Feldzugstagebuch des Prinzen 28. September bis 6. Oktober 1806Kriegstagebuch
28. [September 1806] Chemnitz. Am 28. in Chemnitz angekommen, erhielt ich militärische Übersichten, nach denen sich unsere Armee mehr rechts halten wird, links hat man ein Korps unter Tauentzien nach der anliegenden Ordre de bataille gebildet. Dieses Korps wird bei Hof stehen bleiben, um durch Demonstrationen die Aufmerksamkeit dorthin zu lenken. Am 4. oder 5. [Oktober] wird sich die Avantgarde bei Orlamünde bilden. Es scheint die Absicht des Fürsten [Hohenlohe] zu sein, sie immer in der Entfernung eines Tagesmarsches von der Armee zu halten. Dann wird man auf Hildburghausen zu marschieren und am 10. oder 11. könnte ich in Römhild sein, Königshofen gegenüber, einer kleinen Festung im Würzburgischen, die man instand zu setzen und zu verstärken sucht. Die Franzosen sammeln sich bei Bamberg, General Le Fèvre bei Schweinfurt. General Rüchel wird zu gleicher Zeit auf der Höhe von Hünfeld, und die Avantgarde der königlichen Armee, die den Thüringer Wald in vier Kolonnen durchschreiten wird, auf der Höhe von Maßfeld vor Meiningen sein. — General Blücher bei Göttingen, General Wedel bei Paderborn, General Le Coq bei Lengerich und ein Detachement bei Osnabrück. Militärische Betrachtungen Ich hätte gewünscht, daß man sich nicht soweit nach rechts aufstellte, erstens weil, wenn wir uns mehr links hielten, wir die Möglichkeit hätten, Tauentzien zu Hilfe zu eilen, wenn etwa die Franzosen, ohne länger zu zögern, sich auf ihn werfen sollten. Anderseits werden wir dadurch, daß wir uns in zu großer Masse nach rechts wenden, zu früh das strategische Ziel verraten, und die Franzosen werden uns erst hinter dem Main erwarten oder gar die Truppen der Oberpfalz, die Korps von Bernadotte [und] Soult vereinigen, um sich über Bamberg, Kulmbach auf unsere rechte Flanke zu werfen, oder um Tauentzien über den Haufen zu rennen. Politische Neuigkeiten 1. La Forêt hat seine Pässe gefordert. 2. Erklärung des Königs an die Gesandten des Rheinbundes, daß er sich nicht als mit ihnen im Krieg befindlich betrachte. 3. Hessen scheint noch zu wanken, sie haben indessen 16 000 (Mann) Infanterie und 800 Pferde vereinigt. 4. [fehlt.] 5. Die Russen marschieren auf Polen; man sagt, fünfzehn Transportschiffe seien von Kronstadt abgegangen. 6. Festnahme des Juden Ephraim. 7. Der »Moniteur« fängt an, eine entschiedenere Sprache gegen uns anzunehmen, und der Krieg ist sicher. 8. Napoleon in Frankfurt erwartet. 29, September [1806.] In Penig angekommen. In der Nacht kam eine Staffette vom General Tauentzien mit der Nachricht, die Franzosen hätten mit 300 Mann die vier Amtsbezirke bei Nürnberg besetzt und von da aus jede Verbindung mit dem Bayreuther Oberland abgeschnitten. Die französischen Truppen haben Befehl, beim ersten Appell marschbereit zu sein. General Maison, Chef des Generalstabs des Marschalls Bernadotte, hat eine Rekognoszierung gegen Culmbach unternommen. Dieses, zusammen mit den Informationen, die man von Seiten der Franzosen über die nach Sachsen führenden Straßen hat, beweist, daß sie kaum zögern werden, von dieser Seite etwas zu unternehmen. Es heißt, sie werden in drei Kolonnen marschieren, die rechte von Kemnat, Gefrees, Münchberg über Plauen oder Adorf, die zweite über Bayreuth, die bei Bamberg stehende Armee über Culmbach nach ... Ich halte diese Bewegung nicht für gefährlich, im Gegenteil für wünschenswert, besonders, wenn General Tauentzien beizeiten davon Kunde gibt, und klug genug ist, jede ernsthaftere Verwickelung zu vermeiden, da dann die Armee Hohenlohes, wenn sie die Spitze ihrer Kolonnen nach links wendet, imstande sein wird, sich der französischen Armee in den Rücken und in die Flanke zu werfen, während die Hauptarmee des Königs, oder nach Bedarf drei oder vier Divisionen, hinter der Armee Hohenlohes vorbeimarschieren könnten, um sich auf Altenburg oder Zwickau zu werfen, so daß wir immer imstande sind, diese Armee in Überzahl anzugreifen. Der Fürst hätte gewünscht, sich der Engpässe von Lobenstein und Hof zu bemächtigen, das Korps Tauentziens bis nach Kreußen vorzutreiben und sich die von Amberg und Nürnberg kommenden Chausseen freizuhalten, meine Avantgarde gegen Culmbach zu drücken, und, unter gleichzeitiger Bedrohung der rechten Flanke der Bernadotteschen Armee, sich schnell von Coburg in der Richtung gegen Schweinfurt zu werfen, um imstande zu sein, sich mit der Armee des Königs zu vereinigen und bei ihren Unternehmungen mitzuwirken. Es scheint mir schwierig, zu beurteilen, welche dieser Bewegungen die bessere wäre. Diejenige, die man in diesem Augenblick unternimmt, scheint mir vorteilhafter, weil sie sich mehr der Beurteilung des Feindes entzieht. Die andere scheint das Korps Tauentziens weniger bloßzustellen. Doch auch der Gedanke, nichts preiszugeben und alles zu bewahren, ist denen nur zu oft höchst verhängnisvoll geworden, die ihn befolgt haben. Was in diesem Augenblicke ein Grund sein könnte, selbst die kleinste Schlappe oder eine Rückzugsbewegung zu fürchten, ist die Wirkung, die davon auf den Geist und die Meinung der Armee ausgehen könnte. Alles das würde weniger zu fürchten sein, wenn es nicht sicher wäre, daß bei uns Geist und Energie nicht von oben kommen, sondern daß sie das dürftige Willensprodukt besoldeter Leute, der Dringlichkeit der Umstände und des kriegerischen Geistes der Armee sind. Die Übel, die aus der Schwäche der Regierung oder vielmehr aus dem Geist des Kabinetts entstehen, machen sich bereits überall bemerkbar. Der Wunsch nach Frieden, der sie antrieb, alles zu hemmen, hat sich nur zu sehr den Untergebenen mitgeteilt. Der Krieg war weniger eine Sache des Willens, als die Wirkung des Hingerissenseins, das Ergebnis einmal getroffener Maßregeln, denen andere folgen müssen. Darum also wurde nicht vorgesorgt, nichts berechnet, und daher viele halbe Maßregeln, mit kleinen Gesichtspunkten, kleinlichen Knausereien; daher kommt es, daß, im Augenblick des Losschlagens, es bei der zweiten Mobilmachung der Artillerie hapert, und wir nur eine Ambulanz für 200 Verwundete oder Kranke haben. So zerstört man den guten Geist. Dieselbe Dummheit um eines falschen Scheines willen. Man redet weder zum Volke noch zur Armee, während unsere Freunde sicherlich kein Mittel versäumen werden. den 30. [September 1806], Hauptquartier Altenburg Die Armee Bernadottes zieht sich bei Nürnberg zusammen und wird sich von da auf Bamberg werfen, sie können jedoch nicht vor dem 27. versammelt sein. Ich schicke einen Brief des Königs an den Kurfürsten, um ihn zu bestimmen, seine Truppen zur Offensive mit den unseren zu vereinen. Diese Maßregel ist verspätet und hätte früher getroffen werden müssen. Der Brief selbst war gut, entschlossen und offen. |
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