Wo die Götter wohnen
Johann Gottfried Schadows Weg zur Kunst
ISBN 978-3-929829-72-3erschienen Januar 2008 Zum Buch...
Die mißglückte HeiratSie hocken zu dritt in der Gaststube der Baruther Grenzschenke, die der Volksmund vor Jahr und Tag in »Schenke zum fröhlichen Ehstand« umgetauft hat, weil die frisch Getrauten an diesem Ort der Freude das festliche Ereignis bei Schmaus und Tanz zu begehen pflegen. Doch die heutigen Gäste – Mutter Kathrin, Gottfried und Marianne – sind gar nicht froh und gleichen eher verregneten Hühnern.
Die heimliche Trauung ist nämlich ins Wasser gefallen. Obwohl die Papiere in Ordnung waren und ein reichliches Armengeld bereitlag, mußte der weißhaarige Pastor den drei Fremden aus Berlin ihren Herzenswunsch versagen, weil er kürzlich einem Schwindlerpaar aufgesessen war und daher Schwierigkeiten mit seiner vorgesetzten Behörde hatte. Eine arge Enttäuschung für die drei! Die Braut scheint seltsamerweise noch am wenigsten betroffen, sie träumt wohl schon von einem strahlenden Hochzeitsfest in Wien bei den Eltern. Ein wenig nachdenklich bemerkt sie: »Man sagt wohl: »Der Mensch denkt, Gott lenkt.«
Aber in diesem Fall hat das Herrgöttle gar net gut g‘lenkt, und mir müssen jetzt selber schaun, wie alles in die Reih kommt.« Mutter Kathrin ist am meisten bedrückt, sie versucht standhaft zu bleiben, doch die Tränen kullern auf ihr Reinseidenes. Gottfried muß die Tiefbetrübte beim Arm nehmen, als sie schweren Schrittes zu dem Bauernwägelchen des Bruders geht, um heimzukehren. Eine letzte Umarmung. »Ich schreib dir auch gleich!« Ein Tücherschwenken, dann sind die beiden jungen Leute allein. Gottfried ist noch verstimmt, als sie schon im Fond der Extrapost nach Dresden sitzen. Marianne versucht ihren Liebsten aufzumuntern: »Was ist schon groß passiert, Schatzl? Spiel‘n wir halt unterwegs bis Wien a bißl Komedi akkurat wie frisch Vermählte auf der Hochzeitsreise.« Sie schmiegt sich zärtlich an ihn. »Is doch net gar so schwer, oder?« Da muß der nicht legalisierte Ehemann über seine Eva lächeln und legt den Arm um ihre Schultern. Mit stiller Freude denkt er an das, was vor ihnen liegt. Er wird seine Mattel besitzen, ob sie nun im Kirchenbuch eingetragen sind oder nicht. Und dann die Reise nach Dresden! Da ist vor allem der Besuch bei Anton Graff, dem bedeutenden Porträtmaler, der ihn bei seinem Berliner Aufenthalt als einen hervorragenden Radierer bezeichnet und herzlich in sein Haus eingeladen hatte. Von dem berühmten Maler erhofft er sich wertvolle Anregungen für seine eigene Studienreise nach Rom. Marianne aber sieht dem Besuch bei Graff mit einigem Bangen entgegen, wie sie ihrem Bräutigam gesteht, denn nun muß wirklich Komödie gespielt werden. Gottfried beruhigt sie, es wird schon alles gut gehen. Ganz wohl ist auch ihm nicht zumute, doch dann verläuft alles besser, als beide es erwarten konnten. Der weit über Deutschland hinaus bekannte Professor der Bildnismalerei, der fast alle berühmten zeitgenössischen Persönlichkeiten – unter ihnen Moses Mendelssohn, Gellert, den jungen Schiller – porträtiert hat, verrät keine Spur von Neugierde, wie es zu dem plötzlichen Ausscheiden seines jungen Kollegen aus Tassaerts Atelier und zu dem rasch gefaßten Plan einer Romreise gekommen ist, sondern gewährt dem jungen Paar eine weltmännisch-großzügige Gastfreundschaft. Daß die beiden sich, wenn auch mit einiger Verlegenheit, als Verheiratete präsentieren, nimmt er ebenso wie seine Frau zur Kenntnis, als verstünde es sich von selbst. Er interessiert sich mehr für Schadows »Cahier«, seine Mappe mit den neuesten Porträtzeichnungen. So ziehen sich die bald zu einem Gespräch bei Wein und Tabak in das Atelier des Hausherrn zurück, das einen weiten Blick auf den Schloßpark von Pillnitz freigibt, während die Frauen im Boudoir der Professorengattin bei Kaffee und Kuchen die jüngsten gesellschaftlichen Ereignisse in der sächsischen und in der preußischen Hauptstadt erörtern. Mit wachsendem Interesse betrachtet Graff die Grafiken Schadows, Blatt um Blatt. Er nickt. »Das gilt«, sagt er anerkennend, »das nenne ich endgültig formuliert, schwarz auf weiß!« Er lächelt auf eine gewinnende Art. »Von Albrecht Dürer wird berichtet, daß er seinen Kunstgenossen beim Feierabendschoppen gern sein neuestes Opus vorwies, wenn es ihm besonders gut geraten schien. Dann nickten sie in der Runde und sagten: »Brav gemacht!« Dieses schlichte Wort war für ihn der schönste Lohn. Das war in der Meisterzeit der deutschen Städtekultur, als Redlichkeit als die höchste Bürgertugend galt und das Wort noch seinen vollen, gewichtigen Klang hatte.« Er reicht Gottfried das Cahier zurück. »So sage auch ich, brav gemacht!« Dann winkt er den Gast in einen Erker des Ateliers an die Staffelei und entfernt das seidene Tuch, das seine letzte Schöpfung, ein Bildnis Lessings, verhüllt. Gottfried steht lange davor, gefesselt von der Lebenswahrheit des Porträts, bei dem es Graff offensichtlich um das Erfassen der wesentlichen und charakteristischen Züge gegangen ist. Über die Erfahrungen und Beobachtungen während seines Studienaufenthaltes in Rom äußert sich der kritische, zu leiser Ironie neigende Maler zurückhaltend. »Sie müssen ihre eigenen Erfahrungen machen, junger Freund«, meint er. »Nur einiges will ich vorwegnehmen, damit wenigstens eine allgemeine Orientierung haben in dieser schwierigen künstlerischen Landschaft. In Rom, der Schatzkammer antiker Kunstwerke, dominieren die Franzosen. Die von der Akademie in Paris mit dem äußerst begehrten »Prix de Rome« ausgezeichneten Skulpturstudenten ziehen als französische Staatspensionäre in Rom ein und werden dort von einem Direktor in einer Art Akademie betreut. Die jungen Herren wohnen in dem prächtigen Palazzo Mancini am Corso, wo ihnen weiträumige Hallen mit wertvollen antiken Modellen zur Verfügung stehen. Und dafür, daß das französische Prestige im Kunstbetrieb der Ewigen Stadt gewahrt bleibt, sorgt schon der französische Botschafter, der fuchsschlaue Kardinal de Bernis, der berüchtigte Schützling der Pompadour. Eine ganz schöne Cliquenwirtschaft mit politischen Akzenten!« Schadow will wissen, ob denn auf diese Weise ein erfolgreiches Studium des antiken Schönheitsideals erreicht wird. Graff lächelt maliziös. »Viele sind berufen und wenige sind auserwählt«, spottet er. »Natürlich gibt es tüchtige, ernsthafte und strebsame Burschen unter den französischen Hospitanten, die, vom hellenistischen Geist erfüllt, mit neuem schöpferischem Schwung nach Jahr und Tag wieder in ihre Bildhauerwerkstätten am Montmartre zurückkehren. Doch sind sie, so glaube ich, an den Fingern einer Hand abzuzählen. Die meisten verfallen in eine hoffnungslose Kopisterei, unter Preisgabe ihrer eigenen individuellen Anlagen. Ihr Losungswort ist das »per far il grandes«, das Große zu machen. Es bleibt aber meist beim Nachmachen, bei der blossen Nachahmung. Mit dem wahren Geist der antiken Kunst hat das nichts zu tun!« Er blickt sinnend in sein Glas mit funkelndem Burgunder. »Niemand hat diesen Geist so klar erkannt wie Ihr Landsmann Johann Joachim Winckelmann, der berühmte Gelehrte und Kunstforscher aus Stendal, der sich vom Schusterssohn durch die Kraft seiner Begeisterung und durch unentwegtes Selbststudium zum Begründer der wissenschaftlichen Archäologie entwickelt hat. Sie wissen, daß er lange in Rom wirkte und an den Ausgrabungen in Herculanum und Pompeji beteiligt war.« Schadow nickt bestätigend. Er kennt die »Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst«, die Schrift, in der Winckelmann das Wort von der »edlen Einfalt und stillen Größe« der griechischen Meisterwerke prägte. »So wie die Tiefe des Meeres allezeit ruhig bleibt, die Oberfläche mag noch so wüten«, zitiert Schadow, »ebenso zeigt der Ausdruck in den Figuren der Griechen bei allen Leidenschaften eine große und gesetzte Seele.« Graff lächelt. »Nicht bekannt wird Ihnen wahrscheinlich sein«, erwidert er, »daß Winckelmann diese Frühschrift nicht in Rom, sondern schon hier in Dresden verfaßte. Er war ja seit 1748 ganz in der Nähe, in Nöthnitz, bei dem Grafen Bünau als Bibliothekar tätig, freilich so schlecht bezahlt, daß er sich Mitte der fünfziger Jahre entschloß, nach Italien zu gehen.« Da lebhaft daran interessiert ist, Näheres über das Leben des berühmten Altertumsforschers zu erfahren, dem er sich wegen seiner bahnbrechenden Äußerungen über die antike Kunst zutiefst verpflichtet fühlt, fährt Graff bereitwillig fort: »Es ist ein wahrer Jammer, daß dieser Mann so tragisch enden mußte. Noch nicht zwanzig Jahre ist es her, als er die Absicht hatte, seine Heimat zu besuchen. Auch nach Dresden wollte er kommen«, fügt Graff hinzu, »doch entschloß er sich in Wien plötzlich – niemand weiß, weshalb –, wieder nach Italien zurückzukehren, und erlag dann in Triest, wie Sie sicher wissen, den Dolchstößen eines Mörders.« Schadow bedauert es sehr, daß Winckelmann, der der jungen Künstlergeneration tiefe Einsichten in das Wesen der Kunst vermittelte, so früh sterben mußte, und noch lange unterhalten sich die beiden über die Anregungen, die von Winckelmann ausgingen und alle Gebiete der Kunst befruchteten. Die Stunde des Abschieds von dem zauberischen »Elbflorenz«, über das für Schadow schon ein Hauch südlicher Heiterkeit gebreitet ist, und seinen liebenswerten Menschen hat geschlagen. An einem frühen Maienmorgen steht der von Meister Graff besorgte komfortable Reisewagen mit Klappverdeck und Gepäckhalter vor der Tür. In seiner Brusttasche verwahrt Schadow ein Empfehlungsschreiben des Professors an den Bildhauer Franz Zauner, der in Wien als Lehrer an der Akademie tätig ist. »Er ist ein lustiger Bruder«, bemerkt Graff, »dazu ein tüchtiger Fachmann mit Romerfahrung. Er wird Ihnen bei der Einführung in das klippenreiche Milieu der maßgebenden Wiener Gesellschaft behilflich sein!« Dann verabschiedet sich das junge Paar von dem Dresdner Maler und seiner heiteren Gattin. Der Atelierdiener bringt Körbe mit Proviant angeschleppt, die Frauen umarmen sich, die Männer schütteln sich die Hände. Auf geht‘s! »Grüßt mir die Donau«, ruft Graff den beiden hinterher, »und auch den Tiber, und bestellt ihm, er soll es sich abgewöhnen, im Sommer zu stinken!« Die Räder rollen durch Wiesentäler, an steinernen Berglehnen entlang. Unterwegs hält Gottfried Schadow eifrig Ausschau nach Schöpfungen der Volkskunst, denn hier droben im Gebirg sind die Schnitzer und Holzbildhauer zu Hause. Doch was er zu sehen bekommt, mißfällt ihm. Er ist gewiß kein Gegner kirchlicher Kunst. Er hat es selbst empfunden und später in seinen Kunstbetrachtungen ausgesprochen, daß beispielsweise ein Bildnis der Himmelsjungfrau in seiner weltentrückten Reinheit Balsam für die Seele sein kann. Doch bei den Bildstöckln, Marterln, Nepomuksäulen an den Landstraßen der böhmischen Lande hat er die Vorstellung, daß dem rastenden Wanderer an der Stätte der Erbauung ein klerikaler Büttel im Nacken sitzt, um den Sünder in die Knie, in den Staub zu zwingen. Er habe übergenug »an Jammerszenen und verunstalteten Götterqualen« gesehen, vertraut er seinem Reisetagebuch an. |
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