Franzosenreaktion»Der König hat eine Bataille verlohren. Jetzt ist Ruhe die erste Bürgerpflicht. Ich fordere die Einwohner Berlins dazu auf. Der König und seine Brüder leben!« Mit diesem Maueranschlage verkündete der stellvertretende Gouverneur von Berlin, der General der Kavallerie und Staatsminister Graf Friedrich-Wilhelm von der Schulenburg-Kehnert, am 17. Oktober 1806 die Niederlage des preußischen Heeres bei Jena und Auerstädt vom 14. Oktober (s. S. 74). Bereits am 16. Oktober war Schulenburg durch ein Schreiben des Kabinettsministers Grafen Haugwitz vom 13. auf die bevorstehende Entscheidung vorbereitet worden; in der Nacht zum 17. brachte ihm der »vom Champ de Bataille« bei Auerstädt abgesandte Rittmeister von Dorville, der Adjutant des Generalfeldmarschalls von Möllendorff, des bisherigen Gouverneurs von Berlin, die Trauerkunde von der verlorenen Schlacht.
In dem am Morgen des 17. Oktobers auf Schulenburgs Veranlassung zusammenberufenen »Großen Staatsrath«, dessen Vorsitz der Staatsminister Freiherr von der Reck führte, da Schulenburg, den der König auch hiermit betraut, seines Gesundheitszustandes halber um Dispensation »von der Führung des Praesidii« gebeten hatte, wurde die Fortschaffung der Kassen und die Abreise der königlichen Familie, auch die sofortige Organisation der Bürgermiliz beschlossen, und »gutgefunden, den Officianten das Gehalt pro December zur Verminderung der Cassenbestände zum Voraus zu bezahlen«.
Eine Verteidigung der Hauptstadt faßte Schulenburg nicht ins Auge, wenn auch noch tags zuvor, am 16. Oktober, der Staatsrat in seinem Protokolle erklärt hatte, das Gouvernement »ist entschlossen zur Gegenwehr, so lange sie zweckmäßig und möglich ist«. Denn eben diese Voraussetzungen trafen in keinem Falle zu: die noch vorhandene Befestigung der Stadt hatte nur noch für Steuerzwecke Wert, und an Truppen standen dem Gouverneur nur sechs »dritte« Bataillone, die sich zumeist aus Invaliden und Rekruten zusammensetzten, und einige Kavallerie- und Artillerie-Depots zur Verfügung, die sicherlich nicht ausreichten, eine Stadt von 157 000 Einwohnern – außer der über 25 000 Seelen umfassenden Militärbevölkerung – auch nur gegen einen Handstreich zu sichern. Zwar sollen sich Freiwillige als Stadtverteidiger Schulenburg angeboten haben; aber wie wenig kriegerisch war doch die Bevölkerung im Grunde: noch unmittelbar zuvor hatten die Häupter der Stadt gegen die notwendigen Kriegsübungen der Garnison Beschwerde eingelegt (s. S. 77). Um so mehr wäre es darauf angekommen, die in Berlin, namentlich im Zeughause, lagernden sehr erheblichen militärischen Vorräte dem Feinde zu entziehen und wenigstens zu deren Fortschaffung die vorhandenen Truppenkräfte zu verwenden, wozu bereits Ende September die Anstalten »im Falle eines unglücklichen Krieges-Ereignisses« auf des Königs Befehl von Schulenburg mit dem Ober-Kriegs-Kollegium erwogen worden waren. Aber auch dazu fand Schulenburg jetzt nicht den Entschluß: ja noch mehr, er lehnte die erbetenen Hilfskräfte für die Verladung der Ausrüstungstücke und Waffen auf Wagen und Kähne direkt ab, nur bedacht, die Truppen selbst vor Kriegsgefangenschaft zu bewahren. Bereits am Nachmittage des 19. Oktobers verließ er mit der ganzen Garnison die Hauptstadt, wo, wie er dem Könige schrieb, die Ankunft der Feinde »täglich, ja stündlich« zu erwarten sei.
Diese kopflose Haltung der obersten Autorität erschütterte die Einwohner Berlins aufs tiefste. Nicht gerade siegesgewiß, aber doch vertrauensvoll und nicht ohne patriotische Regungen zu tatkräftigem Eintreten für die Bedürfnisse der Armee hatten die Bürger den Kriegsausbruch aufgenommen, und gerade in den letzten Tagen, nach der erschütternden Kunde von dem Heldentode des volkstümlichen Prinzen Louis-Ferdinand im Treffen von Saalfeld am 10. Oktober, waren durch mehrfache Gerüchte die Siegeshoffnungen genährt worden. Die Aufführung der »Jungfrau von Orleans« im Nationaltheater am 13. Oktober erweckte bei jedem Verse »der irgend eine feindliche Idee vor die Seele rief« im Publikum den größten Enthusiasmus; noch am 16. Oktober abends feierte der Leibarzt der Königin, Christian-Wilhelm Hufeland, mit dem Philosophen Johann-Gottlieb Fichte vereint »ein frohes Siegesmahl«, und im Hause des Grafen Dönhoff jubelten die kleinen Prinzessinnen Charlotte und Friederike, Tochter und Nichte des Königs, über die Siegesnachrichten. Nun riß Schulenburgs Proklamation das kommende Unheil ohne Rückhalt vor aller Augen, und das zu symbolischer Bedeutung gewordene Wort Ruhe ist die erste Bürgerpflicht erschütterte auch feste Herzen: »mit diesem Trost ward das verzweifelnde Berlin von seinen Autoritäten verlassen, und das Wort »Ruhe« fiel sonderbar in die krampfartige Gährung des Augenblicks«. Denn, wie es Fichte späterhin mit bitterer Ironie klarlegte: das heißt, seid ganz neutral, verrammelt eure Fenster, sorgt für einen guten Vorrath weißen Brotes, frischen Fleisches und stärkender Getränke, mit denen ihr, nach dem Ausgange des Kampfes dem Sieger, welcher von beiden es sei, euch empfehlen und seine Gewogenheit gewinnen könnt: »Vorurtheile aus barbarischen Zeiten, von göttlicher Einsetzung der Könige, Heiligkeit des Eides, Nationalehre, sind nichts für den, der klar geworden ist über die so einfachen Sätze: daß das Leben das Erste, die Güter das Zweite, und der Staat erst das Dritte«. Anschaulich schildert ein am 19. Oktober geschriebener Brief eines höheren Staatsbeamten (s. S. 85) die wechselvollen Stimmungen vor und nach der Unglücksbotschaft : »Zu Tausenden versammeln sich die Menschen von früh an bis spät Abends vor dem Hause des Gouverneurs (Behrenstr. 41), vor dem Schlosse und vor dem Palaste des Königs, kurz, wo sie etwas Neues zu erfahren glauben, besonders auch vor der Post. Leute, die sich nicht kennen, reden einander an und fragen nach Neuigkeiten aus dem Felde; steht man mit einem oder zwei Bekannten auf der Straße und spricht, so ist man bald von 50 umringt, die an der Unterhaltung über die einzig interessanten Begebenheiten des Tages Theil nehmen wollen.« Und nach Schulenburgs Anschlag: »Aus den Straßen und überall, wohin man kam, raunte man sich die schrecklichen Worte in die Ohren, daß Alles verloren sei. Überall begegnete man bleichen Gesichtern und thränenden Augen ... Aengstliche Leute reisen fort nach Stettin und Küstrin, oder schicken wenigstens ihre Frauen und Kinder fort ... Gott errette unser Vaterland!« |
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