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Die Zwanziger Jahre in Berlin

Ein Wegweiser durch die Stadt

ISBN 978-3-929829-28-0
erschienen September 2005

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Die Einbrecherkönige von Moabit

»Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank«, fragt der Verbrecher Mackie Messer in der 1929 im Theater am Schiffbauerdamm uraufgeführten »Dreigroschenoper«. So dachten viele der Stadt, die von harten Gegensätzen zwischen Arm und Reich gezeichnet war. Die Sympathien für Kommunisten und Tresorknacker reichten bis weit ins Milieu der Bürger und Besitzenden hinein. Daher konnten zwei echte Bankräuber im Jahr der »Dreigroschenoper« zu wahren Volkshelden werden, von den Medien umworben und auf eleganten Gesellschaften umschwärmt.

Den Brüdern Franz und Erich Saß glückte im Januar 1929 ein sensationeller Coup: Unbemerkt gruben sie in wochenlanger Arbeit von einem Nachbarhaus einen Tunnel bis zum Keller der Disconto-Bank am Wittenbergplatz, Kleiststraße 23, Ecke Bayreuther Straße. Durch einen Luftschacht gelangten sie bis zum Tresorraum, der ihrer modernen Ausrüstung nicht standhielt: Die gelernten Schlosser waren die ersten Panzerknacker, die mit Schneidbrennern zu Werke gingen. Von innen blockierten sie die Tresortür und brachen in aller Ruhe 179 Schließfächer auf. Der Schätzwert der Wertgegenstände, die sie mitnahmen, belief sich auf zweieinhalb Millionen Reichsmark.

Die Professionalität und Intelligenz, mit der die Brüder Sass ihre Raubzüge planten, nötigt Kriminalisten bis heute Respekt ab. Daher haben die Brüder einen Ehrenplatz im Polizeipräsidium am Platz der Luftbrücke 6, wo die Polizeihistorische Sammlung täglich besichtigt werden kann. Wie in einem Panoptikum machen sich zwei lebensgroße Stoffpuppen mit Arbeitshandschuhen, Schutzbrille und Schneidbrenner an einem Tresor zu schaffen. Daneben sieht man in einer Vitrine einen Grundriß und Fotos der geknackten Schließfächer in der Disconto-Filiale.

Der Einbruch dort gelang, obwohl die Polizei den Brüdern schon seit längerem dicht auf den Fersen war. In der Dresdner-Bank-Filiale am Savignyplatz hatte sie im Dezember 1927 stellte den ertappten Einbrechern eine Falle gestellt, doch umsonst. Drei Monate später kam es unweit der Gedächtniskirche zu einer filmreifen Verfolgungsjagd über die Häuserdächer, nachdem die Meisterdiebe bei einem Einbruch überrascht worden waren. Im Mai 1928 vertrieb ein Wachmann die Brüder aus dem Landesfinanzamt in Moabit, in dessen Tresor Millionen Devisen für Reparationszahlungen lagerten. Die Brüder wurden von der Polizei verhört, ihre Wohnung durchsucht - aber nie reichten die Beweismittel für eine Anklage aus. Angeblich bestritten sie ihren Lebensunterhalt mit einer Autoreparaturwerkstatt, der ein Verleih angeschlossen war. Deren Einnahmen freilich standen in keinem Verhältnis zum Lebenswandel der Brüder, die sich elegant kleideten, teure Autos fuhren und gern in Luxuslokalen verkehrten. In Robin-Hood-Manier steckten sie Geldscheine in die Briefkästen des Arme-Leute-Viertels Moabit, in dem sie aufgewachsen waren. Sie wohnten in der Birkenstraße 57, Hinterhaus, vier Treppen - das Haus steht noch, nicht weit von Kurt Tuckolskys Geburtshaus in der Lübecker Straße 13 und dem Kriminalgericht an der Turmstraße, in dem den Einbrecherkönigen schließlich der Prozeß gemacht wurde.

Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, die es mit Recht und Gesetz weniger genau nahmen als die Justiz der Weimarer Republik, flohen Franz und Erich Saß vorsichtshalber nach Kopenhagen. Der weniger prominente dritte Bruder im Bunde, Max Saß, blieb in Berlin. Er wurde 1935 bei einem Apothekeneinbruch ertappt und nahm sich in der Untersuchungshaft das Leben. Die beiden Meisterdiebe faßte die dänische Polizei nach einem Einbruch bei einem Zigarrenfabrikanten. Im März 1938 schob der dänische Staat sie nach Deutschland ab, wo die Nazijustiz die Brüder rasch aburteilte und »Sicherungsverwahrung« in einem Konzentrationslager anordnete; zwei Monate später wurden sie beim Transport nach Sachsenhausen »auf der Flucht erschossen«.

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