mehr infos...
Die Friedliche Revolution

Berlin 1989/90 - Der Weg zur deutschen Einheit

ISBN 978-3-929829-97-6
erschienen Oktober 2010

Zum Buch...

Prolog

Der Tag der Republik

Auf dem Alexanderplatz herrschte Volksfeststimmung. Tausende Menschen scharten sich um Bratwurstbuden, kauften Handwerkskunst aus dem Erzgebirge oder erfreuten sich an musikalischen Darbietungen. Das war fast im gesamten Stadtgebiet Ost-Berlins so, denn es gab etwas zu feiern. Man schrieb den 7. Oktober 1989, und die Deutsche Demokratische Republik, kurz DDR, wurde vierzig Jahre alt.

Doch die Freude war nicht ungetrübt. In den vergangenen Monaten hatten zehntausende Einwohner das Land verlassen, ihrem bisherigen Leben den Rücken gekehrt und sich auf oftmals abenteuerliche Weise auf den Weg in Richtung Bundesrepublik gemacht. Die Bilder der überfüllten Botschaften in Prag und Warschau waren allen geläufig. Anfang Oktober hatte es in Dresden bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen gegeben, als zahllose Jugendliche versuchten, auf jene Züge zu gelangen, die mit den Botschaftsflüchtlingen unterwegs in die Bundesrepublik waren. Die politische Führung der DDR hatte darauf bestanden, dass die Züge über das Territorium des eigenen Landes fahren müssten – spätestens in Dresden dürfte sie diesen Beschluss bereut haben. Über mehrere Abende hinweg kam es zu Straßenschlachten, Autos brannten und die Zahl der Verhafteten stieg unaufhörlich an. Von Geburtstagsidylle fand sich hier keine Spur.

Da sich die Probleme auch anderweitig häuften, hatte das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) im Vorfeld des 7. Oktober von ihren Berliner Kreisdienststellen genaue Analysen zu den Vorgängen in den jeweiligen Stadtbezirken angefordert und ein Urteil darüber gewünscht, mit welchen Problemen im Zusammenhang mit dem Staatsjubiläum zu rechnen sei. Beflissentlich meldeten die Dienststellen ihre Befunde an die Zentrale und kamen nahezu einheitlich zu dem gleichen Ergebnis. Wie immer schon gäbe es viel Widerstand gegen das herrschende System, man habe daher alle Hände voll zu tun, doch Grund zu besonderer Besorgnis bestehe nicht. Das sah die Führungsspitze um den greisen Minister Erich Mielke etwas anders: Um auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein, wurden detaillierte Maßnahmepläne ausgearbeitet, die in einem Punkt eindeutig waren: gegen jegliche »Provokateure« und sonstige Störenfriede sollte mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln vorgegangen werden. Darüber hinaus wurden zahlreiche Schritte eingeleitet, die zur Stabilisierung der allgemeinen Lage beitragen sollten: unliebsame Einwohner wurden kurzfristig in die Bundesrepublik abgeschoben, die Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) der Staatssicherheit zur Ausweitung ihrer Spitzeltätigkeit angespornt, Einreisen aus West-Berlin erheblich erschwert und »Personenkontrollen« bei jenen durchgeführt, die im politischen Sinne als unzuverlässig galten. Das Debakel von Dresden durfte sich unter keinen Umständen wiederholen, schon gar nicht in der Hauptstadt der DDR am vierzigsten Jahrestag des Landes.

Drastische Schritte schienen zunächst aber gar nicht nötig. Auch die politische Führung des Landes feierte in guter Laune. Die faktisch allein herrschende Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) inszenierte ein beeindruckendes Festprogramm. Etwa 100 000 Jugendliche zogen in einem Fackelzug am Abend des 6. Oktober durch die Innenstadt und versicherten der Partei ihre Treue. Unzählige Staatsgäste nahmen an den diversen Empfängen, Banketten und sonstigen Veranstaltungen teil. Ebenfalls am 6. Oktober war der sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow eingeflogen und hatte verbale Nettigkeiten verteilt. Zugleich zitierte er eine altbekannte Weisheit: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Von welcher Aktualität diese Bemerkung war, sollte sich schneller zeigen, als alle Beteiligten erwarteten.
Einen Höhepunkt der offiziellen Feierlichkeiten stellte der festliche Empfang dar, den Erich Honecker als Generalsekretär der SED wie auch als Vorsitzender des Staatsrates in den Abendstunden des 7. Oktober für »verdienstvolle Bürger« und ausländische Gäste im Palast der Republik gab. Am westlichen Ufer der Spree gelegen und auf dem Areal des zuvor gesprengten Stadtschlosses erbaut, repräsentierte das pompöse Gebäude seit 1976 symbolträchtig den vermeintlichen Sieg des Sozialismus in der DDR. Und der hochbetagte Staatschef hatte an diesem Sieg nach wie vor keinen Zweifel, wie er auch seinen Gästen mitteilte:

»Nehmen Sie die Gewissheit mit nach Hause, dass unsere Republik auch im fünften Jahrzehnt ihrer Existenz ein bedeutender, zuverlässiger Friedensfaktor im Zentrum Europas sein wird. Unsere Freunde in aller Welt seien versichert, dass der Sozialismus auf deutschem Boden, in der Heimat von Marx und Engels auf unerschütterlichen Grundlagen steht. Ich bitte Sie, mit mir das Glas zu erheben…«

Es dürfte das letzte Mal gewesen sein, dass Honecker so entspannt einen Trinkspruch ausgab. Denn ein Blick aus den Fenstern des Gebäudes hätte ihm mit aller Deutlichkeit gezeigt, dass die Stimmung auf der Straße inzwischen umgeschlagen war. Auf der anderen Spreeseite, vom Wasser und zahlreichen Polizeiketten abgeschirmt, standen mehrere tausend Menschen, verlangten energisch nach Reformen und Gewaltlosigkeit und skandierten jene Worte, die zum Sinnbild der Revolution werden sollten: »Wir sind das Volk!« Die allgemeine Unzufriedenheit über die bestehenden Verhältnisse begann sich zu entladen, und diese Bewegung sollte fortan ständig an Kraft gewinnen.
Unmittelbarer Ausgangspunkt der Proteste waren einige Wenige. Am 7. Mai 1989 hatte es in der DDR Kommunalwahlen gegeben und deren Fälschung durch führende Partei- und Staatsfunktionäre war nicht zu übersehen. Das war nichts Neues, doch dieses Mal begehrte ein begrenzter Personenkreis fortdauernd auf. Am siebten Tag jeden Monats versammelten sie sich auf dem Alexanderplatz, um an den Wahlbetrug zu erinnern. Immer wieder hatte es in diesem Zusammenhang Verhaftungen gegeben, und dann kam der 7. Oktober, der Tag der Republik.
Als die Mitarbeiter der Staatssicherheit mit der üblichen Brutalität gegen die Protestierenden vorzugehen versuchten, regte sich auch unter den Besuchern des Volksfestes Unmut. Die Schwierigkeiten des alltäglichen Lebens in der DDR, die politische Stagnation und die daraus resultierende Frustration der Bevölkerung fanden hier ein Ventil. Der Mut einiger Aktivisten traf auf die bisher träge Masse der Unzufriedenen – die Folgen waren schlicht nicht mehr kalkulierbar. Alsbald setzte sich eine zunächst kleine Menschenmenge in Bewegung, die jedoch schnell anwuchs. Ziel war der Palast der Republik, in dem nicht nur der bereits erwähnte Empfang stattfand, sondern auch Gorbatschow vermutet wurde, auf dessen Reformpolitik im Zeichen von Perestroika (Umgestaltung) und Glasnost (Offenheit) viel Hoffnung ruhte. Die SED-Führung, seit Jahrzehnten an der Macht, hatte sich derartigen Überlegungen bisher konsequent verschlossen. Nun wollte die Bevölkerung zeigen, wo die Sympathien lagen. Am Palast angekommen, war die Menge bereits auf etwa 3000 Personen angewachsen und machte sich lautstark bemerkbar. Da die Brücken über die Spree von Volkspolizei und Staatssicherheit versperrt waren, drehte der Zug schließlich in Richtung Prenzlauer Berg ab.

Darauf hatten die Einsatzkräfte nur gewartet. Einmal aus dem Stadtzentrum verdrängt, sollte nun ein deutliches Zeichen gesetzt werden. Obwohl von Seiten der Protestierenden immer wieder »Keine Gewalt!« gefordert – und prinzipiell auch keine ausgeübt – wurde, schlug die Staatsmacht nun entsprechend der zuvor ausgearbeiteten Pläne brutal zu. Einzelne Gruppen wurden eingekesselt, von Schlagstöcken und Wasserwerfern malträtiert und rüde verhaftet. Mehrere hundert Personen teilten dieses Schicksal. Wie das konkret aussah, gab später eine Betroffene zu Protokoll:

»Ich erlebte, dass Menschen wahllos herausgegriffen und von zwei bis drei Uniformierten über die Straße geschleift und mit Schlagstöcken verprügelt wurden. Ich hörte nur noch Schmerzensschreie, die durch Befehle wie »Greifen!« durchbrochen wurden. Ich sah, wie ein älterer Mann vor meinen Augen an den Haaren gepackt und immer wieder mit dem Gesicht auf die Straße geschlagen wurde, von drei Uniformierten. … Das Ganze dauerte etwa zwei bis drei Minuten, bis der Befehl »Alles festnehmen!« die Schreie übertönte.«

Glaubten die Verhafteten, damit das Schlimmste überstanden zu haben, so stellte sich diese Annahme schnell als Irrtum heraus. Sie wurden auf Lastkraftwagen verladen, zu verschiedenen »Zuführungspunkten« im Stadtgebiet verbracht und erlebten dort die ganze Willkür des Regimes. Ähnliches sollte sich auch am folgenden Abend, bei abermaligen Protesten, wiederholen. Nachdem alle Zellen belegt waren, wurden bis zu 150 Menschen in einzelne Garagen gezwängt, mussten dort ohne Verpflegung und Toiletten bis zum nächsten Morgen ausharren oder standen gleich stundenlang im Nieselregen auf dem Hof – zum Teil mit dem Gesicht zur Wand. Jede Rechtsstaatlichkeit verlor an Bedeutung und auch die fragwürdigen Gesetze der DDR deckten das Vorgehen keinesfalls.
Der Tag der Republik war gründlich ins Wasser gefallen. Das galt umso mehr, als die Bevölkerung stärker als bisher mit den zumeist jugendlichen Demonstranten sympathisierte. Denn war die Aggressivität in Dresden noch von beiden Seiten ausgegangen, so hatten hier gewaltlos Protestierende die Brutalität der Staatsmacht zu spüren bekommen. Die offensichtliche Willkür der Aktionen zeigte zudem, dass es buchstäblich jeden treffen konnte. Den regimefreundlichen Medien freilich waren die Ereignisse nur wenige Zeilen wert, in denen die Rede von Zusammenrottungen von Randalierern unter dem Einfluss westlicher Medien war. Dass dies nicht der Realität entsprach, war nur all zu deutlich. In den vorangegangenen Monaten hatten sich Veränderungen angekündigt, doch geschehen war nur wenig. Das sollte sich alsbald grundlegend ändern. Alles schaute nun auf Leipzig, wo am 9. Oktober die nächste große Demonstration stattfinden würde.

Ohne Zweifel stellt der 7. Oktober 1989 also einen wichtigen Wendepunkt in der Geschichte der Friedlichen Revolution dar, zumal es auch in anderen Städten der DDR zu Unruhen gekommen war. Doch nirgends war die Konfrontation zwischen gewaltlos Protestierenden und gewaltbereiter Staatsmacht so unmittelbar, so brutal wie in Ost-Berlin. Das sollte Folgen haben.
Wie aber kam es überhaupt zu einer solchen Situation? Warum sah sich das SED-Regime gezwungen, derart kompromisslos gegen die eigene Bevölkerung vorzugehen? Und wie erklärt es sich, dass weniger als ein Jahr später die DDR bereits von der politischen Landkarte verschwunden war und ein einheitlicher deutscher Staat konstituiert werden konnte? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt des vorliegenden Buches. Um sie zu beantworten, empfiehlt sich zunächst ein kurzer Blick in vierzig Jahre DDR-Geschichte.

Ihr Warenkorb

WarenkorbSie haben noch keine Artikel im » Warenkorb

Neuheiten Herbst 2012

Verlagsprogramm Herbst 2012

Der aktuelle Katalog interaktiv oder als PDF-Download.

Toptitel

Lust auf Berlin Bücher?

Wandeln Sie mit uns durch die Geschichte Berlins. Atmen Sie die Luft der 20er Jahre! Lauschen Sie den Gesprächen am Hofe Friedrich des Großen! Sehen Sie Ihren Kiez mit anderen Augen!
Wir haben die Bücher für Ihr Lesevergnügen.