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Die Franzosen in Berlin 1806-1808
ISBN 978-3-929829-41-9
erschienen Oktober 2006

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Wie Berlin um 1800 aussah

Berliner Leben

Heinrich Eduard Kochhann (1805-1865), Bäckermeister und Stadtverordnetenvorsteher
Sowohl in dem äußeren Ansehen Berlins wie im Leben der Bewohner waren zu Anfang dieses Jahrhunderts die größten Gegensätze erkennbar. Während die Häuser des Adels und der Reichen außen und innen durch zahlreiche behaglich und kostbar eingerichtete Zimmer sich auszeichneten, auch schöne geräumige Flure und breite Treppen enthielten, waren die Häuser des sogenannten Bürgerstandes von karger Einfachheit. Der Dreißigjährige, später der Siebenjährige Krieg, oftmalige Seuchen hatten den Wohlstand der Bürger vernichtet. Die meisten Gebäude waren zweistöckig, selten ragte ein höheres empor. Die besseren in den alten Stadtteilen Berlin, Kölln und Friedrichswerder stammten größtenteils aus früheren Perioden. (Die öffentlichen Gebäude des Staates und der Stadt ziehe ich hier nicht in Betracht.) Ein durch seine Größe auffälliges Haus war das des Destillateurs George in der Friedrichstraße nahe der Weidendammer Brücke. [Ungefähr an der Stelle des heutigen Bahnhofs Friedrichstraße.]

Es enthielt, mit Einschluß der Seitenflügel im Hofe, 12 Türen und 365 Fenster. Später ward es vom Fiskus gekauft und unter dem Namen Pepinière zu einer chirurgischen Unterrichtsanstalt, zuletzt als Friedrich-Wilhelm-Institut zur Ausbildung von Militärärzten eingerichtet. Eine Zeitlang wohnte der Philosoph Fichte darin, und zwar in bedürfnislosester Ausstattung. Sein Mitbewohner, der Professor Kalisch, hat mir wiederholt erzählt, daß er nur zwei Paar Tassen als Küchengerät besaß und daß diese bei größerem Besuch abwechselnd in Benutzung genommen werden mußten. Ein zweites großes Privathaus mit besonders schöner Treppe und weitem Flur gehörte dem Kattunfabrikbesitzer Mann in der Wallstraße. Beide Grundstücke und Gebäude hatten die Unternehmer mit angesammelter kleiner Münze in Groschen und Sechsern bezahlt.

Unter den Linden sowie von der Wilhelm- bis zur Leipziger Straße befanden sich schöne Palais – ausschließlich Wohnstätten des durch Gesetz und Stellung bevorzugten Adels. Sie waren alle mit einer Rampe als Vorfahrt zum Haupteingang versehen. Zur Seite der Türen befanden sich in den Wänden eiserne trichterförmige Vertiefungen zum Auslöschen der Fackeln, welche abends von den auf den Kutschen stehenden Bedienten benutzt wurden. Bei amtlichen und feierlichen Aufzügen lief zumeist den Wagen ein Läufer vorauf, der, phantastisch oder gleich den Bedienten gekleidet, einen reichverzierten Stab trug. Diese Personen bildeten eine eigene Kaste und hatten besondere Unterrichtsanstalten, auf denen sie sich zu Schnelläufern ausbildeten.

In den Straßen am Halleschen Tor, in der Linden- und Markgrafenstraße, in den Straßen und Gassen der Luisenstadt sowie in der Gegend des Frankfurter und Neuen Königs-Tores waren die ihres Glaubens wegen flüchtig gewordenen französischen und flandrischen Gärtner angesiedelt; andere Gewerbetreibende, wie Schuhmacher, Hutmacher, Gold- und Silberschmiede waren über die ganze Stadt zerstreut. Die französische Einwanderung hatte Berlin eine große Anzahl reicher und intelligenter Leute zugeführt, die die alte Bevölkerung an Kenntnissen überragten. Das hatten die preußischen Regenten zu würdigen gewußt und denselben vielerlei Begünstigungen gewährt. Noch heute bilden dieselben unter dem Namen »französische Kolonie« eine besondere Genossenschaft, einen Staat im Staate; im Besitz eigener Kirchen und zu selbständigen Kirchengemeinden vereinigt, verwaltet sie bedeutende Reichtümer zwecks wissenschaftlicher Bestrebungen und Stiftungen. Unstreitig verdankt auch unsere Gartenkultur den französischen Einwanderern ihre Entwicklung und ihr Gedeihen.

Die Ausnahmestellung, welche die eingewanderten, vielfach begünstigten Franzosen einnahmen, war bei einer anderen Klasse der Einwohner, den Juden, in entgegengesetzter Hinsicht erkennbar. Diese litten schon seit den ältesten Zeiten unter den härtesten Bedrückungen und Plackereien. Nur zeitweise und in beschränkter Zahl geduldet, mußten die Juden zu ihrem Aufenthalt die Erlaubnis des Landesfürsten oder mindestens die der Ortsbehörde einholen; sie durften nur durch das Hallesche, Prenzlauer und Rosentaler Tor und nur zu Fuß, niemals zu Wagen oder zu Pferde einwandern. Kein Jude durfte willkürlich die Stadt verlassen oder heimkehren; er durfte nur in der ihm vorgeschriebenen Stadtgegend wohnen und nur ein von der Behörde genehmigtes Gewerbe betreiben. Dabei blieb er der Laune des Landesherrn und der Behörde unterworfen, oft genug zum Hohn und zur Kränkung. Zwang doch Friedrich Wilhelm I. unter Mißachtung ihrer religiösen Gesetze und Bräuche die Juden, die von ihm auf der Jagd erlegten wilden Schweine käuflich zu erwerben. Strafte doch selbst Friedrich der Große seinen Hofbankier Ephraim für das von ihm selbst konzessionierte, nach seiner Meinung aber zu kostbar erbaute Wohnhaus an der Ecke des Mühlendammes und der Poststraße dadurch, daß er ihm die Erlegung von 40 000 Talern als Hypothek des Potsdamer Militär-Waisenhauses zudiktierte. Nach und nach ist in der Behandlung der Juden eine mildere Praxis eingetreten. Seit Anfang dieses Jahrhunderts brachte die Städteordnung und die Steinsche Gesetzgebung den Juden gesetzliche Zustände; ihr korporierter Gemeindeverband wurde in politischer wie kommunaler Beziehung aufrecht erhalten; sie selbst mußten aber für ihre Armen, Kranken und Waisen sowie für die Erziehung der Jugend Sorge tragen. Damals war ihre Zahl noch auf 430 Familien beschränkt und der Tempel in der Heidereutergasse deren einziges Gotteshaus in der Stadt. Obgleich die Städteordnung von 1808 ihnen die Teilnahme an der Kommunalverwaltung zusicherte, auch einzelne Juden sowohl in den Magistrat als auch in die Stadtverordnetenversammlung gewählt worden waren, so wurden sie doch wieder in den Jahren der Reaktion von diesen Körperschaften sowie vom Schiedsmannsamt ausgeschlossen.

Die Dresdener Straße im Zuge der Neuen Roßstraße war wenig über unser Haus hinaus zusammenhängend bebaut. Es wechselten Wohnhäuser mit Mauern und Zäunen, welche die von Gärtnern und Ackerbürgern bewohnten Grundstücke begrenzten. Am Knie der Straße, wo ehemals ein Försterhaus stand, befand sich eine Scheune, welche den Anfang des Köpenicker Feldes bezeichnete. Durch dasselbe führte bis zum Kottbusser Tor ein Damm, dessen Pflaster total zerfahren war und zu dessen Seiten gekappte Weidenbäume standen. Diese ganze Strecke blieb im Sommer wegen des tiefen Sandes, in den anderen Jahreszeiten des grundlosen Schlammes halber schwer zu begehen. Die von der Alten Jakobstraße, parallel der Dresdener Straße, abzweigende Stallschreibergasse hatte nur einstöckige Gärtnerhäuser und sehr viele Zäune. Sie endete gleichfalls mit einer Scheune am Ausgang zum Köpenicker Feld; ein schmaler Sandweg leitete zum Kottbusser Tor.
Die Schäfergasse, zu der wir durch unseren Garten einen Zugang hatten, war im eigentlichen Sinne ein Ackerweg für das daselbst gelegene Gutsamt, welches seine zahlreiche Schafherde auf diesem Wege auf das nahe Köpenicker Feld entsandte. Ein Feldweg, mit Weiden bepflanzt, brachte den Wanderer durch tiefen Sand ungefähr zu der Stelle der Köpenicker Straße, wo jetzt der Kanal dieselbe durchschneidet und wo auf dem Magistratsholzplatze ein Kalkofen sich befand. Bei der notwendigen Sparsamkeit in den ersten Jahren meiner Verheiratung war es für meine Frau und für mich ein beliebter Spaziergang von unserer Gartentür aus die Wege des Köpenicker Feldes zu gehen, wobei wir uns an den wogenden Kornfeldern und den blühenden Kartoffelpflanzungen erfreuten, auch von den Türmen der Stadt die Glocken läuten hörten. Diese Erholungsgänge nach getaner Arbeit geschahen meist des Abends. Die Schäfergasse befand sich freilich oft in einem unglaublichen Zustand. Jeder angrenzende Besitzer, auch mein Vater, hielt sich für berechtigt, alles Unkraut des Gartens und alle Abgänge des Hauses auf den ungepflasterten Damm der Gasse hinauszuwerfen und so diesen noch grundloser zu machen als er schon war. Eigenes Bedürfnis und Mitleid mit den Passanten veranlaßte die Anwohner zuweilen, die entstandenen bergartigen Ungleichheiten zu ebnen, auch zur Regenzeit Gangsteine für die Fußgänger auszulegen.

Das ganze weite Terrain zwischen der das Hallesche und Schlesische Tor verbindenden Stadtmauer einerseits, der Köpenicker und Jakobstraße andererseits, wurde das Köpenicker Feld, seit 1802 zu Ehren der Königin Luise die Luisenstadt genannt.

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