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Hauptstadt der Spione

Geheimdienste in Berlin im Kalten Krieg

ISBN 978-3-929829-74-7
erschienen September 2009

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Vorwort

Die heißeste Front im kalten Krieg
Besonders beeindruckend fand Martin Ritt die Berliner Mauer nicht: nur grob aufgeschichtete Steine, aus Beton oder Ziegel, behelfsmäßig mit Zement zusammengefügt und mit mal mehr, mal weniger Stacheldraht bewehrt. Kein Problem für einen Filmarchitekten, das nachzubauen. Der erfolgreiche Hollywood-Regisseur hatte sich im Sommer 1964 auf den Weg nach West-Berlin gemacht, um nach möglichen Drehorten für sein nächstes Projekt zu suchen – und um die Atmosphäre zu schnuppern, die seinem Spielfilm »Der Spion, der aus der Kälte kam« nach dem gleichnamigen Buch von John Le Carré das entscheidende Quentchen Authentizität geben sollte. Ritt war sogar, sein US-Pass ermöglichte es ihm, über den als Checkpoint Charlie bekannten Grenzübergang vom amerikanischen in den sowjetischen Sektor der geteilten Stadt gegangen.

 

Doch ein Blick auf die Verhältnisse jenseits der Mauer genügte ihm, um festzustellen, dass er sich jede Anfrage nach einer Dreherlaubnis sparen konnte: »Solch einen Film muss ich in völliger Freiheit drehen. Man würde mich drüben nicht filmen lassen, weil man natürlich mit dem Inhalt nicht einverstanden sein kann.« Also nahm er von seinem ursprünglichen Plan Abstand, am Originalschauplatz zu drehen, und ließ die Berliner Mauer stattdessen im Januar 1965 noch einmal errichten, am Smithfield Market mitten in der Altstadt von Dublin. 42 Tag- und Nachtschichten brauchten rund fünfzig irische Arbeiter, um eine detaillierte Rekonstruktion des Grenzübergangs zu errichten. Gespenstisch genau glich die nachgebaute Szenerie der Realität. Zwar lag um die Ecke auf »Ost-Berliner« Seite der Kulisse eine Whiskey-Brennerei namens Jameson Distillery. An ihr mussten die »sowjetischen Soldaten« immer wieder vorbeirauschen, wenn sie im Eiltempo zum »Grenzübergang« fuhren, um die Flucht des britischen Doppel- oder auch Dreifachagenten »Alec Leamas« und seiner Freundin gewaltsam zu verhindern. Doch selbst wenn sich die Komparsen in ihren Rotarmisten-Uniformen seltsam vorkamen, wie sie westdeutschen Reportern beim Pressetermin auf dem Set zu Protokoll gaben: Gebannt auf Zelluloid war der Unterschied zwischen der echten Grenze in Berlin und der Kulisse in Dublin außer für Einheimische nicht mehr zu erkennen. Martin Ritt jedenfalls war zufrieden: »Mir ist wichtig, was die Mauer bedeutet. Sie ist der Angelpunkt des schmutzigen Geschäftes, das man Spionage, Abwehr, Aufklärung oder wie immer nennt.«

»Der Spion, der aus der Kälte kam« ist nur einer von vielen Agentenfilmen, die während des Kalten Krieges spielen und deren zentrale Szenen wie selbstverständlich in Berlin angesiedelt sind. »Torn Curtain« von Alfred Hitchcock, »Funeral in Berlin« von Guy Hamilton, »The Innocent« von John Schlesinger oder der James-Bond-Thriller »Octopussy« von John Glen sind nur einige Beispiele dafür. Spionage und Berlin – das sind für die Jahrzehnte zwischen dem Ende des zweiten Weltkriegs und dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums Synonyme. Nirgends trafen die beiden Blöcke direkter aufeinander als an der innerstädtischen Grenze. Bis die Mauer quer durch die Millionenstadt errichtet wurde, lag hier die »unsichtbare Front« in einer sehr schmutzigen geheimen Ausein­andersetzung, der Brennpunkt einer höchst gefährlichen, oft mörderischen Konfrontation, die zudem ungeheuer viel Geld verschlang.

 

In den fünfziger Jahren gehörten Kalter Krieg und Spionage zum Alltag Berlins in Ost und West. Ein gutes Bild der nachrichtendienstlichen Situation in dieser Zeit liefert die Autobiografie des britischen Doppelagenten George Blake. Er beschreibt die vielfältigen Aktivitäten der verschiedenen Nachrichtendienste als ein großes Spinnennetz, das über ganz Berlin gespannt ist. »Man gewann den Eindruck, dass wenigstens jeder zweite erwachsene Berliner für irgendeine Spionageorganisation arbeitete, viele davon für mehrere gleichzeitig.«2 Das blieb auch nach der Abriegelung West-Berlins am 13. August 1961 so. Gewiss, die Lebensumstände in der ehemaligen deutschen Hauptstadt hatten sich geändert und damit auch die Rahmenbedingungen, unter denen Agenten die Gegenseite zu überwachen, zu infiltrieren oder auf andere Weise zu schädigen versuchten. Die unsichtbare Front war jetzt betoniert und unübersehbar. Das Grundsätzliche aber hatte sich nicht geändert: Berlin war und blieb die Hauptstadt der Spione. Es war ein jahrzehntelanges Kräftemessen, das erst mit der Wiedervereinigung 1990 endete.


Umso überraschender ist es, dass es bisher kaum Bücher über das Wirken der Geheimdienste während des Kalten Krieges in Berlin gibt. Über den Mauerbau und den Volksaufstand vom 17. Juni sind unzählige Bücher erschienen, ebenso über die Stasi und ihre krakenartige Struktur, die im Auftrag der SED die ganze DDR, aber in erschreckend großem Maße auch West-Berlin und die Bundesrepublik durchwucherte. Zwei Veteranen des geheimen Krieges haben gemeinsam zwar ein bemerkenswertes Buch mit dem Titel »Die unsichtbare Front« vorgelegt. Doch David E. Murphy und Sergej A. Kondraschow sowie der Armee-Offizier George Bailey beschränken sich weitgehend auf die Auseinandersetzungen zwischen den Geheimdiensten der ehemaligen Verbündeten der Anti-Hitler-Koalition; die deutschen Mitspieler kommen kaum vor. Doch im Berlin des Kalten Krieges waren sie auf ihre Weise genauso wichtig wie die natürlich viel mächtigeren alliierten Dienste. Außerdem reicht das Buch der Ex-Agenten nur bis zum Mauerbau – doch der geheime Krieg in und um Berlin dauerte mindestens an bis zur Friedlichen Revolution, deren 20. Jahrestag Deutschland dieses Jahr feiert. Auch von deutschen Autoren gibt es bisher keine Darstellung des Schlachtfeldes der Agenten. Die Publizisten Klaus Behling und Thomas Flemming haben Bücher mit dem identischen Titel »Berlin im Kalten Krieg« herausgebracht, die beide nützlich sind, aber ihrem Anspruch kaum gerecht werden. Behling beschränkt sich auf die Aufzählung von Schauplätzen der Auseinandersetzung, Flemming kann auf seinen knapp 80 Seiten das Ringen der Geheimdienste nur anreißen.


Die unbefriedigende Situation liegt auch an mangelnden Informationen. Noch immer sind zahlreiche Geheimdienst­akten gesperrt. Als der renommierte englische Historiker David Stafford vor wenigen Jahren sein Buch »Berlin underground« schrieb, erhielt er überhaupt keine offiziellen Informationen des britischen Geheimdienstes: Der Spionagetunnel von Rudow zum Beispiel ist auch heute noch ein Tabu-Thema in Großbritannien. Nicht viel besser ist die Lage in den USA. Der historische Stab der CIA hat zwar schon vor zehn Jahren mehrere hundert Dokumente des geheimen Krieges in der Zeit von 1946 bis 1961 vorgelegt, doch bereits freigegebene Dokumente zum Berliner Spionagetunnel, die 2007 auf der Internetseite der CIA eingesehen werden konnten, wurden nachträglich teilweise wieder aus dem Netz genommen oder unleserlich gemacht.

 

Noch schwieriger gestaltet sich die Lage zur Arbeit der Abhörstation auf dem Teufelsberg, da bis heute dazu keine wissenschaftlichen Untersuchungen vorliegen – weil die amerikanischen Quellen zur inhaltlichen Arbeit nicht einsehbar sind. Die Operation ist immer noch als »Top Secret« eingestuft.


Auf deutscher Seite ist die Lage nur zum Teil besser. Die Stasiunterlagen-Behörde hat zahlreiche Quellen aus den Archiven der ostdeutschen Staatssicherheit zugänglich gemacht. Aber zu den Aktivitäten des westdeutschen Bundesnachrichtendienstes in dieser Zeit liegt zur Militärspionage lediglich eine, wenn auch sehr gute und mit ehemaligen Verschluss­sachen gesättigte, Untersuchung vor; die bei weitem meisten Unterlagen bundesdeutscher Dienste sind entweder noch gesperrt oder beseitigt worden. Jedoch auch außerhalb der Archive sind zahlreiche Details über den Krieg der Nachrichtendienste in Berlin verfügbar. Denn auch wenn Geheimdienste diesen Kampf führten: Er zielte mindestens auch auf die Öffentlichkeit und spielte sich daher teilweise öffentlich ab.


Die Propagandaschlachten zwischen Ost und West haben eine ungeheure Menge an Material hervorgebracht, das größtenteils noch auf eine sachgerechte Auswertung wartet.
Umso schwerer war es, eine sowohl logische als auch für den Leser spannende Form für dieses Buch zu finden. Die beiden Autoren haben sich dafür entschieden, den Kampf der Geheimdienste entsprechend der tatsächlichen Strukturen zu beschreiben: Den Alliierten, die sich formal die Zuständigkeit für Berlin noch bis 1990 teilten, ist der erste Teil des Bandes gewidmet, den deutschen Diensten der zweite. Wann immer alliierte Interessen in dieser Auseinandersetzung berührt waren, hatten die deutschen Teilnehmer an dem riskanten Spiel nichts mehr zu melden – und zwar sowohl im diktatorisch regierten Osten als auch im demokratischen Westen. Um diesen Vorrang deutlich zu machen, war klar, dass der Teil über die Aktivitäten vor allem der drei westlichen Mächte, verfasst von Bernd von Kostka, am Anfang des Buches stehen muss. Aufgrund der sehr lückenhaften Quellenlage war aber eine Gesamtdarstellung der nachrichtendienstlichen Arbeit der drei Westmächte zwischen 1945 und 1990 nicht möglich. Daher hat sich Bernd von Kostka entschlossen, einige bislang zu wenig beachtete Episoden sowie wichtige Einrichtungen zu beleuchten und näher unter die Lupe zu nehmen.

 

Ausgehend von der Entstehung des Spio­nagedrehkreuzes Berlin nach 1945, klärt dieser Teil auf über die weithin sichtbare Abhörstation der Alliierten auf dem Teufelsberg sowie über die Gegenmaßnahmen des KGB und der Stasi. Er befreit die vielleicht spektakulärste Einzeloperation des geheimen Krieges, den britisch-amerikanischen Abhörtunnel von Rudow, von vielen Legenden, und geht der riskanten Tätigkeit der »legalen Spione« der alliierten Militärverbindungsmissionen in der DDR nach. Im zweiten Teil von Sven Felix Kellerhoff geht es um die deutschen Geheimdienste und ihre Rolle in der »Hauptstadt der Spione«. Auch hier erzwang die Quellenlage Beschränkungen. Nach der Schilderung der Frühzeit des geheimen Krieges aus deutscher Sicht geht es um die ostdeutsche Staatssicherheit und die Institutionen im vermeintlichen »Spionage-Dschungel« West-Berlin, bevor ein halbes Dutzend konkreter Fälle die Praxis des Kalten Krieges illustrieren wird. Gerade im Geheimdienstmilieu ist man vor Sensationen nicht gefeit. Unmittelbar vor Fertigstellung dieses Buches sorgte die Entlarvung des West-Berliner Kriminalbeamten Karl-Heinz Kurras als eifriger Stasi-Spitzel und überzeugter Kommunist für großes Aufsehen. Dieser überraschende Fall konnte noch als ein weiteres Beispiel für die Praxis des Kalten Krieges in dieses Buch aufgenommen werden.

Berlin, 17. Juni 2009

Bernd von Kostka
Sven Felix Kellerhoff

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