Vorwort
Ein Mythos wird besichtigt
Jede Stadt hat ihre Geschichten, die wieder und wieder erzählt werden. Jede Stadt hat ihre Orte, die Besucher gesehen haben müssen. Und jede Stadt hat ihre Bilder und Lieder, die eng mit ihrem Namen verbunden bleiben. Das alles verdichtet sich in den Köpfen zur Mythologie einer Stadt. Bei Babylon denken wir an Turmbau und Sprachverwirrung, bei Athen an antike Baukunst, Philosophie und Demokratie, bei Rom an das alte Weltreich und den Katholizismus. Paris war Schauplatz der Französischen Revolution und bürgerliche Kulturmetropole des 19. Jahrhunderts. Bei New York stehen uns die Skyline von Manhattan und die Stadtneurotiker aus zahllosen Filmen vor Augen. Die Berliner Mythologie ist jung wie diese Großstadt, spiegelt Auf- und Abbrüche, politische Kämpfe und Extreme im 20. Jahrhundert.
Noch immer zieht die Berliner Mauer Touristen an, obwohl kaum etwas von den ehemaligen Grenzanlagen stehen blieb. Gespenstisch lebendig bleibt auch die Nazizeit, weil das Böse fasziniert und die Greuel nicht vergessen werden sollen, damit sie sich nicht wiederholen. Überstrahlt wird die dunkelste Epoche vom Mythos der »goldenen« Zwanziger Jahre. In der kurzen Blütezeit zwischen zwei Weltkriegen hat Berlin die Weltkultur um wichtige Werke der Architektur und bildenden Kunst, der Musik und Literatur bereichert: Wir denken an die »Dreigroschenoper«, an den Roman »Berlin Alexanderplatz«, an die Hufeisensiedlung in Britz, an den scharfen Strich des Zeichners Georg Grosz, an Filme wie »Das Cabinet des Dr. Caligari« oder »Metropolis«. Berlin war die wichtigste Theaterstadt in Deutschland und spielte eine führende Rolle bei der Entwicklung neuer Massenmedien wie Rundfunk und Kino. Die anonyme Millionenstadt diente als Experimentierfeld für neue Lebensformen und Lebensstile, war ein Zentrum wissenschaftlicher Forschung und Standort innovativer Industrien.
Gleichzeitig trug dieses Berlin den Keim der Zerstörung in sich. Hier tobten erbitterte politische Kämpfe, die auf vielen Schauplätzen ausgetragen wurden: im Reichstag, in der Presse, auf der Straße und ebenso in den Künsten. Den meisten Berlinern ging es in jenen Jahren nicht gut. Viele litten unter den wirtschaftlichen Folgen des verlorenen Ersten Weltkrieges, unter der Inflation und Weltwirtschaftskrise. Es gab zahllose Verarmte und Arbeitslose, und die grassierende Existenzangst unterhöhlte das Vertrauen in die junge Weimarer Demokratie. Der Vitalität Berlins tat das keinen Abbruch, im Gegenteil. Das Gefühl, auf einem unsicheren Fundament zu leben, fachte die Lebensgier und die Neugier an.
Diese schöpferische Unruhe ist ein Faszinosum, bis heute. Solange Berlin geteilt war, konservierten die Berliner den Mythos der Zwanziger Jahre in Retrospektiven, Ausstellungen und Büchern – wobei der Akzent in Ost-Berlin ganz eindeutig auf der Geschichte der Kommunistischen Partei und ihrer Verbündeten lag, deren Träume aus den Zwischenkriegsjahren angeblich in der DDR verwirklicht worden waren. In West-Berlin wurde eher die kulturelle Vielfalt jener Epoche beschworen. Nach der Wiedervereinigung glaubten viele, Berlin könne schnell wieder eine ideensprühende Metropole wie in den Zwanziger Jahren werden. Stadtplaner und Architekten stellten Strukturen der alten Reichshauptstadt wieder her oder knüpften an die moderne Bautradition an. Man kann inzwischen wieder auf den alten, während der Spaltung unterbrochenen oder stillgelegten U- und S-Bahnstrecken durch die Stadt fahren. Doch hat der heutige Großstadtalltag nicht viel mit der rauen Lebenswirklichkeit der Zwanziger Jahre gemein. Es gilt der Satz, den der Flaneur Franz Hessel 1929 seinem literarischen Wegweiser »Spazieren in Berlin« vorangestellt hat: »Man findet Herculaneum unter der Asche wieder; aber einige Jahre verschütten die Sitten einer Gesellschaft besser als aller Staub der Vulkane«.
Geblieben ist die diffuse Sehnsucht, etwas von der damaligen Stadt in der heutigen wiederzufinden. Einheimische, Zugereiste und Besucher teilen sie gleichermaßen. Längst gibt es zahllose Publikationen über das Berlin der Zwanziger Jahre. Ein Wegweiser wie der vorliegende fehlte bislang. Die Zeit schien uns reif dafür, weil sich die Präsenz der Zwanziger Jahre in der Stadtlandschaft seit dem Fall der Mauer stark verändert hat. So stehen am Potsdamer Platz jetzt Hochhäuser, wie sie die Stadtplaner der Zwanziger Jahre erträumten. Der Verkehr flutet über den ehemaligen Todesstreifen zwischen Ost- und West-Berlin, sogar eine Replik der ersten Ampelanlage aus der Zwischenkriegszeit hat man am Potsdamer Platz aufgestellt. Im Reichstagsgebäude tagt wieder ein Nationalparlament. Weiter außerhalb sind Wohnsiedlungen der Zwanziger Jahre soeben denkmalgerecht restauriert worden und strahlen wie damals in frischen Farben. Auch die Museumslandschaft wurde im Zuge der Wiedervereinigung neu geordnet. Bilder und Dokumente der Weimarer Jahre sind innerhalb der Stadt umgezogen. Es gibt junge Häuser wie die Berlinische Galerie, das Jüdische Museum, das Filmmuseum oder das Technikmuseum mit seiner neuen Luftfahrtabteilung – allesamt Museen, in denen Kulturleistungen der Zwanziger Jahre gewürdigt werden.
Nur ein Museum der Zwanziger Jahre hat noch niemand eröffnet. Die Stadt als Ganzes kann jedoch wie ein Museum besichtigt werden – vorausgesetzt, man hat den passenden Führer. Diese Lücke haben wir mit dem vorliegenden Buch zu schließen versucht. Der Mythos der Zwanziger Jahre dient lediglich als Leitfaden, der zu allbekannten und versteckten Orten führt. Ein vollständiges Bild von Berlin zwischen 1918 und 1933 zu geben, ist nicht unser Ziel. Wir wollen lediglich zeigen, wo und wie man in der heutigen Stadt etwas über das Berlin der Zwanziger Jahre erfahren kann. Sein Bild von Berlin muss sich ohnehin jeder selbst machen. |