Geheimdienste in Berlin im Kalten Krieg
ISBN 978-3-929829-74-7erschienen September 2009 Zum Buch...
VorwortDie heißeste Front im kalten Krieg
Doch ein Blick auf die Verhältnisse jenseits der Mauer genügte ihm, um festzustellen, dass er sich jede Anfrage nach einer Dreherlaubnis sparen konnte: »Solch einen Film muss ich in völliger Freiheit drehen. Man würde mich drüben nicht filmen lassen, weil man natürlich mit dem Inhalt nicht einverstanden sein kann.« Also nahm er von seinem ursprünglichen Plan Abstand, am Originalschauplatz zu drehen, und ließ die Berliner Mauer stattdessen im Januar 1965 noch einmal errichten, am Smithfield Market mitten in der Altstadt von Dublin. 42 Tag- und Nachtschichten brauchten rund fünfzig irische Arbeiter, um eine detaillierte Rekonstruktion des Grenzübergangs zu errichten. Gespenstisch genau glich die nachgebaute Szenerie der Realität. Zwar lag um die Ecke auf »Ost-Berliner« Seite der Kulisse eine Whiskey-Brennerei namens Jameson Distillery. An ihr mussten die »sowjetischen Soldaten« immer wieder vorbeirauschen, wenn sie im Eiltempo zum »Grenzübergang« fuhren, um die Flucht des britischen Doppel- oder auch Dreifachagenten »Alec Leamas« und seiner Freundin gewaltsam zu verhindern. Doch selbst wenn sich die Komparsen in ihren Rotarmisten-Uniformen seltsam vorkamen, wie sie westdeutschen Reportern beim Pressetermin auf dem Set zu Protokoll gaben: Gebannt auf Zelluloid war der Unterschied zwischen der echten Grenze in Berlin und der Kulisse in Dublin außer für Einheimische nicht mehr zu erkennen. Martin Ritt jedenfalls war zufrieden: »Mir ist wichtig, was die Mauer bedeutet. Sie ist der Angelpunkt des schmutzigen Geschäftes, das man Spionage, Abwehr, Aufklärung oder wie immer nennt.« »Der Spion, der aus der Kälte kam« ist nur einer von vielen Agentenfilmen, die während des Kalten Krieges spielen und deren zentrale Szenen wie selbstverständlich in Berlin angesiedelt sind. »Torn Curtain« von Alfred Hitchcock, »Funeral in Berlin« von Guy Hamilton, »The Innocent« von John Schlesinger oder der James-Bond-Thriller »Octopussy« von John Glen sind nur einige Beispiele dafür. Spionage und Berlin – das sind für die Jahrzehnte zwischen dem Ende des zweiten Weltkriegs und dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums Synonyme. Nirgends trafen die beiden Blöcke direkter aufeinander als an der innerstädtischen Grenze. Bis die Mauer quer durch die Millionenstadt errichtet wurde, lag hier die »unsichtbare Front« in einer sehr schmutzigen geheimen Auseinandersetzung, der Brennpunkt einer höchst gefährlichen, oft mörderischen Konfrontation, die zudem ungeheuer viel Geld verschlang.
In den fünfziger Jahren gehörten Kalter Krieg und Spionage zum Alltag Berlins in Ost und West. Ein gutes Bild der nachrichtendienstlichen Situation in dieser Zeit liefert die Autobiografie des britischen Doppelagenten George Blake. Er beschreibt die vielfältigen Aktivitäten der verschiedenen Nachrichtendienste als ein großes Spinnennetz, das über ganz Berlin gespannt ist. »Man gewann den Eindruck, dass wenigstens jeder zweite erwachsene Berliner für irgendeine Spionageorganisation arbeitete, viele davon für mehrere gleichzeitig.«2 Das blieb auch nach der Abriegelung West-Berlins am 13. August 1961 so. Gewiss, die Lebensumstände in der ehemaligen deutschen Hauptstadt hatten sich geändert und damit auch die Rahmenbedingungen, unter denen Agenten die Gegenseite zu überwachen, zu infiltrieren oder auf andere Weise zu schädigen versuchten. Die unsichtbare Front war jetzt betoniert und unübersehbar. Das Grundsätzliche aber hatte sich nicht geändert: Berlin war und blieb die Hauptstadt der Spione. Es war ein jahrzehntelanges Kräftemessen, das erst mit der Wiedervereinigung 1990 endete.
Noch schwieriger gestaltet sich die Lage zur Arbeit der Abhörstation auf dem Teufelsberg, da bis heute dazu keine wissenschaftlichen Untersuchungen vorliegen – weil die amerikanischen Quellen zur inhaltlichen Arbeit nicht einsehbar sind. Die Operation ist immer noch als »Top Secret« eingestuft.
Ausgehend von der Entstehung des Spionagedrehkreuzes Berlin nach 1945, klärt dieser Teil auf über die weithin sichtbare Abhörstation der Alliierten auf dem Teufelsberg sowie über die Gegenmaßnahmen des KGB und der Stasi. Er befreit die vielleicht spektakulärste Einzeloperation des geheimen Krieges, den britisch-amerikanischen Abhörtunnel von Rudow, von vielen Legenden, und geht der riskanten Tätigkeit der »legalen Spione« der alliierten Militärverbindungsmissionen in der DDR nach. Im zweiten Teil von Sven Felix Kellerhoff geht es um die deutschen Geheimdienste und ihre Rolle in der »Hauptstadt der Spione«. Auch hier erzwang die Quellenlage Beschränkungen. Nach der Schilderung der Frühzeit des geheimen Krieges aus deutscher Sicht geht es um die ostdeutsche Staatssicherheit und die Institutionen im vermeintlichen »Spionage-Dschungel« West-Berlin, bevor ein halbes Dutzend konkreter Fälle die Praxis des Kalten Krieges illustrieren wird. Gerade im Geheimdienstmilieu ist man vor Sensationen nicht gefeit. Unmittelbar vor Fertigstellung dieses Buches sorgte die Entlarvung des West-Berliner Kriminalbeamten Karl-Heinz Kurras als eifriger Stasi-Spitzel und überzeugter Kommunist für großes Aufsehen. Dieser überraschende Fall konnte noch als ein weiteres Beispiel für die Praxis des Kalten Krieges in dieses Buch aufgenommen werden. |
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