooperation der Betroffenen. Erste Deportationen von deutschen Wissenschaftlern in die UdSSR fanden bereits 1945 statt. Am 21./22. Oktober 1946 gab es eine große Deportationswelle von Wissenschaftlern und ihren Familien. Etwa 2600 Personen wurden mit Zügen Richtung Osten transportiert, um ihre Kenntnisse und ihre Arbeitskraft in der Sowjetunion einzusetzen. Die westlichen Nachrichtendienste wurden tätig, als die deportierten Wissenschaftler zwischen 1949 und 1958 wieder nach Ost-Deutschland zurückgebracht wurden. Die Nachrichtendienste machten sie ausfindig und stellten den Kontakt her. Viele der Heimkehrer waren bereit, Fragen über ihre Tätigkeit in der Sowjetunion zu beantworten. Bei dieser Gelegenheit sollten sie natürlich auch zum Übersiedeln in den Westen bewegt werden.
Der Erfolg der anglo-amerikanischen Abwerbung – die im Gegensatz zur sowjetischen Deportation auf Freiwilligkeit basierte – konnte sich sehen lasen. Die Briten überzeugten bis November 1949 immerhin 332 Wissenschaftler davon, die sowjetische Zone zu verlassen. Viele von ihnen wollten Ihren Beruf aber nicht in Großbritannien ausüben und fanden Arbeit in der Industrie der westlichen Besatzungszonen. Die Amerikaner konnten im vergleichbaren Zeitraum circa 1000 Personen davon überzeugen, in den Vereinigten Staaten zu arbeiten.21 Alle vier Besatzungsmächte versuchten, sich deutsches Know-how im Bereich der Militärtechnik durch das Abwerben von deutschen Wissenschaftlern und Ingenieuren anzueignen. Am besten gelang dies den Amerikanern und den Russen, insbesondere im Bereich der Raketentechnik profitierten beide Länder von diesem Wissenstransfer. |